Lotus Ende Bahar HEthel Pleite Evora
 

Wohin des Weges?

Das Ende von Lotus naht. Aber wir haben es ja gleich gesagt. Auch wenn uns das nicht glücklich macht.

18.04.2012 User

Ja, wir sind Besserwisser. Und nein, wir sind nicht stolz darauf. Wir hatten vor etwa einem Jahr geschrieben, dass wir heftig daran zweifeln, dass es Lotus schaffen wird, all die großartigen Modelle, die auf der Messe in Paris 2010 angekündigt worden waren, auf die Räder zu stellen (den Artikel gibt es hier). Dass jetzt alles so eintrifft, wie wir es vorausgesagt hatten, sogar noch heftiger, schlimmer, erfüllt uns nicht mit Freude, ganz im Gegenteil. Denn Lotus gehört zu unseren allerliebsten Auto-Marken – zumindest jene Marke Lotus, wie Lotus einst war.

Es ist aber nicht mehr wie einst. Ganz besonders nicht, seit der Schweizer Dany Bahar die Macht übernommen hat in Hethel, im Herbst 2009. Er wollte Lotus, das damals noch dem malayischen Proton-Konzern gehört hatte, zu einem Ferrari-Konkurrenten aufbauen (Bahar hatte einst bei Ferrari gearbeitet).

Ein breiter Range von Fahrzeugen, hochkarätige Technik. Wir haben es damals geschrieben, wir schreiben es wieder: who cares? Denn Bahar machte einen ganz großen Fehler: er wollte Lotus neu erfinden. Darauf hat aber gar niemand gewartet, außer ihm selber.

Die komplette Fehleinschätzung der Situation ist ganz allein dem Lotus-Chef vorzuwerfen. Er hat viele gestandene Lotus-Jungs rausgeworfen, sie ersetzt durch seine eigenen Knappen. Dann sämtliche Kohle in die Entwicklung eines halben Dutzends neuer Modelle geworfen (ja, es sind nur fünf, wir wissen das). Anstatt sich zuerst einmal um die Hausaufgaben zu kümmern. Die bestehenden Produkte so zu verbessern, dass sie auch Zukunft haben.

Am Lotus Exige wurde zwar gebastelt, aber unterdessen hat wohl jeder einen Exige, der einen Exige haben will. Dieses Thema ist nach 12 Jahren extrem ausgereizt. Und der Evora steht wie Blei, da kann man S dran schreiben und auch ein anständigeres Getriebe einbauen, die Kundschaft will dieses Auto einfach nicht. Und genau das hätte Bahar doch stutzig machen sollen – es gibt keine Kunden für dicke, fette Lotus. Es wird sie nie geben. Und was ist eigentlich mit dem GTE, dem Renn-Modell des Evora?

Die Situation ist wie folgt. Proton, der Lotus-Besitzer (Bahar und seine Investoren halten einen unbekannten Anteil an Aktien), wurde kürzlich von DRB-Hicom – einem weiteren malayischen Autohersteller mit eher dubioser Vergangenheit – übernommen. Proton hatte Lotus noch versprochen, 500 Millionen Dollar zu investieren, doch DRB-Hicom scheint wenig von diesen Plänen zu halten. Es ist im Gegenteil so, dass der neue Besitzer Lotus den Geldhahn anscheinend schon zugedreht hat. Man hört sagen, dass die Löhne nicht mehr bezahlt werden.

Zwar sagt Bahar, man diskutiere gerade mit den neuen Besitzern, wie es weitergehen soll, doch er sagt auch, es sei vorstellbar, dass Lotus verkauft werde. Da werden die üblichen Verdächtigen genannt, und immer sind es Chinesen. Einer der möglichen Partner ist Jinhua Youngman, ein Unternehmen, das unter der Bezeichnung Lotus schon ganz eigenartige Modelle verkauft in China – und eine sehr unrühmliche Rolle spielte beim Hinschied von Saab.

Lotus Ende Bahar HEthel Pleite Evora

Lotus hat die für 2013 versprochene Einführung eines neuen Esprit schon mal auf 2014 verschoben; an der Entwicklung des neuen V8 werde aber weiterhin gearbeitet, erzählt Bahar. Die Frage ist nur, mit welchem Geld dies bezahlt wird. Es heißt zwar, man habe volle Bestellbücher, über 1000 Fahrzeuge seien verkauft – doch man muss nicht gut rechnen können um zu sehen, dass dies nicht einmal reicht, um die laufenden Kosten zu begleichen.

500 Millionen reichen mittlerweile nirgends mehr hin. Es würde schon knapp werden, wenn Lotus nur ein einziges neues Modell aus dem Boden stampfen wollte. Dazu kommt dann noch die Erhöhung der Produktionskapazitäten, die gibt es auch nicht gratis. 6000 Autos pro Jahr, das ist das Ziel von Bahar. Und es ist etwa so utopisch wie jenes von Fisker, die 100.000 Atlantic jährlich absetzen wollen.

Zumal sich Lotus – und da wird die Situation dann vollends unübersichtlich – ja noch auf teure Sport-Engagements eingelassen hat. Die Formel 1, aber auch in der American-LeMans-Series. Von dort kommen aber auch keine guten Nachrichten, es heißt, Lotus habe die Lieferung von Motoren einstellen müssen.

Aus der Formel 1 heißt es, dass Lotus einen fälligen Betrag über 36 Millionen Euro nur mit Mühe habe garantieren können (wir haben sogar flüstern gehört, dafür habe ein Teil der Produktionsanlagen als Sicherheiten hergegeben werden müssen). Es gibt aber auch Meldungen, wonach Lotus gar nicht mehr dabei ist – wie erwähnt, die Situation ist verworren.

Und dazu tragen die Engländer einen nicht unwesentlichen Teil bei. In den vergangenen Tagen hat sich Lotus eine sehr unglückliche PR-Schlacht geliefert mit einigen englischen Medien. Sehr heftig und wenig souverän reagiert auf einen zugegebenermaßen auch nicht gerade geschmackvollen 1.-April-Scherz, der Dany Bahar als Saddam-Hussein-Parodie zeigte.

Und auch das ist ein Problem: Bahar hat es sich mit den englischen Medien komplett verscherzt. Da kommt nur noch Hohn und Spott – nicht gerade das, was die Marke jetzt brauchen kann.

Wir erwarten den großen Knall. Der wird wohl bald kommen. Wir hören das auch aus guten Quellen, die wir hier nicht nennen wollen. Das Ende der hochfliegenden, allzu großspurigen Bahar-Pläne wäre eine weitere Katastrophe für Lotus, doch das ist sich die Marke ja gewohnt; es war eigentlich nie anders. Doch Bahar und Konsorten sind eigentlich die schlimmsten Totengräber, welche Lotus bisher über sich hat ergehen lasen müssen: nicht einmal General Motors (ab 1986) hat den Markenkern so wenig verstanden wie der Schweizer. Hoffen wir doch, dass ein allfälliger neuer Besitzer nicht an zwei Tonnen schwere Hybrid-Brummer denkt, sondern wieder an anständige, leichte, leichte, leichte Sportwagen. Wir sind der Überzeugung, dass genau das Erfolg bringen würde, denn: das gibt es heute nicht mehr, alles ist groß und schwer und dick und fett geworden. Es gibt aber auf jeden Fall Kunden, die klein und leicht und schnell und böse haben wollen. Doch diese Damen und Herren sind dann halt nicht so cool, dass sie zum Bekanntenkreis des Herrn B. gehören möchten.

Vielen Dank für diesen Kommentar an Peter Ruch von www.radical-mag.com

Mehr zum Thema
  • Hmh, ein neuen Lotus Esprit könnt ich mir schon vorstellen. Aber es is wohl eher so, dass nur Sportwagen in den heutigen Märkten nicht mehr reicht, zum Überleben, siehe Porsche. Und nur Nische wird schwierig, wenn man nicht Ferrari ist.

pixel