1/9
Späte Rache für die Fords. Henry (links stehend) und Edsel (links sitzen) kaufen die Marke Lincoln für acht Millionen Dollar von Henry Leland (rechts ­stehend) und Sohn Wilfried.
 

Die Markenhistorie von Lincoln

Der Lincoln Continental wird 2016 neu aufgelegt. Zeit, einen Blick in die Historie der Präsidentenmarke zu werfen.

31.03.2015 Autorevue Magazin

Henry Leland und Edsel Ford haben nie den Ruhm bekommen, der Ihnen zusteht. Der eine gründete die Marke Lincoln, der andere machte die Autos zu den Limousinen der Präsidenten, Schauspieler und Wirtschaftsgrößen. Sie alle werden sich mit Henrys und Edsels Luxusschlitten schmücken, aber am Ende wird keiner von beiden ein Identitätsstifter werden wie Gottlieb Daimler, Carl Benz oder Henry Ford. Denn die Lincolns dulden keinen König neben sich.

Alles begann mit Henry Leland. Hölle und Himmel hatte der schon hinter sich gebracht. Er stammt aus einem ärmlichen Elternhaus, es folgt der Bürgerkrieg, dann gründet er eine eigene Fabrik und wird Millionär. Er ist die Musterlösung zum American Dream.

1936 - Zephyr. Ein Auto für den jungen Kunden der 1930er Jahre. Edsel Ford emanzipierte sich mit diesem Auto von seinem Vater.
© Bild: FORD ARCHIV

Lincoln – Ergebnis des American Dream

Jetzt, oben angekommen, wollte er eine neue, eine echte Herausforderung. Henry Leland wollte eine eigene Automobilfabrik. Und die Autowelt brauchte ihn. Denn Leland war Perfektionist. Er hatte einen Hang zur Präzision, der einer Zwangsneurose gleichkam: „Es ist einfach, eine mittelmäßige Arbeit abzuliefern – aber man muss Blut schwitzen, um ein hervorragendes Produkt zu fertigen.“

Henry ließ sich 1899 ein Oldsmobile liefern, und der Motor sprang nicht an. Lapidar erklärte ihm Ransom Olds persönlich: „Jeder Motor führt ein Eigenleben.“ Purer Blödsinn in den Ohren eines Perfektionisten.

Leland trieb den Motoren ihren Individualismus aus. Dann ging es ganz schnell. 1901 wurde Leland Berater der Henry Ford Motor Company. Doch Henry Ford überwarf sich mit Leland… und wurde aus seiner eigenen Firma rausgekauft. Für 900 Dollar. Zu lange schon hatte Henry Ford Gewinne versprochen, die er nicht liefern konnte. Seine Firma wird kurzerhand in Cadillac umbenannt und von General Motors gekauft.

1939 - K Chassis. Die erste Präsidenten Limousine von Lincoln. Das Dienstfahrzeug für Roosevelt.
© Bild: FORD ARCHIV

Henry Ford musste gehen

Jetzt wird klar, wo die Schwäche von Leland liegt. Er ist zwar ein begnadeter Motorenbauer, aber ein lausiger Diplomat. Als auch die USA sich 1917 am ersten Weltkrieg beteiligen, will Leland die Motoren für die Luftwaffe bauen. Ehrensache. Dieses Land hat ihn vom Schuhputzer zum Millionär gemacht.

Das Problem ist nur, dass der Direkter von General Motors, also von Lelands Arbeitgeber, William Durant heißt und Pazifist ist. Diesmal ist es Leland, der gehen muss. Für ihn ist das kein Problem. Er hat genug Geld und Kontakte, um seine eigene Fabrik bauen zu lassen. Nach nur vier Monaten gibt es die Lincoln Motor Company.

1919 war der patriotische Auftrag erledigt. Jetzt wollte Leland Autos bauen. Tat er auch. Aber immer wieder fand er etwas, das er ändern und verbessern wollte. Überspitzt gesagt: In seinem Perfektionswahn vergaß er die Auslieferung der Fahrzeuge. 1921 ist Leland pleite, und es folgt die größte Demütigung seines Lebens – er muss zu Henry Ford betteln gehen. Der hatte, nach dem Verlust seiner Firma an General Motors, einen beispiellosen Aufstieg hingelegt.

1972 - Continental Mark IV. In Filmen fahren die harten Typen so einen, in der Wirklichkeit sitzt unter anderem Joe Frazier am Steuer.
© Bild: FORD ARCHIV

Eine Frage der Ehre

Zu ihm muss Leland jetzt. Ausgerechnet zu Henry Ford, der mit seinen Billigautos zum Tycoon aufgestiegen ist. Ford machte ein Friedensangebot: acht Millionen Dollar und eine Führungsposition für Vater und Sohn Leland. Doch die beiden lehnen ab. Aber arbeiten für Ford? Ums Verrecken nicht. Also übernimmt Edsel Ford, der Tycoon-Sohn, die Marke Lincoln. Für Edsel ist es eine Chance, sich zu beweisen.

Der Name Lincoln stand für Perfektion. Bessere und teurere Autos gab es damals nicht. Das blieb auch unter Edsel so. Für den Preis eines Lincoln konnte man sich zehn Ford T-Modelle kaufen. Edsel machte die Autos auch noch hübsch. Und ging auf Kundenwünsche ein. In den ersten 17 Monaten verkaufte Edsel 5500 Lincoln. Mit 16 verschiedenen Karosserietypen, in 26 unterschiedlichen Ausführungen. Die Karosseriebauer wetteiferten darum, wer Lincoln beliefern durfte.

Die Autos und Motoren wurden größer. Edsel traf mit jedem Modell den Zeitgeist (der Superreichen). Erst Mitte der 1930er Jahre musste sich etwas ändern – die Kunden wurden zu alt. Etwas Jugendlicheres musste her. Der Zephyr.

Die Autos der Präsidenten

1939 orderte der Secret ­Service eine Spezialanfertigung für Präsident Roosevelt. In diesem Jahr kam auch der erste Continental auf den Markt. Edsel soll das Auto mit den Worten in Auftrag gegeben haben: „Baut mir ein Cabriolet für meine Winterferien in Palm Beach. Aber lasst es europäisch aussehen.“ Mit „Continental“ ist Europa gemeint. 1943 starb Edsel Ford an Magenkrebs.

1989 - Presidential Series. ­Pünktlich zum Fall des Eisernen Vorhangs kann Georg Bush senior den Kommunisten ­zeigen, wie Staatslenker  gefahren werden sollten.
© Bild: FORD ARCHIV

In den Nachkriegsjahren geben sich Designer und ­Manager die Klinke in die Hand. Es entsteht eine eigene Continental Division – eine Konzerntochter von Ford. Sogar Motorsporterfolge gibt es: Bei der Panamericana holt Lincoln 1953 und 1954 einen Klassensieg. 1961 sollten alle Irrungen beendet sein. Die Continental Division gibt es nicht mehr, das gleichnamige Auto sehr wohl. Die Modelle der Continental Division (Mark II bis V) werden ignoriert und die Nummerierung beginnt von vorne.

Beim neuen Continental wird auf Chrom weitestgehend verzichtet und auf Heckflossen sowieso. Für seine minimalistischen Formen bekommt das Auto einen Designpreis. Lincoln etabliert sich dadurch in der Oberklasse. Kein Präsident ohne Lincoln. Truman, Eisenhower, Johnson, Nixon, Ford, Carter, Reagan und Bush. Und natürlich John F. Kennedy, der im Lincoln den Tod fand.

Doch auch am anderen Ende der politischen Skala schätzt man die Marke Lincoln. So wurde Kim Jon Il auf einem Continental Mark IV zum Friedhof gebracht – sein Sarg war auf dem Dach montiert. Für eine Sonderanfertigung reichte es wohl nicht.

Jetzt versucht Ford den Lincoln Continental wiederzubeleben. Zeit wurde es. Die Marke hat erheblich an Testosteron eingebüßt.

Mehr zum Thema
pixel