McLaren Werksführung MP4-12c MP4 12c Spyder P1 Woking
Der McLaren P1 wird 375 Mal gebaut. Die wichtigste Zahl im ganzen Prospekt.
 

Walking through Woking – Eine McLaren Werksführung

Ein Rundgang in Woking, eine McLaren Werksführung. Über die Zukunftsideen von McLaren, ausverkaufte Modelle und fischende Finnen.

01.10.2013 Online Redaktion

Dieser See ist ein Mysterium. Niemand weiß genau, was dort eigentlich für Fische drin sind. Deswegen mag der Himmel zwar grau sein, aber Heikki ist glücklich. Der Finne hat die Erlaubnis sich auf die langgezogene Straße am See zu setzen und zu angeln. Als erster und einziger Mensch überhaupt. Weit im See taucht sein Angelhaken ein, platschend kommt der Schwimmer hinterher. Der Schwung kommt aus dem Handgelenk. Als Heikki Kovalainen dieses Privileg zu teil wird, ist er gerade Formel eins Pilot bei McLaren. Der See liegt am Gebäude der Firmenzentrale in Woking bei London.

Das Besondere an diesem See ist, dass er auch im Herbst noch rund 26 Grad Celsius warm ist, weil das Wasser zum Kühlen des Gebäudes und des Windkanals verwendet wird. Norman Foster, einst Schüler von Buckminster Fuller, heute gefeierter Stararchitekt, hat das Gebäude entworfen. Ron Dennis hatte ihm die Vorgabe gegeben möglichst energiesparend zu planen. Nicht uneigennützig. Weil das Gebäude im Grünen steht, gab es strenge Bauvorschriften, was die Größe angeht. Eine riesige, würfelförmige Halle wäre gar nicht erlaubt gewesen.

McLaren Werksführung

So schuf Foster ein Gebäude, das sich über die Wiesen schwingt, versucht hinter dem See zu verschwinden und sich so harmonisch in die Landschaft fügt. Doch bei der Planung des Gebäudes haben weder Ron Dennis noch Norman Foster damit gerechnet, wie sehr die Marke McLaren Automotive aufblühen würde. Derzeit arbeiten rund 2.000 Menschen in Woking, in wenigen Jahren sollen es 3.000 sein. Dann könnte es eng werden.

McLaren Werksführung MP4-12c MP4 12c Spyder P1 Woking

Fertigungsstraße vom McLaren P1.

Das Gebäude wurde sehr platzoptimiert gebaut. Die riesige Eingangshalle mit integriertem Museum und angeschlossener Kantine dient den Angestellten als ganz normaler Flur. Möchte ein Buchhalter etwas essen, kommt er an der Konstruktionshalle der Formel eins Experten vorbei. Wer weiter hinten in der Fertigung arbeitet und ins Fitnesscenter möchte trifft die Kollegen aus der Entwicklung. Das soll der Kommunikation dienen. Es geht nicht darum, sich anderen zu präsentieren, wie es die VW-Welt oder das Porsche Museum bezweckt, sondern darum, sich selbst zu motivieren. Modern geht es zu, aber nichts künstlich oder gezwungen.

Doch spätestens 2015 wird es eng. Denn McLaren will in jedem Jahr ein neues Auto präsentieren. Angefangen hat alles mit dem MP4-12c – McLaren nennt das Modell übrigens nur noch 12c. Es folgte der 12c Spyder und, eben heuer, der P1. Aus der Neuerscheinung für 2014 macht die Marke noch ein großes Geheimnis, Wahrheiten werden die kommenden Messen bringen. 2015 soll dann ein „leistbarer McLaren“ auf den Markt kommen, der P13. Leistbar bedeutet, dass der Porsche 911 ein direkter Konkurrent sein wird.

Vor allem der besagte 911er-Konkurrent soll helfen, die Fabrik auszulasten. Im kommenden Jahr will McLaren 1500 Autos bauen (und verkaufen). 120 P1, 1380 12c. Davon wiederum werden achtzig Prozent Spyder sein. Die maximale Kapazität liegt bei 4700 Stück, 4.000 sind das offizielle Ziel. Bis zu sieben Baureihen können gleichzeitig gefertigt werden – freilich auf McLaren-Niveau. Der P1 ist beispielsweise eine eigene Baureihe, von der aber nur 375 Stück produziert werden, wodurch sie nach zweieinhalb Jahren automatisch ausläuft.

Exklusivität schafft Begehrlichkeiten

Eine Taktik, mit der McLaren sein Geld verdient. Als der P1 auf dem Autosalon in Paris vorgestellt wurde, gingen bereits 600 ernstgemeinte Anfragen ein. Obwohl weder Preis noch Leistungsdaten bekannt waren. Die vermeintlichen Kunden fragten lediglich wie oft das Modell gebaut werde. Es geht um Wertzuwachs. Der mittlerweile legendäre F1 kam um 800.000 Dollar. Bei einer Versteigerung im letzten Jahr wechselte eines dieser Modelle für sechs Millionen Dollar den Besitzer. Die Autos werden nicht gefahren, sie werden geparkt und gepflegt.

Im Vergleich zu Massenherstellern haben es die Verkäufer entsprechend einfach die geforderten Stückzahlen abzusetzen. 2013 feierte McLaren den 12c Nummer 3.000. Der P1 war in praktisch allen Märkten außer Europa sofort ausverkauft. In Europa brauchten die Händler ein paar Wochen länger – Krise ist, wenn McLaren weniger schnell vergriffen sind.

McLaren Werksführung MP4-12c MP4 12c Spyder P1 Woking

Spoiler vom McLaren P1.

Mittlerweile ist McLaren in 24 Märkten vertreten. Stand Ende September 2013. Das muss dazu gesagt werden; es kann schnell gehen in Woking. Die beiden jüngsten Shops wurden in Auckland/Neuseeland und in China eröffnet. Noch sind die USA der wichtigste Markt der Engländer, das könnte sich jetzt ändern. Denn in China hat McLaren einen gewichtigen Vorteil. Ihre Motoren bleiben unter vier Litern Hubraum. Eine Grenze, bei der in China eine zusätzliche Steuer fällig wird. Bei Autos, die dem Fiskus eine Berechnungsgrundlage von einer Millionen Dollar vorlegen, werden selbst wirklich Wohlhabende abgeschreckt. Und sei es nur aus Prinzip.

Wie McLaren Gewinn erwirtschaften will

Doch mit 1500 Autos im Jahr, selbst mit 4000 Autos, ist es unmöglich, diese Firma kostendeckend zu betreiben. McLaren fährt auf einem Niveau mit Ferrari, Lamborghini und AMG. Marken mit einer milliardenschweren Konzernmacht im Rücken. Weswegen Geld auch noch an anderer Stelle verdient wird. Zur McLaren Group gehören neben dem Autobauer und dem Formel-eins-Stall (der einen großen Brocken zu Forschung und Entwicklung beiträgt) auch noch die Applied Technologies.

Von McLaren Applied Technologies stammen beispielsweise das leichteste Fahrrad der Welt (nach angaben von McLaren) und die Prothesen der Paralympik-Läufer. Die Technik war derart fortschrittlich, dass über unlauteren Wettbewerb diskutiert wurde. Außerdem gibt es noch McLaren Electronics. Eine Firma, die Software, Bedienelemente und andere Gadgets entwickelt. Einen eher kleinen Teil zum Firmenergebnis – aber immerhin auch einen – dürfte Absolute Taste beitragen. Eine Catering-Firma die genau wie Applied Technologies und Electronics von jedem beauftragt werden kann, der sich das leisten möchte.

Auch die Abteilung Racing – die Heimat des Formel eins Rennstalls – mit seinen 500 Angestellten ist in Woking zu Hause. Wer einmal gesehen hat, mit welcher Überzeugung jeder einzelne McLaren-Mitarbeiter von diesem Team spricht wundert sich, dass sie überhaupt jemals ein Rennen verloren haben. Im krassen Gegensatz dazu besitzt McLaren durchaus Humor. Von der Saison 2005 wird völlig freimütig erzählt. Damals gewann Kimi Raikönnen sieben Rennen und hatte das schnellste Auto im gesamten Starterfeld, es haperte allerdings an der Zuverlässigkeit, weswegen am Ende Fernando Alonso (ebenfalls sieben Siege) Weltmeister wurde.

McLaren und der Motorsport

Viele Wände haben riesige Vitrinen integriert, in denen insgesamt 639 Pokale stehen. Auch hier muss gesagt werden: Stand Ende September. McLaren nimmt für sich in Anspruch die weltgrößte Sammlung originaler Motorsportpokale zu besitzen. Bei den Engländern sei es Tradition, dass der Fahrer nur eine Replik der Trophäe bekommt, während das Original an das Team geht.

McLaren Werksführung MP4-12c MP4 12c Spyder P1 Woking

Der erste Rennwagen von Bruce McLaren.

Den Ansprüchen gerecht zu werden ist indes nicht leicht. Jeder, der beim Formel eins Rennstall arbeitet und regelmäßig an den Strecken dieser Welt arbeitet hat in seinem Vertrag stehen, dass er drei Mal die Woche ins hauseigene Fitnessstudio muss. Eine Einrichtung, die mit dem Schwimmbecken und der vorbildlichen Hygiene eher an ein Fünf-Stern-Hotel erinnert.

Zwei mal am Tag muss die Pitsop-Crew außerdem zwanzig Minuten lang ihren Renneinsatz trainieren. Also Reifen wechseln, Visier reinigen, Sprit nachfüllen. Der Rekord der McLaren Crew liegt bei 2,31 Sekunden. Der von RedBull aber bei 2,05 Sekunden. Eine Bestzeit die unterboten werden muss.

Andere Automarken wissen nicht, wie sie auf die benötigten Stückzahlen kommen. McLaren muss aufpassen, nicht zu schnell zu wachsen. Andere Autohersteller opfern Image und Fanbasis den kurzweiligen Markttrends. McLaren ist ein Markt für sich. Ein stabiler dazu. So stabil, ein Star der Firma kann sich zum Angeln raussetzen.

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