Leserblog Lena Reinhard
 

Liebster Paul

Lena Reinhards Liebesbrief an 924 Kilo Blech.

22.11.2010 User

ja, Paul ist ein seltsamer Name für ein Auto, und “wer ist eigentlich Paul?” Aber, seien wir doch ehrlich, – ein Corsa ist auch ein seltsames Auto. Du warst auch nie eine Schönheit. Aber hey, ich liebe dich trotzdem. Oder – genau deswegen.

Damals, als ich dich das erste Mal mit nach Hause genommen habe, war klar: Das ist nicht einfach irgendein Auto wie jedes andere auch. Und plötzlich wusste ich auch einfach, wie du heißen würdest. Ja, es ist kindisch, ja, es ist so typisch Frau, aber weißt du was? Es war mir egal. Und ich habe mich nur ein einziges Mal sehr geärgert, dich, diesen Nutzgegenstand, diesen fahrbaren Untersatz, dieses Transportmittel, dieses Ikea-Möbel-nach-Hause bring-Ding so emotionalisiert zu haben: Zu der Zeit, als klar war, dass ich dich verkaufen muss.

Ach, Paul.

Wo waren wir nicht überall. In der Toscana, in Genua, und überall am Meer. In Frankreich, in Dänemark, in Braunschweig. In Stuttgart, Frankfurt, Nürnberg, München, Berlin und Wien. Im Ruhrgebiet, im Bayrischen Wald, in der Eifel und am Bodensee. Auf dem Dorf, in der Stadt, auf Feldwegen und auf vierspurigen Autobahnen. Wir waren auf Dorf-Feten, in großen Clubs, bei verschwiegenen Festen. Beim Eislaufen, auf Silvesterparties, auf Konzerten. Am Waldsee, in Scheunen, auf Supermarktparkplätzen, in Hotelgaragen.

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Wir sind gemeinsam jahrelang täglich zu meiner Arbeit gefahren. Irgendwann habe ich es auch geschafft, mir nicht mit der Wimperntusche das Auge auszustechen, wenn ich mich wieder einmal im Rückspiegel schminken musste, weil ich so spät dran war. Du hast mich zu Dates gebracht, und nachts wieder nach Hause, manchmal auch erst einen oder zwei Tage später. Und wenn ich doch einmal nach zwei Stunden aus einer Verabredung flüchten musste, wusste ich: Du wartest auf mich. Paul, wusstest du, dass ich dank dir auch Männer sortieren konnte? Ich wusste immer: Die Typen, die sich über dich lustig machen, will ich nicht wiedersehen. Denn wer dich nicht mag, den mag ich auch nicht.

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Du bist ein Charakterauto. Eines mit einem falschen Rennfahrerstreifen, mit kleinen Dellen und großen Macken (die Motorwarnleuchte! Mann!). Aber eines, das immer da war. Das in jede Parklücke passte, und das mich nie im Stich gelassen hat. Du bist zwar klein, aber du warst immer oho, und kein Auto ist so klein, dass man nicht darin übernachten könnte. Und umgezogen sind wir, mehr als nur einmal, und, ja, so ein Opel Corsa ist ein wahres Raumwunder!

Manchmal, wenn es mir nicht gut ging, sind wir irgendwohin gefahren, auf einen Feldweg oder an den Rand der Stadt. Ich bin ausgestiegen und ein paar Meter gelaufen, kam irgendwann wieder zurück, habe mich hinters Steuer gesetzt und hätte am liebsten geweint. Dann habe ich das Radio eingeschaltet, meine Lieblingsmusik lief, das vertraute Geräusch deines Motors im Hintergrund, und ich wusste, alles wird irgendwie gehen.

Ab und an hab ich laut geflucht, wenn irgendjemand wieder nicht Autofahren konnte (Frauen im Straßenverkehr! Ein Graus!). Aber noch häufiger habe ich ganz schön vor mich hin gegrinst, wenn wir an einem dieser ekelhaften Macho-Typen vorbeigeflitzt sind, klein und leicht bist du eben auch, und ein bisschen was hast du auch unter der Motorhaube. Ach, war das schön, diese Blicke werd ich nie vergessen. Auch wenn es manchmal nur mit letzter Kraft und den Berg runter war.

Wir sind mit offenen Fenstern übers Land gedüst, wenn es überall nach Frühling roch, im Sommer sind wir zusammen an den Fluss gefahren und im Herbst haben wir Laub gepflügt. Wir haben Wintereinbrüche erlebt. Auf der Autobahn, in der Rhön, und an Silvester auf dem Weg in den Norden, bei 30 km/h auf der Autobahn. Als außer uns niemand mehr unterwegs war.

Who should be asleep and not crossing roads or highways. Das war der Text zu unserem Lied.

Und was haben wir nicht alles erlebt. Als ich mit den Bands jedes Wochenende auf der Bühne stand, hast du mich wieder gut nach Hause gebracht. Wir haben falsch geparkt, sind manchmal etwas zu schnell gefahren, na gut, und über diese eine rote Ampel … reden wir nicht. Oft hatten wir auch Mitfahrer. Irgendwo zwischen Fahrer- und Beifahrersitz: Wurde herumgeknutscht, gelacht, geweint, geredet, manchmal stundenlang, und manchmal von allem etwas. Vor zwei Wochen dann waren wir das allerletzte Mal zusammen unterwegs. Ein allerletztes Mal habe ich den Fahrersitz ein Stück zurückgestellt, mich mit einer Wolldecke zugedeckt und geschlafen. Nur eine Stunde. Aber es war wie … zuhause.

Liebster Paul. Mach’s gut. Pass auf deine neuen Fahrer auf. Und vergiss mich nicht. Auf die nächsten 150.000 Kilometer.

Alle Fotos: Lena Reinhard; Vollzeit-Bloggerin, Teilzeit-Musikerin, Hobby-Fotografin, 24/7-Überlebenskünstlerin.

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  • Kujau

    Was auch immer es zu gewinnen gibt, man sollte es schon einmal nach Berlin schicken.

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