Das Hauptaugenmerk ist nicht der Preis sondern der tiefere Sinn eines Autos.
 

Liebeserklärung an den Individualverkehr

Keimzellen der individuellen Mobilität, könnte man sagen. Kleine Ego-Booster, kleine Wunder.

21.06.2011 Autorevue Magazin

Neun Autos unter 11.000 Euro treten zum Autorevue-Shootout an. In der aktuellen Ausgabe (7/2011) matchen sich neun Autos um die Krone im Preisbrecher-Segment. Eine Erläuterung ist nötig, warum die Kleinwagen mehr sind als die reine Reduktion auf den Preis.

Im Heft treten an: Chevrolet Spark 1,0 Plus, Dacia Sandero Ambiance, Fiat Panda 1,2 City, Kia Picanto 1,0 Cool 5t., Nissan Pixo 1,0 Acenta, Peugeot 107 1,0 Junior 3t., Renault Twingo 1,2 Yahoo, Suzuki Splash 1,0 Basic, Toyota Yaris 1,0 Terra 5t..

Das Spannende daran ist ja, dass wir es hier nicht lediglich mit kleinen Autos zu tun haben, sondern mit exemplarischen Vertretern der kleinsten Darstellung des individuellen Autofahrens, also regelrechten Keimzellen der Automobilität, was hochtrabend klingt, aber jeder Gegenprobe standhält.

Somit sind sie auch ernsthafte Protagonisten einer Art Leitkultur, die wir uns so selbstverständlich angeeignet haben im Lauf der Jahrzehnte und die immer mehr angezweifelt zu sehen wir uns heute gefallen lassen müssen. Dabei müssen sich gerade die Kleinwagen an exponierter Stelle bewegen, denn ihnen tritt man konkurrierend, oft polemisierend entgegen mit Fußgang, Fahrrad, Fahrgemeinschaft und Elektromanie.

In gewisser Weise sind wir abseits dieser Gutgemeintheiten zu einem überraschenden Schluss gekommen: Bei all diesen Diskussionen wird auf vermeintlichen Vernunftebenen argumentiert, wir hören von Volksgesundheit und Entschleunigung und Kommunikationsgewinn durch Bahnfahren, aber bei aller Redlichkeit wird das ästhetische Problem vernachlässigt.

All die öffentlichen Scheußlichkeiten des braven Mannes, der multitaskenden Frau werden ignoriert. All diese Fahrradhelme, die aussehen wie offene Gehirne, das Gegenüber in der Straßenbahn, das gerade seine Zunge ins linke Nasenloch steckt, die dicke Frau mit Pizzabelag im Dekolleté und die ungebetene ¬Gesangsdarstellung im U-Bahn-Waggon, diesem schlingernden Luftschutzkeller der Mobilfunker. All diesen Grauslichkeiten, der dreisten Heute-Zeitung, dem als Punk verkleideten Kontrolleur (o.k., das ist schon eine erheiternde Nummer) und dem geschmacklosen Bekleidungskanon der Generation Radfahrt kann man sich schwer entziehen, weil wir halt in diese Welt und Zeit hineingeboren wurden und damit eh noch den Jackpot erwischt haben, falls das schon jemandem aufgefallen ist.

Dabei herrscht leider so ein Selbstverständnis, als wären Geschmacksfragen vernachlässigbare Luxusprobleme. Das stimmt aber nicht, wagen wir zu behaupten. Wir glauben, dass eine Wahrnehmung des Menschen, ein Eingehen auf das Gegenüber damit beginnt, dass man auf sich selber achtet und einen gewissen Chic erkennen lässt und damit das allgemeine Erscheinungsniveau hebt. Damit tun wir uns in Österreich, dem Dreiviertelhosenland, besonders schwer, das ist kein Geheimnis.

Insofern also, um wieder auf das Kernthema zurückzukommen, muss es legitim sein, das Individuelle vor den Massenabtrieb zu stellen, dem Menschen seinen eigenen, verfügungsneutralen und nach seinen Richtungswünschen beweglichen Raum zur Verfügung zu stellen.

WHAT YOU SEE IS WHAT YOU GET

„Und das sieht dann so aus?“ kann man legitim und gedehnt fragen angesichts unserer neun Exponenten. „Yep“, lautet die Antwort, „denn Besseres ist auf der ganzen Welt nicht zu finden, abgesehen von den betörend proportionierten Kutschwägen der Amish People.“

Schon erstaunlich, dass gerade beim Kleinwagen die Ästhetik so vernachlässigt wird, als wäre das ganze Kleintum wegen geringer Größe so leicht zu übersehen und damit eh kein Thema. Wir müssen uns ¬damit abfinden, dass wir einen Yaris, einen Picanto, einen Splash, einen Twingo mit beruflichem Interesse ansehen, uns umdrehen und dem interessierten Publi¬kum bestenfalls über die Farbe Auskunft geben können und dass er Glubschaugen hat, weil wir den Rest des Aussehens einfach vergessen haben.

Besser aufgestellt sind hier Fiat Panda (dem man hier allerdings mit der Farbe eine echte Gemeinheit angetan hat) und der Dacia Sandero, der über eine gewisse Eigenständigkeit verfügt. Der Chevrolet (!) Spark gäbe einen guten Tischstaubsauger ab, der Rest löst sich in, na ja, Wohlgefallen auf. Denn was immer man lästern möge: Trotz allem handelt es sich um hochpräzise und modern konstruierte, nach allen Aspekten von Preiswürdigkeit, Komfort und Sicherheit ermessene Fahrzeuge mit dem besterzielbaren Raum-/Platzbedarf-Verhältnis, das es für geschlossene fahrende Monozellen gibt. Sie haben meist vier Türen und entsprechend viele Sitzplätze, was sie in den Unterhalts- und Reisekosten unschlagbar macht als Ganzjahresfahrzeuge. Nur ausgesuchte Passagiere, bitteschön – und es darf geraucht werden, falls Einigkeit herrscht.

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