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„Freundliches Wir-Gefühl: Das Leben ist kein Kampf.“
 

Liberté, Fraternité, Erdbeerfrappé: Citroën C4 Cactus

Citroën hat seinen Sinn für die Avantgarde wiederentdeckt und dem Auto jene heitere Leichtigkeit zurückgegeben, die ihm schon vor längerer Zeit abhanden gekommen ist.

30.08.2014 Autorevue Magazin

Wo ist der Drehzahlmesser? Geschwindigkeitsanzeige in großen Digitalziffern. Ein Leuchtbalken als Tankanzeige. Kilometerstand. Gang- oder Fahrmodus­anzeige, ebenfalls groß und gut ablesbar. Aber kein Zeiger, kein Ziffernhalbkreis, nicht einmal ein digitales Band, an dem sich die Arbeitsschnelligkeit der Verbrennungstechnik ablesen ließe. Aber eigentlich wahr: Wann hat man zuletzt beim Fahren auf einen Drehzahlmesser geschaut? Nicht in einem Sportwagen – im Alltagsauto auf der Fahrt ins Büro oder beim Kinderabliefern?

Etwas weglassen ist immer weit schwieriger als etwas hinzufügen

Ein UND bedarf keines Entscheidungsaufwands. Bei einem ODER stößt man dagegen unvermittelt auf Widerstand. Citroën hat mit dem Cactus jedoch gerade einen bemerkenswerten Beweis dafür vorgelegt, wie erleichternd es sein kann, einiges von dem über Bord zu werfen, was bisher als unerlässlich gegolten hat, und Platz zu machen für pfiffige frische Ideen. Wie zum Beispiel die kluge und witzige Luftpolster-Beplankung an den Flanken und Enden des Cactus, die clevere Spar-Scheibenwaschanlage und die luftige Räumlichkeit drinnen, die durch eine aufwendige Versetzung des Beifahrer-Airbags in die vordere Dachkante erreicht wurde. Man sitzt anders im Cactus. Nicht so eingebunkert wie in jenen Autos, die der kämpferischen Ego-Haltung des ­Fahrers zuarbeiten. Der Cactus ist vielmehr freundlich und befördert die innere ­Offenheit der Welt gegenüber.

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Citroën C4 Cactus: entspannend und stressfrei

„Wir haben uns gefragt, wie ein Auto sein muss, das sich entspannt und stressfrei fahren lässt“, sagt Alexandre Malval, der Chefdesigner von Citroën. Längst ginge es im Auto Alltag nämlich nicht mehr um Geschwindigkeit. In einem persönlichen Feldversuch stellte Malval fest, dass er es selbst bei gewitzter Ausnutzung aller Stauumfahrungen in Paris nicht über durchschnittlich 10 km/h bringen konnte.

Diese alltägliche Langsamkeit verändert vieles. Deshalb gibt es im Cactus ­keinen Drehzahlmesser mehr, er wurde durch eine Schaltpunktanzeige ersetzt. Auch der weiche Weg des Kupplungs­pedals passt ins Bild, und die Sitze sind schön breit und flach, vom Sitzgefühl her nachgerade sofaartig. Wenn man eines der Modelle mit automatisiertem Getriebe wählt, geht sich vorne sogar so etwas wie eine durchgehende Sitzbank aus, die zwar trotzdem nur zwei Sitze hat, aber eben ohne trennenden Spalt dazwischen. Das freundliche Wir-Gefühl, das da ohne Enge entsteht, ist ein Gewinn für die ­Gesellschaft.

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SOFA & CO. Breite Sitze, wohnliche Textilien, ein Handschuhfach wie ein Kofferdeckelchen, was geht, weil der Beifahrer-Airbag in die Dachkante gewandert ist.

Weniger ist mehr

Bei den Sitzen lässt sich gut ein Faden aufnehmen, der die gesamte Konstruk­tion des Cactus durchzieht: Insgesamt hat Citroën mit seiner selektiven Was-darf-bleiben Sichtweise dem Cactus 200 Kilo Überfluss abgerungen (im Vergleich zum C4, zu dessen Familie er gehört). Der ­Löwenanteil wurde an der Plattform ­abgeschöpft. Aluminium wurde für die Motorhaube und die Stoßstangenaufhängung verwendet. Atmosphärisch spürbar werden die Einsparungsmaßnahmen im Innenraum, wobei die erste Reihe davon profitiert, die zweite weniger. Die Gestelle der Vordersitze sind feine Ware und aus einer höherwertigen Plattformlinie zugewandert, ebenso der zentrale Touchscreen als volldigitale Schnittstelle, die im Cactus fast alle Knöpfe, Schalter und Tasten ersetzt, was einen enorm beruhigenden Effekt auf die Cockpitlandschaft ausübt, aber selbst die Einstellung der Klimatemperatur auf Bildschirmebene verlagert hat.

Auch an der Art der Scheibenwaschanlage hat Citroën beim Cactus gearbeitet. „Magic Wash“ trägt mit der Noblesse einer S-Klasse das Wasser sparsam direkt vor den Wischerblättern auf, sprüht nicht mehr verschwenderisch mit Hochdruck aus kleinen Düsen-Augen, die uns bisher immer von der Motor­haube aus unverwandt angestarrt haben. Das spart Gewicht, weil der Cactus ­dadurch mit einem Waschwasser-Vorrat von 1,5 Litern auskommt.

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Nur im Ganzen umlegbar. Die Rückbank lässt sich auch gegen Aufpreis nicht teilen.

Abstriche

Zwischen erster und zweiter Reihe weist der 4,17 Meter lange, fünftürige Cactus dann aber doch ein gewisses Komfortgefälle auf. Selbst gegen Aufpreis kann man nicht an der Tatsache rütteln, dass die Rücksitzbanklehne nur im ­Ganzen umlegbar ist. Solange man sie nicht umlegt, ist das kein Problem. Will man doch die 1170 Liter Maximal Ladevolumen nützen, braucht man zum ­beidseitigen Entriegeln einiges an Armspannweite oder muss einmal ums Auto ­herumgehen. Auch die Ausstellfenster hinten sind argumentativ gut abgesichert (im Vergleich zu Kurbeln), aber vielleicht nicht jedermanns Sache.

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Schaltpunktanzeige statt Drehzahlmesser.

Cactus: Der Name ist Programm

„Kaktüss“ wird er übrigens ausgesprochen, der neue Citroën, also betont französisch mit einer scharfen Endung, die an das Geräusch erinnert, das der harte Dorn eines sonnenverdorrten Wüsten­gewächses einem Reifen abringt beim Drüberfahren. Falsch gedacht? Der Name „Cactus“, hört man auf Nachfrage, soll an eine andere Eigenschaft der Pflanze erinnern, an ihre Genügsamkeit nämlich.

Die bezieht sich auch und vor allem auf den Kaufpreis, die Erhaltungskosten und den Spritverbrauch, für den das geringe Grundgewicht von unter 1000 Kilo (ohne Fahrer) eine wichtige Basis ist. Wo es ums Abrechnen geht, muss die hohe Philosophie der Leichtigkeit beweisen, wozu sie imstande ist. Vielleicht hat aus diesem Grund beim Cactus die große Antriebstechnologie-Offensive nicht stattgefunden. Die angebotenen Dreizylinder-Benziner und Vierzylinder-Diesel sind aus anderen Baureihen bekannt. Der Einstiegs Dreizylinder kommt mit 82 PS (die 75 PSige Variante kommt nicht nach Österreich), der stärkste Diesel (BlueHDi 100) ist mit 3,4 Liter Durchschnitts-Normverbrauch gleichzeitig auch die sparsamste Variante. Handschalter mit mehr als fünf Gängen werden nicht angeboten, und es kann ein bisschen dauern, bis man den sechsten Gang nicht mehr vermisst. Besser wäre es aber ohnehin, im Sinne der relaxten Fahrweise das Schalten ganz dem Auto zu überlassen, und wer nicht unbedingt auf eine Automatik oder gar ein Doppelkupplungs­getriebe besteht, wird auch mit dem automatisierten EGT-Getriebe gut leben ­können, das beim kleinen Benziner über fünf und beim e-HDI mit 90 PS über sechs Gänge verfügt. Neben den witzigen, ­riesengroßen D-R-N-Tasten für den Fahrbetrieb gibt es auch die Möglichkeit, via Lenkradpaddles die Gänge zu wechseln.

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AIRBUMPS Die farblich abgehobene Kunststoff-Beplankung funktioniert wie eine Luftpolster-Verpackung, die kleine Ditscher schluckt ohne Schaden.

Was den Preis betrifft: Citroën hat sich wirklich bemüht

Der Einstieg liegt bei 13.490 Euro, was für ein Auto, das so viel Pfiffigkeit und Frische ausstrahlt, grundsätzlich ein feines Angebot ist. Fairer­weise muss man aber dazusagen, dass das Einsteigermodell seinen Verzicht ein bisschen weit treibt. Wer ohne Klima­anlage auskommt, kann gerne zugreifen. Andere müssen mit dem Finger eine ­Zeile weiterfahren und stehen dann schon bei 15.490 Euro für die nächst­höhere Ausstattung, in der gegen einen geringen Aufpreis allerdings auch die hübsche Luftpolster-Beplankung in anderen Farbschattierungen bestellt werden kann.

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Die Airbumps haben diese stilistische Betonung verdient

Sie sind Symbole der Freundlichkeit und des friedlichen Mit­einanders, die der Cactus auf seinen Flanken und Stoßfängern trägt. Berührungen in der Enge der Stadt werden von ihnen weggeschluckt. Wenn einmal ­jemand die Autotüre ein bisschen zu schwungvoll aufmacht, gibt es keine Kollateralschäden mehr, auch keine ­bösen Blicke, keine Schimpferein und keinen Versicherungspapierkram. Erdbeerfrappé statt Blutrausch. Eine neue Zeit der ­Brüderlichkeit hat begonnen.

  • Max Wedge

    Ah – der neue Billig-Avantgardekübel, mit dem der moderne Innenstadt-Bobo direkt zum Bauern aufs Land fahren kann, um Biogemüse zu erwerben.

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