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Reanimation des wertvollsten Mercedes 300 d Cabrios

Das Mercedes 300 d Cabriolet D, ein wunderbares Stück automobiler Geschichte, ist nicht unter einer Million US-Dollar zu haben. Purer Luxus aus der Nachkriegszeit.

29.04.2016 Press Inform

Es gibt elegantere Cabrios als den Mercedes 300; da muss man gar nicht lange suchen. Doch ist der 300er Mercedes gleichsam einer der großen Meilensteine der schwäbischen Modellgeschichte und des europäischen Automobilbaus. Während der Mercedes 600 der Baureihe W 100 als sein Nachfolger, über Jahrzehnte Staatslimousine von Deutschland und einer Reihe anderer Nationen mit ihren filigranen Formen verzauberte, war der 300er grober, üppiger und doch bis heute schlicht einzigartig. Lange Jahre war der Mercedes 300 (einstige Auflage: 3.000 Stück) auf dem internationalen Markt der klassischen Luxuslimousinen ein überaus blass nachgefragtes Stück. Das hat sich zuletzt geändert und die besonders seltenen Cabrios erklimmen immense Werte. „Von dem Adenauer Cabriolet wurden gerade einmal 65 Stück gebaut. Wie viele es noch gibt, wissen wir nicht genau. Viele sind es aber sicher nicht“, erklärt Mike Kunz, Chef des Mercedes Klassikcenters in Irvine / Kalifornien. Hier wurde gerade das wohl wertvollste Mercedes 300 d Cabriolet D wieder zu neuem Leben erweckt. „Die Restaurierung dauerte rund vier Jahre“, sagt Mike Kunz nüchtern, „parallel dazu haben wir eine 300er Limousine instandgesetzt und dabei viel über die Baureihen gelernt.“

Mercedes 300 d Cabriolet D, einmalig bis heute

Der offene Mercedes 300 ist ein Spiegelbild der späten 50er Jahre und damit ein Zeuge einer aufstrebenden und zunehmend selbstbewusster werdenden Zeit. Der Zweite Weltkrieg ist gerade erst einige Jahre her, als Mitte der 50er Jahre die Entscheidung für den Mercedes 300 gefällt wird. Die enge Ableitung von der 300er Limousine ist dem offenen Beau nicht nur durch seine bauchig-organischen Formen anzusehen. Das Cabriolet der W 189 Serie ist mit seinen vier Türen bis heute, in der Daimler‘schen Nachkriegsgeschichte, einmalig. Seine enge technische Verwandtschaft mit dem Flügeltürer des Mercedes 300 SL sieht man dem 5,19 Meter langen und über zwei Tonnen schweren Luxusmodell nicht einmal auf den zweiten Blick an.

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© Bild: Werk

Leistung ist nicht, was zählt

118 kW / 160 PS und 242 Nm maximales Drehmoment müssen in der Cabrio-Limousine reichen, um stilvoll und standesgemäß unterwegs zu sein. Der Verzicht auf die Direkteinspritzung des Sportvarianten kostet Leistung und im Fahrbetrieb Ansprechverhalten. Am dürren Steuer spürt man schnell, dass die Motorleistung des Reihensechszylinders jedoch eine allzu vernachlässigende Größe ist. Kaum ist die üppig mit Leder und Echtholz verzierte Fahrertür zugeschlagen, beginnt die Zeitreise in die automobile Vergangenheit. Die Entschleunigung der anderen Art erinnert trotz der vergleichsweise modernen Technik beinahe an ein Vorkriegsmodell. Die Lenkung ist so weich, leichtgängig und indirekt, wie man es sonst allenfalls von amerikanischen Schiffen aus den 60er und frühen 70er Jahren kennt. Lenkmanöver sollten daher gut überlegt und frühzeitig eingeleitet werden.

Offen beginnt dann das echte Fahrerlebnis

Leistungsdaten sind bei einem Wagen, wie dem Mercedes 300 d Cabriolet D, natürlich nebensächlich. Der Vollständigkeit halber seien hier die Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h und der Sprint von 0 auf Tempo 100 in 18 Sekunden erwähnt. Beides Werte, die hier absolut nicht von Bedeutung sind. Um das bestmögliche Fahrerlebnis zu garantieren, wird das Stoffdach eingeklappt. Das passiert am besten zu zweit, denn die außen liegenden Führungsscharniere müssen manuell nach hinten geschwungen werden und zieht dann die schwarze Persenning über. Dann ist auch die erstmals bei Daimler zu erstehende Klimaanlage ad Absurdum geführt.

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© Bild: Werk

Aufwendig restauriertes Einzelstück

Die Scheiben wenig stilvoll mit der Hand heruntergekurbelt und der Fahrtwind taucht schon im leichten Trab umfänglich in die offene Luxuslimousine ein, die im Jahre 1960 einst in trendigem moosgrün vom Band lief. Der amerikanische Besitzer des aufwendig restaurierten Einzelstücks ließ seinen Klassiker in einem dezenten grau lackieren. Der Rest blieb abgesehen von der nachgerüsteten Servolenkung weitgehend original und so fehlen Sonderausstattungen wie elektrische Fensterheber oder orthopädische Sitze vorn.

Und der Walzer beginnt und endet nie

Ein Dreh und das Radio entflammt während sich die elektrische Antenne in den kalifornischen Himmel reckt. Der Motor säuselt kaum vernehmbar im Hintergrund und das Luxusmodell drückt sich scheinbar ohne jegliche Anstrengung die seichten Kehren an der kalifornischen Küste hinauf. Kurvenscheitelpunkte werden eher ertastet, denn angesteuert und die Bremse hat mit den über zwei Tonnen leichte Mühe. Am Steuer stellt sich schnell ein Fahrrhythmus ein, der mit seinen Bewegungen unbemerkt einem endlosen Walzer gleichkommt.

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© Bild: Werk

Hinten sitzt es sich natürlich Fürstlich

Im opulenten Fond sitzt es sich schon aufgrund des 3,15 Meter langen Radstandes noch lässiger als vorn, wo der Verstellbereich für groß gewachsene Insassen schnell an seine Grenzen gerät. Und schon aufgrund des handschuhweichen Lederbezugs hat man nie einen Zweifel daran, in einer absoluten Luxuslimousine ihrer Zeit unterwegs zu sein, von der gerade einmal 65 offene Fahrzeuge kreiert wurden. Der genaue Wert lässt sich schon aufgrund der einzigartigen Restaurierung schwer abschätzen. Ende der 50er Jahre kostet der automobile Cabriotraum 37.000 D-Mark – inklusiv Dreigang-Automatik und Stoffsitzen. Der US-Preis von 12.644 Dollar toppte selbst den 300 SL – egal ob Roadster oder Flügeltürer – deutlich. Den Wert des einzigartigen Cabriolets beziffert Klassikexperte Mike Kunz ohne eine Miene zu verziehen mit über einer Million.

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