Lotus Exige Matte Black Final Edition
Die Final Edition. Wie passend.
 

Lotus` letzte Zuckungen?

Wie und ob überhaupt geht es weiter mit Lotus. Gedanken von Peter Ruch von www.radical-mag.com

25.08.2011 User

Das 19. Loch auf dem Golfplatz im kalifornischen Pebble Beach ist eine der exklusivsten Adressen der Welt. Dort, im Rahmen des berühmtesten Concours d’Elegance für Oldtimer, inmitten der extrem Reichen und ganz besonders Schönen, präsentierte Lotus am vergangenen Wochenende gleich zwei Neuheiten. Das passt irgendwie zu Lotus, diese Show. Die neuen Lenker und Denker lieben den Glamour, das ganz große Theater, auch wenn sie eigentlich nicht viel zu erzählen haben.

Denn eines der beiden neuen Modelle, der Exige Matte Black Final Edition, ist so etwas wie die Abschiedsvorstellung für den sportlichen Exige. 30 Exemplare wird es geben, alle Mattschwarz lackiert – und nur in den USA und Kanada erhältlich. Dort darf das Coupé ab nächstem Jahr nicht mehr antreten – die Sicherheits- und Abgas-Bestimmungen erlauben es nicht mehr. Doch man darf davon ausgehen, dass diese Final Edition überhaupt das letzte Zucken des Exige ist. Aber immerhin kommt er noch einmal richtig heftig. 260 PS werden ihm mit auf den Weg gegeben. Damit soll er in nur 4,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigen. Oder vielleicht auch nur auf 90 km/h, oder 85.

Das andere Modell, der Lotus Evora GTE, ist vorerst nur ein Konzept für einen straßentauglichen Rennwagen, der in der neuen GTE-Kategorie ab 2012 auch bei den 24 Stunden von Le Mans starten darf. Dort soll der heftig bespoilerte Evora von Kunden eingesetzt werden, die sich dann an 476 PS freuen dürfen. Doch man darf annehmen, dass der Sportwagen mit einem auf 426 PS gedrosselten 4-Liter-V6 (den Lotus beim Toyota bezieht) tatsächlich auch auf die normalen Straße kommt. Auch in Europa. Und über 400 PS im Evora, das ist doch mal eine gute Ansage.

Nur: Unterdessen mehren sich die Stimmen, welche ziemlich laut die Vermutung äußern, dass diese zwei neuen Modellvarianten vielleicht die letzten Windungen von Lotus darstellen könnten.

Zwar hatte der traditionsreiche englische Hersteller, gegründet 1952 vom genialen Colin Chapman, erst im vergangenen Herbst auf dem Salon von Paris ein wahres Feuerwerk gezündet, und gleich sechs komplett neue Modelle versprochen: Esprit, Elan, Elite, Eterne, den Nachfolger der Elise und noch ein winziges Stadtwägelchen. Ab 2013, so versprach der seit 2009 wirkende Lotus-Chef Dany Bahar damals, werde man jedes Jahr ein neues Fahrzeug auf die Strasse bringen.

Dany Bahar, geboren in Istanbul, aber aufgewachsen im Engadin, ist ein wahrer „wonderboy“. Er absolvierte einst eine Lehre bei einem Autohändler in Wil SG, dann ging es nur noch steil aufwärts. Bevor Bahar im Oktober 2009 Lotus als CEO übernahm, hatte er bei Ferrari im obersten Kader gearbeitet. Zuvor war er die rechte Hand von Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz. Er gilt als Marketing-Genie. Dani Bahar ist erst 39 – und verheiratet mit Annett, der Tochter des berühmten Headhunters Björn Johansson. Die Familie lebt mit ihren zwei Kindern im englischen Norfolk.

Seit Bahar bei Lotus arbeitet (er ist an der Firma mit einem nicht unwesentlichen, aber unbekannten Anteil beteiligt), ist im englischen Hethel (446 Einwohner) kein Stein auf dem anderen geblieben. Er warb einige Top-Shots der Industrie ab, vor allem von Ferrari („Ferrarisation“, spötteln die englischen Medien), und bildete einen Rat der Weisen, dem unter anderem auch das Auto-Urgestein Bob Lutz sowie weitere prominente Rentner und Arbeitslose angehören. Vor allem an der Qualität will der Marketing-Mann feilen.

Und doch bestehen große Zweifel, dass Lotus den Umschwung schaffen kann. Dort werden derzeit etwas weniger als 3000 Autos pro Jahr gebaut, die seit einer mittleren Ewigkeit keinen Gewinn mehr einbrachten. Denn die Diskrepanz zwischen schöne, neue Modelle erdenken und schöne, neue Modelle auch bauen, die ist in der kapitalintensiven Autoindustrie riesig.

Zwar stehen hinter Lotus der malayische Staatsbetrieb Proton sowie anscheinend einige Milliardäre aus dem arabischen Raum als Investoren, doch das reicht bei weitem nicht aus, um seriöse Produkte auf die Straße zu bringen. Vor allem, weil „Marketinggott“ Bahar die Marke Lotus komplett umkrempeln will – nicht mehr heiße und leichte Sportgeräte anbieten mag, sondern gegen die berühmten Namen Ferrari, Lamborghini, Aston Martin und Porsche anstinken will.

Mit Konzepten, die den jetzigen (und extrem loyalen) Lotus-Fans nur bittere Tränen in die Augen treiben. Denn wer bisher gegen gutes Entgelt eine Elise gekauft hat, der wird sich kaum für einen viersitzigen Eterne begeistern können, der mindestens 1,8 Tonnen wiegt und neben dem 5-Liter-V8 (der zuerst noch konstruiert werden muss) auch noch über Elektroantrieb verfügt. Da wird Bahar dann viel von seinem Marketing-Bla-Bla bringen müssen, um eine komplett neue Lotus-Kundschaft begeistern zu können.

Gerade aus England, dem bisher wichtigsten Markt für Lotus, kommen ganz harsche Worte der Kritik. Und dann hört man auch immer wieder, dass Lotus seine Angestellten nicht bezahlen könne, dass die Lieferanten nur noch gegen Vorauskasse gewillt seien, ihre Teile in die unterdessen für viel Geld modernisierte Fabrik nach Hethel zu liefern – und dass der Esprit, versprochen für 2013, schon so einiges an Verspätung habe. Das mag viel Geschwätz sein, doch wo Rauch ist, da brennt meistens auch ein Feuer.

Wir würden es schade finden, wenn es Lotus nicht mehr geben würde. Doch noch schlimmer finden wir es, dass der gute Geist von Colin Chapman vor die Hunde geht; Lotus hatte bisher eine wunderbare Nische besetzt, und dafür haben wir die Marke geliebt. Noch einen edlen Viertürer à la Panamera und Rapide (der sich anscheinend gar nicht gut verkauft), das braucht die Welt nun wirklich nicht. Und am allerwenigsten von Lotus.

Vielen Dank an www.radical-mag.com

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