McLaren MP4-12c Test Fahrbericht Supertest Karl Wendlinger
„Erst auf den Schweller setzen, dann Figur II.“
 

Testbericht: McLaren MP4-12C

Als ich lernte, unseren Planeten oberflächlich zu lieben. (Der Beifahrer ist angehalten, sich am Türgriff anzuhalten.)

05.12.2012 Autorevue Magazin

Man kann diesen zugeschärften Supersportwagen McLaren MP4-12c kaum aus neutraler Distanz beschreiben. Muss man ja auch nicht. Es war im tschechischen Grenzgebiet, knapp vor Znaim, auf einer dieser landschafts­geschmeidigen Straßen, als mir der McLaren unvermittelt zeigte, worum es beim Autofahren überhaupt geht.

Es war eine Straße ohne Leitpfosten, ohne Begrenzungs­linien, ohne Norm­böschung und Richtungs­weiser. Sie verlief nach der Landschaft, die sich dort ins Hügelige aufwirft wie ein leicht verrutschter ­Teppich. Die Kurven, Schleifen, Senken waren nach Bachlauf, Baumbestand und Pferde­verstand angelegt. Der Asphalt war gut patiniert und angeraut; es herrscht dort Lastwagenverbot im kleinen Grenzverkehr, somit: keine ­Löcher, Rillen, Rattermarken, doch sanfte Wellen und leichte Bombierungen. Dann und wann ein Hase.

Es war genau in der Kompression eines Hügelrückens, als mir plötzlich diese Liebe einschoss, dieses unmittelbare Verständnis zur Straße, zur ­tragenden Oberfläche, die das Auto und mich offensichtlich verband. Es war alles so klar und verständig, entspannt und konzentriert, tänzerisch und momentanbezogen. Dritter Gang, kaum über hundertzwanzig (was wirklich nur eine Augenblicksbeschreibung sein kann), das ganze Glück der weiten Landschaft im Auge und den Asphalt in Augen­höhe vor mir in seiner guten Griffigkeit.

Mit dem linken Paddle schieße ich Torpedo 2 in den Lauf, eine rein energetische Maßnahme, um alle Reize zu spüren, die räudige Drehzahl, den brachialen Schub und dieses unglaubliche Soundgebilde im Nacken; wie ein Sauger reißt der Doppelturbo mit dem Runterschalten den V8 an, und plötzlich also gehen die Wolken auf, und mit dieser epochalen Klarheit eines Sehenden wird mir schlagartig bewusst, wie sehr der Wagen und ich dasselbe Lied spielen, wie tief unser Vertrauen ist in dieser elementaren Hinwendung zur Straße, zur Beschaffenheit des Makadam, der ­griffig und fettgeteert dahinmäandert wie ein symphonisches Thema. Und dass all dies Teil der luxuriösen Oberfläche unserer Welt ist, mit nichts als Luft, Himmel und Weltall darüber. Nichts mehr und nichts weniger. Nicht ­einmal ein Wölkchen am ­Horizont.

McLaren MP4-12c Test Fahrbericht Supertest Karl Wendlinger

So erfühlt sich die Klarheit geläuterten Erlebens: Ein Fuß Gas, ein Fuß Bremse. Zwei Hände auf dreiviertel drei; rechts hinaufschalten, links hinunter. In der Mitte vorn der Drehzahlmesser. Von der tiefen Sitzposition aus, die so präzise eingerichtet ist wie bei einem Motorrad, erlebt man die Straße in Magentiefe. Die beiden Radkästen sind bewusst sichtbar ausgeformt, damit man das perfekte Gefühl für die Position der Vorder­räder hat. (Zigtausende Kilometer hatte Cheftester Chris Goodwin schon am Simulator zurückgelegt, um sämtliche Parameter ab­zustecken.) Das Auto als Raumanzug. 600 PS und mehr reißen direkt an der Hinterachse. Ständig ist Elektronik am ­Zucken, um das Fahrwerk in Echtzeit einzuregeln. Im Track-Modus herrscht wenig Humor; stempelhart werden die Räder mit der Fahrbahn­oberfläche synchronisiert, der Wagen presst mit hohem Tempo dahin, agiert dabei aber ­jeden Augenblick in voller ­Gewissheit der Situation. Fest in der Hand, aber locker im Gelenk halte ich das Lenkrad; mit dem gegen die Spritzwand abgestemmten Fuß halte ich das Auto in Fahrlinie, binde es ein, wie man ein Pferd im Galopp hält: langes Bein und tief im Sattel.

Phantastisch, wie schnell der scheinbar exotische Wagen persönlich wird; wie gut die Fahrwerkseinstellung auf der Mittelkonsole (Comfort, Sport, Track) anspricht, wie hackenzack das Lenkpaddle die sieben Gänge durchs Seamless-Shift-Getriebe schießt, notfalls erst bei 8500 Touren. Bis zu 600 Newtonmeter müssen vom Doppelkupplungsgetriebe des F1-Zulieferers Oerlikon-Gra­ziano runtergewürgt werden.

Direkt im Nacken versammelt sich das Klangorchester im Resonanzkasten, der in den Stadien Sport und Track bespielt wird. Das mag das einzige Detail am Wagen sein, das fancy erscheint, also nicht durch und durch der Notwendigkeit des optimierten Fahr­erlebnisses entspricht. Aber der Sound macht die Musik, man will sie nicht missen (ist aber auf langen Verbindungsetappen froh über das komfortable Reisefahrwerk und den gemäßigten Klang).

McLaren MP4-12c Test Fahrbericht Supertest Karl Wendlinger

Anders als bei den Vor­serienmodellen, die ich auf dem Flugfeld von Dunsfold gefahren war, ist die Verarbeitung jetzt makellos; Details wie die Schmetterlingstüre – kurze Irritation des Anfängers, später liebgewordene Selbstverständlichkeit – erfreuen durch klare Funktion. Jedenfalls, sobald man den Trick ­heraußen hat, wie man mit der flachen Hand unter den Türwanst zu streichen hat, damit dieser sensorgesteuert aufspringt. Und weiter geht es: Erst auf den Schweller setzen, dann Figur II: Reingleiten unter das abgeflachte Lenkrad auf den Fahrersitz (Beine zuerst, eh klar).

Desgleichen perfekt: Die Luftbremse mit ihrer zweistufigen Downforce-Funktion (sie bringt zusammen mit dem Diffusor-Effekt bis zu 270 kg auf die Hinterachse). Phan­tastische Dezeleration. Kokettes Schlankeln des schwerpunktzentrierten Mittelmotorkonzeptes beim scharfen Anbremsen – scheinbare Nervosität des Rennpferdes. Es lohnt, sich ein Rad genau anzusehen – dieses unglaublich feinverstrebte, dank finiter Elemente nochmals um vier Kilogramm pro Felge erleichterte Speichennetz mit der formatfüllenden Compound-Scheibe dahinter (Keramik gegen Aufpreis), und daran verbissen diese Lokomotiven blockierenden Bremsschuhe, jeweils der Wagenmitte zu angeordnet. Die Stahlklammern befinden sich in Aluminiumschuhen, so wird Gewicht gespart und doch stählern zugepackt.

Und ja, es gibt brauchbaren Kofferraum à la Lambo, Ferrari, Porsche vorn. Die Klima­anlage muss wegen des geringen Raumvolumens ständig nachjustiert werden, das MP3-Soundteil tut sein Nötiges, die elektrische Handbremse zieht mit leisem Stöhnen an, die Tankverblendung ist zugleich der Tankverschluss. Das Wissen um das Öffnen der Motor-Glasabdeckung adelt den Auskenner (der die Unterseite-Geheimnisse der hochgestellten Fahrertüre kennt). Haltegriffe gibt es kaum; der Beifahrer ist angehalten, sich am leder­verkleideten Türgriff festzuhalten. Und weil wir jetzt auch ganz pragmatisch geworden sind, entfällt aus Platz- und Gewichtsgründen der Schlusssatz. Der hätte sich auf verschmockte Weise mit dem Preis beschäftigt.

Der McLaren MP4-12c war auch beim Supertest 2012 dabei, hier das Video:

pixel