Jubiläum renault R4 Radical Mag
Junge Paare sagten die Demografen voraus.
 

Liebeslaube und Möbelwagen – Teil 1

50 Jahre Renault 4 – eine französische Feier in zwei Teilen.

28.05.2011 radical mag

Wenn Testfahrer ihren Gefährten einen Namen geben, dann sind sie nicht bloß an der Arbeit, sondern so ein bisschen… nun… verliebt. Als Renault Ende der 1950er Jahre mit der Entwicklung des R4 begann und das Fahrzeug auf die damals längsten Erprobungsfahrten rund um die Welt schickte – bei denen stolze 2,9 Millionen Kilometer zusammenkamen – nannten die Piloten den neuen Wagen liebvoll: Marie-Chantal.

Marie-Chantal war eine Revolution, für die (französische) Auto-Industrie von einer Wichtigkeit wie vorher nur die Citroën-Modelle Traction Avant, 2CV und DS. Die Idee dazu hatte Pierre Dreyfus, seit 1955 président-directeur général (PDG) der halbstaatlichen Renault S.A., nachdem er in einem Zeitungs-Artikel etwas über die demographische Entwicklung der französischen Bevölkerung gelesen hatte. Immer mehr junge Familien mit relativ geringem Einkommen aber vielen Kindern, werde es geben.

Jubiläum renault R4 Radical Mag

Er verlangte von seinen Ingenieuren ein günstiges Auto, eine Art Volkswagen, aber höher positioniert als der 2CV. Und er verlangte vor allem ein radikales Umdenken. Damals baute Renault den 4CV mit Heckmotor und Hinterradantrieb (wie es damals halt Mode war, VW Käfer, Fiat 500, etc.), aber Dreyfus wollte weg von diesen alten Zöpfen. Was auf dem berühmten weißen Blatt Papier dann zu sehen war, war aber nur teilweise eine Revolution. Den Frontantrieb gab es schon länger, genau wie die mit dem Rahmen verschraubte Karosserie. Aber Renault setzte den Vierzylinder-Motor weit nach hinten in den Fahrerraum, was einen tiefen Schwerpunkt und eine günstige Gewichtsverteilung ergab.

Die rundum einzeln aufgehängten Räder, die über Drehstäbe gefedert wurden (vorne an unteren Traghebeln mit Schubstreben und oberen Dreieckslenkern, hinten an längs eingebauten Schwingen), verbesserten zudem den Fahrkomfort und die Spurstabiltät. Auch in flotter angefahrenen Kurven bescherte der Renault den Piloten keine unangenehmen Überraschungen. Fahrdynamisch war der R4 um Welten besser als die bekannten „Heckschleudern“, und auch angenehmer und einfacher zu fahren als ein 2CV, der noch so manchen Fahrgast in eine Art Seekrankheit trieb.

Doch es waren andere Dinge, die den R4 für die damalige Zeit sehr fortschrittlich machten. Die Öffentlichkeit kriegte den R4 (der dann ab 1965 in Renault 4 umgetauft wurde) am 28. August 1961 zum ersten Mal zu sehen, als 200 weiße Exemplare um den Eiffelturm kreisten. Ein für Renault sehr mutiger Marketing-Gag (bei Citroën, weitaus avantgardistischer, haben sie sicher darüber gelacht). Er war das erste Volumen-Modell außerhalb der USA, das sich eine Plattform-Strategie zunutze machte, eine Art Baukasten-System. Weil die nicht-tragende Karosse, wie schon erwähnt, mit dem Rahmen nur verschraubt ist, ließen sich weitere Varianten schnell und vor allem kostengünstig realisieren. Neben der fünftürigen Version, die offiziell am 21. September 1961 in Frankfurt vorgestellt wurde, gab es ab 1962 den Kastenwagen Fourgonnette, ab 1964 einen Pick-up, ab 1969 den „Plein Air“ (ja, ein sehr offenes Cabrio) und ab 1970 den „Rodeo“, eine Art Buggy mit Kunststoff-Karosse.

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Aber vor allem war der R4 die weltweit erste Kombi-Limousine mit vier Türen, einer großen Heckklappe, einem erstaunlich geräumigen Kofferraum und einem variablen Innenraum. Dieses Konzept erwies sich als so erfolgreich, dass über die Jahre kaum Modifikationen erforderlich wurden: 31 Jahre lief der Renault fast unverändert vom Band. Stolze 8.135.424 Stück wurden in 28 Ländern gebaut sowie in über hundert Staaten dann auch noch verkauft. Renault schaffte mit dem R4 den Schritt in die Globalisierung – und in die Herzen der Franzosen. Marie-Chantal wird von Professoren genau so gefahren wie von den Studenten, er ist Familienkutsche und bei Bedarf auch Nutzfahrzeug, er ist Liebeslaube und Möbelwagen. Und der französische Regisseur setzt ihm in „Traffic“ nicht bloß ein cineastisches Denkmal, sondern zeigt auch gleich noch einen wichtigen Zusatznutzen des abklappbaren Kühlergrills: Darauf lässt sich nämlich wunderbar eine warme Mahlzeit zubereiten. Das ging dann ab 1975 nicht mehr, dann brach auch bei Renault das Kunststoff-Zeitalter aus, etwa bei diesem Kühler-Grill.

Morgen folgt an selber Stelle Teil zwei der Renault-Historie.

Vielen Dank für diese Geschichte an www.radical-mag.com

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