Jubiläum Renault 4 Radical Mag
Renault versprach, der R4 lieferte.
 

Liebeslaube und Möbelwagen – Teil 2

50 Jahre Renault 4 – eine französische Feier in zwei Teilen.

29.05.2011 radical mag

Teil zwei der Renault-Historie (hier geht es zu Teil eins):

Mit 3,66 Metern Länge ist der R4 kürzer als ein Renault Clio, mit einer Höhe von 1,55 Metern fast so hoch wie ein Renault Scenic. Fünf Personen haben gut Platz – sofern sie mangels Breite des Fahrzeugs keine Berührungsängste haben. In den Kofferraum passen 250 Liter, werden die hinteren Sitze umgeklappt (die zusammenfaltbare Rücksitzbank war auch eine Premiere) sind es gar 950 Liter. Ein völlig ebener Wagenboden und der Verzicht auf den Mitteltunnel erlauben dazu vielfältigste Innenraum-Variationen. Noch ein Clou: Dank „Revolver-Schaltung“ und clever angebrachter Handbremse (vorne links neben dem Lenkrad) kann der Beifahrer problemlos nach links aussteigen – in den engen französischen Innenstädten mit ihrem typischen Parkplatz-Chaos ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Eher bescheiden war die Motorisierung. Die Vierzylinder hatten zwischen 747 und 1.108 ccm Hubraum, die Leistungsspanne erstreckte sich von 22 bis 34 PS (und beim „Rodeo“ sogar auf wilde 45 Pferdchen). Aber die stärkste Version war dann auf der Autobahn locker mit 120 km/h unterwegs, und hatte auch einen Anflug von Durchzugskraft (maximales Drehmoment: 75 Nm bei 2500/min). Zehn Jahre nach der Präsentation erlebt der R4 nochmals ein Hoch. Während der Ölkrisen 1971 und 1973 schlägt seine große Stunde.

Jubiläum Renault 4 Radical Mag

Als Verkaufshürde entpuppte sich der Rostfraß, gegen den noch so mancher R4 früh in seinem Leben den Kampf verlor. Die Hohlprofile des Plattform-Rahmens rosteten von innen gegen außen. Man sah es also erst, wenn es längst zu spät war. Ansonsten sind die Renault sehr zuverlässige Fahrzeuge – und genügsam in Sachen Aufmerksamkeit. Der Vierzylinder verfügte erstmals über ein geschlossenes und deshalb quasi wartungsfreies Kühlsystem. Druck- und Temperatur-Ausgleich erfolgten über einen separaten Behälter mit frostsicherer Befüllung. Auch die vorher üblichen Schmiernippel entfielen, ab 1988, gegen Ende seines Lebenszyklus, erhöhte Renault das Service-Intervall noch af 50.000 Kilometer. Anfangs machte Renault Werbung damit, dass man sich mit solchen Kleinigkeiten nicht mehr befassen müsse, was zur Folge hatte, dass viele R4 nur selten eine Werkstatt von innen sahen. Was dann wiederum zur Folge hatte, dass sie dann, wenn sie dann doch in die Werkstatt mussten, bereits hoffnungslose Fälle waren.

Anfangs gab es beim R4 nur drei Vorwärtsgänge, erst ab 1967 gab es dann vier. Zu BEginn hatte der R4 auch nur Trommelbremsen rundum, bis 1975 konnte der Wagen auch mit einer Kurbel gestartet werden. Eine weitere Besonderheit: die hinteren Drehstäbe der Federung waren längs versetzt, deshalb besitzt der R4 rechts und links einen unterschiedlichen Radstand. Es gab ihn auch mit Allrad-Antrieb, schon ab 1964, dann hieß das Ding R4 Sinpar 4×4. Und ein anderer Allrad-R4 schaffte einen der größten rennsportlichen Coups überhaupt, als er 1979 bei der Rallye Paris-Dakar den zweiten Gesamtrang belegte. Ganz beachtlich für ein Fahrzeug, von dem die Presse 1961 noch schrieb, es sähe aus wie die höchste Evolutionsstufe eines Regenschirms.

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Wir durften kürzlich mal wieder einen R4 fahren, ein frühes Modell, Jahrgang 1962. Schon beim Einstieg merkt man, wie klein das optisch groß wirkende Fahrzeug in Wirklichkeit ist, zwischen A- und B-Säule ist nicht viel Raum. Einen Zündschlüssel gibt es nicht, sondern einen Dreh-Schalter unter der sehr flach verlaufenden Lenksäule (bei einem Frontaufprall nicht unbedingt das, was der Mensch braucht). Der Vierzylinder wimmert, und zum Glück wissen wir aus unseren 2CV-Erfahrungen, wie so eine Schiebestock-Schaltung funktioniert. Bloß, dass wir dann nach einigen Kilometern wieder vergessen haben, dass frühe R4 nur über drei Gänge verfügen, da vorne rechts, da ist nix mehr mit Schalten.

Aber der R4 geht deutlich besser als ein 2CV. Da ist deutlich mehr gefühltes Drehmoment. Ob er wirklich schneller ist, da haben wir keine Ahnung, doch es kommt auch nicht darauf an, ob von 0 auf 100 km/h nun eine halbe Stunde vergeht oder eine ganze. Und der Renault hat weniger Seitenneigung, viel weniger. Erfreulich präzise lässt er sich lenken, und wenn die Schaltung auch so exakt geführt wäre, dann wäre das ebenfalls erfreulich. Ist sie aber nicht. Also muss man beim Runterschalten schon mit viel Gefühl und doppeltem Zwischengas arbeiten. Und bis man dann so weit ist, ist man eh so langsam, dass es gar nicht mehr darauf ankommt. Bremsen, ja: vorhanden. Aber mehr nicht.

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Ach, schön. Und doch müssen wir hier zum Schluss noch die Frage diskutieren, weshalb der Renault 4 nie die Ausstrahlung eines 2CV hatte, nie derart geliebt und verehrt wurde (und wird), obwohl er doch eigentlich das viel bessere Automobil war (und ist), mehr Platz hatte, variabler war, technisch und konzeptuell ausgereifter, auch zuverlässiger? Wahrscheinlich genau deshalb.

Vielen Dank für diese Geschichte an www.radical-mag.com

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