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Gestatten: Slayer, Tyre Slayer. Das Mercedes-AMG C 63 S Coupé

Formen, bei denen selbst Frau Kardashian neidisch wird und ein Antritt, der Reifen im Nu in Luft auflöst. Gestatten: das Mercedes-AMG C 63 S Coupé.

11.11.2015 passion:driving

Samstagmorgens, irgendwo auf einer spanischen Autobahn. Sie ist so leer wie das Säckel eines Menschen, der versucht, ein altes, italienisches Auto am Leben zu erhalten. Oder eben ständig zu reanimierem. Die Straße folgt einer seichten Kurve und schlägt sich in einer runden Tunnelröhre durch den Berg. Und wir halten genau dort mit unserem Mercedes-AMG C 63 S Coupé auf dem Standstreifen.

SpAgA für ein Halleluja

Der Fahrdynamikschalter geht auf Race, das ESP ist im Sportmodus. Fenster öffnen und beide Schaltwippen ziehen. “Race Start” fragt uns das Auto und bittet mit einem Zug an der rechten Schaltwippe um Bestätigung. Gut, die Fenster braucht es für dieses Prozedere nicht. Aber man will es. Rechte Schaltwippe gezogen, Fuß auf die Bremse, der andere nagelt das Gaspedal ans Bodenblech. Die Drehzahl schnellt hoch, der Ladedruck baut auf. Bremse lösen und schon bringt ein wütendes V8-Inferno die Tunnelwände zum beben. Himmel, geht das nach vorne! Und dabei diese innige Verbindung mit dem Kraftwerk unter der Fronthaube: jede einzelne Kurbelwellenumdrehung stampft spürbar durch die Karosse, vielleicht ist es auch einfach nur die Bass Drum des V8-Beats, die mit jedem Austritt des gezündeten Gemisches ein solches Theater veranstaltet. Aus Gas wird Musik.

Wer je Zweifel hatte, Turbolader würden den Untergang des Sportwagenabendlandes bedeuten, kann spätestens hier eindeutig aufatmen. Ja, wir wissen: Entwarnung haben wir schon oft gegeben. Aber wie es halt mit so Phrasen im Automobil-Journalismus ist: sie werden gern überbewertet. Doch wir können auf mehreren Fronten Entwarnung geben: dieser Motor klingt infernalisch. Turbo frisst Sound? Absolut nicht. Wie auch immer die Affalterbacher Ingenieure hier den Kniff geschafft haben, sie haben ihn gut gemacht. Beim Ansprechverhalten haben wir gleich doppelt gute Nachrichten. Denn einerseits lässt sich die Leistungsentfaltung sauber und feinfühlig dosieren. Wenn’s sein muss, zeigt sich der Vierliter-V8 aber auch von seiner gröbsten Seite und reißt an, wie es nur ein Turbomotor vermag – und das sogar, ohne die Drehfreude darunter leiden zu lassen.

Mercedes-AMG C63 S Coupé: Grobes Filetiermesser

Überhaupt: Grob. Das passt hier wie die Faust auf’s Auge. Wie Turbo auf Motor. Denn überlässt man die neue, steifere und breitere Hinterachse diesem Drehmomentvorschlaghammer, ist der Haftungsabriss spielerisch und in quasi jeder Situation provozierbar. Dann hüllen weiß-blaue Rauchfahnen aus den mächtig breiten Radhäusern jede Kurve in dichten Nebel und die Lauffläche der Gummis radiert sich schneller ab, als man zählen kann, ob man nun mehr Fliegen auf der Seiten- oder der Frontscheibe hat.

Doch er kann auch kontrolliert: feinfühlig lässt sich mit der Vorderachse der Grenzbereich ertasten, bis die 1,8 Tonnen – ja, das C 63 Coupé ist gut genährt – sanft über die Vorderachse schieben. Dann weiß man: jetzt geht noch ein bisserl was. Dafür brauchts dann einen sensiblen Gasfuß, um das Coupé zum Kurvenscheitelpunkt unter Zug zu halten. Die elektronisch geregelte Sperre im Heck des S-Modells spielt dann den treuen Gefährten, verändert den Sperrgrad, erzeugt auf diese Weise ein leichtes Giermoment. Das Untersteuern ist passé, folgt einem neutralem Verhalten und das resultiert in: mehr Speed in der Kurve. Und wer will, latscht jetzt einfach wieder, wie ein Irrer, aufs Gas und markiert mit weit heraushängendem Heck den Hoonigan. Und dank der neuen, steifen Hinterachse geht das noch spielerischer als zuvor.

Es ist diese Vielseitigkeit, die das neue C 63 S Coupé so besonders macht. Mit dem Hackebeil zuschlagen oder filigran mit einem Präzisionswerkzeug jede Kurve filetieren. Geht alles. Genauso auch der Spagat zwischen gemütlicher Langstrecke und “Ohgottohgottohgottumhimmelswillen!”. Komfortabel ist er, hat alles an Bord, was das Herz begehrt. Das feine Burmester-Soundsystem tönt dabei fast so schön, wie die Sportabgasanlage im Heck, das Head-Up-Display informiert auf einen Blick über die wichtigsten Fahrparameter und das aufgesteckte Navigations-Display sieht immer noch blöd aus – alles so, wie wir es in der C-Klasse bereits schätzen gelernt haben.

Inkognito geht sowieso … nicht

Trotz dieser Komfortqualitäten darf man sich dennoch nichts vormachen: Inkognito ist man mit dem C 63 S Coupé nicht unterwegs. Egal, ob die Sportabgasanlage ihre Klappen geschlossen hält. Die äußere Erscheinung ist einfach: mächtig. Die unfassbar weit ausgestellten Radhäuser, die vier Endrohre im Heck, der wuchtige Frontgrill … nein, wer diskret zum Kundentermin fahren möchte, sollte besser auf ein konventionelles C-Coupé zurückgreifen. Wer diese Bescheidenheit nicht braucht: einsteigen, Spaß haben, sich zum wummernden V8-Beat massieren lassen und sich darüber freuen, dass man zukünftig seinen Reifenhändler ähnlich oft sehen wird, wie den Tankwart.

Ein wenig Petrolhead-Talk, den Sound zum C 63 S Coupé und unsere Gedanken, gerade im Vergleich zum M4, gibt es auch noch in folgendem Video

// SHORTCUT

Was uns überrascht hat:
Wie sehr sich die neue Hinterachse auf das Fahrverhalten auswirkt. Positiv.

Was uns gefällt:
Mut zur Breite – Formen, bei denen selbst Frau Kardashian neidisch werden dürfte.

Die anderen:
Der filigranere: BMW M4. Der unterlegene: Lexus RC-F.

// DATEN Mercedes-AMG C 63 S Coupé

Grundpreis  € 103.420,-
Motor  8-Zylinder-BiTurbo-Benzinmotor, 3982 ccm
Leistung  375 kW (510 PS)/5500-6250/min
Drehmoment  700 Nm/1750–4500/min
Spitze  250/290 km/h, 0–100 km/h in 3,9 sec
NEFZ gesamt  8,9 l/100 km
CO2  195 g/km
Testverbrauch  22,4 l/100 km

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