Lotus Exige S
In Hethel werden wieder Autos gebaut.
 

Endlich raucht´s wieder

Endlich gibt es Neuigkeiten von Lotus in Form fahrbarer Autos. Attacke: Exige S.

20.05.2012 radical mag

Lotus hat in jüngster Vergangenheit nicht gerade für positive Schlagzeilen gesorgt. Nun ging es wieder einmal um ein Produkt – um den neuen Exige S mit aufgeladenem V6-Motor. Und der neue Lotus weiß zu gefallen.

Eines muss von Anfang an gesagt sein: an der teils etwas verschrobenen Produkten von Lotus gab es nie viel zu kritisieren. Klar, es gibt Sportwagenhersteller mit eleganteren Detaillösungen. Und solche, die in ihren Wagen den Passagieren viel mehr Platz anbieten. Aber in Sachen Leichtbau war Lotus bisher unerreicht. Zwar hagelte es an der Firmenpolitik von Lotus-Chef Dany Bahar Kritik – auch von uns – doch die Situation bei den Briten scheint sich wieder normalisiert zu haben. Zumindest wird im Moment wieder produziert.

Das Gewicht ist auch beim neuen Exige S ein zentraler Punkt. Innen ist der neue Brite nämlich kaum größer als sein Vorgänger. Außen hingegen hat der Exige S deutlich zugelegt. Der Radstand wurde um satte 70 Millimeter verlängert (237 Zentimeter), die Spurweite wuchs vorne um 25 mm und hinten um fast 4 Zentimeter. Schließlich muss statt eines Vierzylinders ein quer eingebauter V6-Motor mit 3,5 Litern Hubraum und einem Kompressor Platz finden.

Die Außenabmessungen sind also massiv gewachsen (LxBxH 408x180x113 Zentimeter). Allein bei der Länge hat der neue Exige 30 Zentimeter zugelegt. Trotzdem kann man den neuen Lotus immer noch als sehr kompakt bezeichnen. Aber, entsprechend schwer ist er geworden, der Exige S. Wobei man sagen muss, dass ein schwerer Lotus immer noch rund 200 Kilogramm leichter ist als zum Beispiel ein aktueller Porsche Boxster. Die Briten nennen einen Wert von 1176 Kilogramm.

Lotus Exige S

Ja, Lotus-Puristen werden jetzt schon wieder die Nase rümpfen, on zu recht oder nicht verraten wir später. Und die Hardcore-Lotusfreaks können die Nase auch gleich in der Rumpf-Position belassen. Denn beim Exige S hält auch jede Menge an Regelelektronik Einzug. Doch auch davon später mehr. Wir möchten zuerst verraten, was der potente Brite kostet: mindestens 81.710 Euro nämlich. Und da wird das Naserümpfen wohl in die dritte Runde gehen.

Nach wie vor ist es am besten, wenn man eine Ballettausbildung gemacht hat, um in den Exige einzusteigen. Der Zustieg ist eng. Sehr eng. Und wie beim Vorgängermodell ist die Erleichterung groß, wenn man mal drin sitzt. Und dann will man auch gar nicht mehr raus. Denn innen ist es zwar eng, aber durchaus gemütlich und die Sitze sind sehr bequem. Bequem im Lotus-Sinn, den die schlanken Stühle sind zwar in Sachen Ergonomie und Seitenhalt sehr fein. Komfort im klassischen Sinn darf man aber nicht erwarten.

Jedenfalls fast nicht: wir erwähnen die optional bestellbare Sitzheizung nur, um die Puristen-Nase nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Die Lenkstockhebel aus dem uralten Opel Corsa sind aber noch mit an Bord. Und das finden wir bei einem Auto in dieser Preisklasse zumindest gewagt.

Lotus Exige S

Doch kommen wir zur Kernkompetenz eines jedes Lotus: schnell fahren. Und das kann der Exige S (einen Exige ohne das „S»“gibt es derzeit nicht) hervorragend. Das Auto wirkt extrem leichtfüßig, hat dank des V6-Triebwerks mit Kompressor immer genügend Drehmoment an der Hinterachse und verfügt über sensationelle Bremsen. Doch der Reihe nach.

Das als Mittelmotor in den Exige gepflanzte Triebwerk kommt wie bei allen anderen Lotus-Modellen von Toyota. Das moderne Aggregat verfügt über Benzin-Direkteinspritzung und wird an ein manuelles Sechsganggetriebe gekoppelt. Der Verdichter stammt von Harrop (System Eaton Twin Vortex). Mit Aufladung kommt der 3,5-L-Sechsender auf 350 PS und ein maximales Drehmoment von 400 Nm.

Trotz Kompressor ist der V6 kein Drehmomentriese. Zwar stehen maximal durchaus beachtliche 400 Newtonmeter zur Verfügung, allerdings erst bei 4500 Umdrehungen. Will heissen, auch der Exige S muss gedreht werden, um ordentlich an Fahrt aufzunehmen. Doch das macht, nicht zuletzt wegen der Klappenauspuffanlage, mächtig Spaß. Denn der Sound der V6 direkt hinter dem Fahrerrücken hat schon was für sich, auch wenn der Kompressor die feine Klangkulisse mit seinem kreischenden Arbeitsgeräusch etwas durchbricht.

Also ab auf die hauseigene Rennstrecke im Werk an der Potashroad in Hethel. Kaum sind die Reifen warm (dazu später mehr), saugt der Exige die Straße förmlich auf. Der mechanische Grip des Wagens ist enorm und dank des immer noch geringen Gewichts kann man den Exige durch die Kurven treiben, als wär es ein Playmobil-Wägelchen. Ein kurzes Zucken an der (nach wie vor nicht unterstützten) Lenkung und der Lotus schlägt schärfere Haken als ein Hase auf der Flucht vor Walliser Jägern.

Wer in der Kurve vom Gas geht, regt das Heck zum Eindrehen an, der Lastwechsel hat vor allem wegen der breiteren Spur und des längeren Radstands viel vom Schrecken verloren. Der neue Exige ist trotz massiv mehr Leistung deutlich einfacher zu fahren als sein Vorgänger. Und er ist sauschnell, da müssen sich ein paar andere Sportwagenhersteller ganz, ganz warm anziehen. Zumal auch an der Bremsanlage gearbeitet wurde. Die Kombination aus Hochleistungsbremse von AP Racing (Schiebendurchmesser vorne 35 cm) und den nun breiteren Reifen katapultiert die Bremsperformance des Exige S in eine neue Lotus-Dimension.

Und bei den Reifen hat der Kunde nun die Wahl. Entweder man odert den Exige S mit Pirelli-Reifen (P Zero Corsa) für den Alltagsbetrieb. Die Corsa-Pneus bieten auch im Regen und bei kalten Temperaturen hervorragenden Grip. Ein Option, auf welche viele Lotus-Fahrer seit langem gewartet haben. Oder man wählt die Reifenoption für die Rennstreckenheizer, die Trofeo-Variante von Pirelli. Diese Pneus sollte man in Kombination mit dem Performance-Fahrwerk bestellen. Diese Abstimmung, welche auch an unseren Testwagen verbaut war, ist zwar für die Rennstrecke optimiert, bietet aber trotzdem ein gewisses Mass an Fahrkomfort. Bisher ein Fremdwort für Exige-Besitzer. Die „normale“ Fahrwerksabstimmung konnten wir beim Kurzbesuch im Werk leider nicht fahren. Parallel zum ganzen Auto sind auch die Reifendimensionen gewachsen. Neu gibt es an der Vorderachse 17-Zöller im Format 205/45, hinten werden Pneus der Dimension 265/35 R 18 verbaut.

Ganz neu ist die Regelelektronik im Lotus Exige. Das zusammen mit Bosch entwickelte System nennt sich „Dynamic Performance Management“ (DPM) und verfügt über vier Stufen. Mittels Wählschalter kann der Pilot entscheiden, ob er im Tour-, Sport- oder Race-Modus unterwegs sein will oder das System ganz abschalten möchte. Wer jetzt denkt, dass das ESP im Tour-Modus den Fahrer schon beim kleinsten sportlichen Einsatz in seine Schranken weißt, wird enttäuscht. Auch in der sichersten Stellung, welche von Lotus vor allem bei sehr widrigen Straßenverhältnissen empfohlen wird, kann man den Exige ziemlich fliegen lassen. Viel öfter im Einsatz werden aber die Positionen Sport und Race sein.

Und der Race-Modus hat uns sehr überzeugt. Die Elektronik errechnet fortlaufend das aktuelle Gripniveau und gibt das maximal mögliche Drehmoment an die Räder weiter. Will heißen: wer auf nasser Strecke am Ende der Spitzkehre voll aufs Gaspedal tritt, wird nur leicht Gegenlenken müssen während der Lotus mit so viel Power wie bei den Verhältnissen möglich aus der Kurve schießt. Lotus-Fahren für Dummies. Jaja, die Hardcore-Jungs machen wieder eine Rumpf-Nase. Immerhin: nicht verändert hat sich die schlechte Schalthebelführung.

Was halten wir also vom neuen Exige S? Noch ist der Spirit von Colin Chapman nicht verraten, eher an die Realität angeglichen. Der Exige S ist sauschnell (0-100 km/h in vier Sekunden, Topspeed 274 km/h), verdammt leicht zu beherrschen und eigentlich gut gemacht. Doch er markiert auch das obere Ende der Fahnenstange. Denn wenn künftige Lotus-Modelle noch schwerer und teurer werden, müssen sich endgültig mit der europäischen Sportwagen-Konkurrenz messen lassen. Und dann wird das Eis ganz dünn, denn viele der Konkurrenten bieten einfach mehr Auto fürs Geld.

Dank geht an die Kollegen von www.radical-mag.com

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