aston martin v8 1986 vorne front
Man möchte sich doch mitunter vorstellen, wie manche Objekte beschaffen wären, wenn zu ihrer Entstehungszeit heutige hochqualitative technologische Standards für Entwurf und Fertigung verfügbar gewesen wären. Bsp.: Aston Martin V8
 

Leserblog: Die Verirrungen der Autotester

Worüber man nicht reden kann, muss man schweigen. (Ludwig Wittgenstein) Worüber man nicht schweigen darf, muss man reden. (Ich – Herbert Deutschl)

18.12.2013 User

Prolog und Ehrenerklärung

Es sei festgehalten, dass Ihre hochgeschätzte Zeitschrift und Ihre nicht minder respektierten philosophisch-literarischen Akteure ein steter Quell der Freude, des Amüsements und der zweckdienlichen Information sind. Jedoch geschehen auch hier Dinge, die manche Leser bisweilen ein wenig ins Mark treffen. Und diese Dinge, nennen wir sie schlicht Ärgernisse, lassen sich letztendlich zwei Kategorien zuordnen.

Ablagen – das Ceterum Censeo

Wahrlich nicht zum ersten und, so fürchte ich, bestimmt nicht zum letzten Mal war in einem Testbericht zu lesen, dass das vom Verfasser durchaus adorierte Vehikel über ausreichend Ablagen und sogar, horrible dictu, zwei Dosenhalter verfüge. Der Adressat dieses zweifelhaften Lobs war in diesem Fall der Jaguar F-Type 3,0 V6 Supercharged (sic! Autorevue 7 | 2013), durchaus superbes Kraftfahrzeug übrigens.

Jetzt bitte zu bedenken – wozu Ablagen in einem Sportwagen, ja wozu denn überhaupt Ablagen in Autos: Was gilt es denn abzulegen außer Sonnenbrillen, Parktickets und lebenswichtige Guides wie Michelin, Gault Millau et al.

Das erstgenannte Objekt befindet sich zweckmäßigerweise auf der Nase oder in einem Etui, das wiederum im Handschuhfach loziert sein möge; die einzige diffizile Situation schaffen abrupte Helligkeitswechsel (Tunnels, Garagen, Sonnenfinsternisse etc.) – dann steht als Auxiliarlagerstätte der Beifahrersitz zur Verfügung oder, nun ja, dessen Besetzer oder Besetzerin. Sollte zu diesen eine gewisse förmliche Distanz herrschen, dann, also gut, dann wäre halt eine Ablage recht praktisch.

Mit den Parktickets verhält es sich ähnlich – nach deren Ziehen gleiches Procedere und gleiche Problematik wie beim Sonnenbrillenhandhabungs-Auxiliarlagerstätten-Modus, danach Transfer in die Brieftasche des Fahrers.

Und jetzt noch zur artgerechten Haltung der Guides, so man die papiergebundene Form bevorzugt, was aus Gründen der Élégance empfohlen sei: Wenn man darin liest, dann hält man sie in den Händen, wenn nicht, dann im Handschuhfach.

Man kann erkennen, dass dem Handschuhfach eine gewisse Bedeutung zukommt, weshalb dieses eine äußerlich wie innerlich klug und ansprechend gestaltete Fazilität sein sollte, vorzugsweise ledertapeziert, die dem hübschen Ausdruck clove compartment durchaus gerecht zu werden imstande ist.

Ansonsten bleibt noch festzustellen, dass das Horror-vacui-Phänomen nicht dadurch gemeistert wird, indem man seine persönliche Sphären zumüllt – und Autos sollen weder als mobile Archive noch Antiquariate fungieren. Da wir schon dabei sind: Abgesehen von anderen damit verbundenen Kalamitäten – Ladies and Gentlemen … essen, trinken und rauchen nicht auf der Straße.

Britisches Karosseriedesign-Mikado – die Aston-Jaguar-Entente

In der zitierten Ausgabe stand auch geschrieben, dass Aston Martin und Jaguar miteinander Karosseriemikado spielten, im Sinne, dass, wer sich zuerst ein neues Auto ausdenke, verloren habe. Wiewohl ich diese literarische Miniatur der Form nach genossen habe, chapeau, so sehr finde ich sie dem Inhalt nach kritikwürdig, slightly misfit, isn’t it.

Nicht jede Veränderung, schon gar nicht massive, ist auch eine Verbesserung, geschweige denn Bereicherung. Um jetzt nicht missverstanden zu werden, Fortschritt ist zu begrüßen, jedoch niemals um seiner selbst willen, sondern stets nur auf ein Ziel bezogen – und dieses lautet bei manchen Rezipienten stets und bei britischen Produkten meistens: klassische Élégance, gern auch mit einer Nuance Exzentrik (und wenn es sich um die Komplementärmenge zu meistens handelt, dann eben Exzentrik mit einer Nuance klassischer Élégance).

Fast forward: Aston Martin und Jaguar und natürlich auch Bentley, Rolls Royce & Cie. sollen sich durchaus auch neue Automobile ausdenken, solange sie gut geschnitten und immer noch very British, of course, sind. Einerseits – andererseits gibt es, dies gilt übrigens für alle Produkte, so etwas wie endgültiges Design: sozusagen der Goldene Schnitt and all time high, und hier ist Evolution der Revolution vorzuziehen (Beispiele: Aston Martin V8 der Jahrgänge 1972 bis 1989 sowie die DBs 4 und 9, Patek Philippe Calatrava, Rolex Submariner, die wie aus Marmor gemeißelten Hemdkragen von Turnbull & Asser, …). Ohne blindlings Retrodesign zu präferieren (Beispiel: Jaguar S-Type) und ohne in einer historischen Museumswelt leben zu wollen, möchte man sich doch mitunter vorstellen, wie manche Objekte beschaffen wären, wenn zu ihrer Entstehungszeit heutige hochqualitative technologische Standards für Entwurf und Fertigung verfügbar gewesen wären (Beispiele: wiederum der historische Aston Martin V8, jedoch alltagstauglich, Palais mit Fußbodenheizung und Kanalanschluss, 61er Chateau Margaux ohne Korkgeschmack, … die Liste ist endlos).

Hold on a moment: Endgültiges Design bedeutet eine Option – pro Objektkategorie handelt es sich um ein endgültiges Design aus der Menge mehrerer endgültiger Designs, woraus man je nach persönlichem Geschmack eine Auswahl trifft.

Résumée und Ausblick

Noch ist die Welt nicht verloren – Stil und Geschmack werden nach wie vor geschätzt, in Enklaven hier und dort, doch dies verhielt sich ja nie anders, und zu diesen den Enklaven zählt sine ira et studio betrachtet, so selbstverständlich wie prononciert, auch die Autorevue, the right honourable. (Man brauchte bloß den Ablagen entgegen- und das klassische britische Design hochzuhalten.)

Ich gebe aber gerne zu, dass bei Made in the UK eine gewisse Allianz stilsicherer Ästhetik mit konsistentem Qualitätsstreben in Entwurf und Ausführung nicht von Übel wäre. Bei Idee und Realisierung liegen Genie und Wahnsinn, Eifer und Nachlässigkeit oftmals nahe bei einander, dies ist wahrscheinlich einer gewissen angeborenen und kultivierten Nonchalance geschuldet – well, this is rather brilliant, not bad at all, my word, but now for something completely different, tea, lunch, supper, drinks, some other good sports … auch diese Liste ist endlos. Exkurs: Die angeblich letzten Worte Humphrey Bogarts sollen gelautet haben: „Ich hätte nie von Scotch zu Martinis wechseln sollen.“ Na ja, und ich habe in meinem Dasein schon einmal geäußert, dass meine letzten Worte wahrscheinlich sein werden: „Ich hätte nie von BMW zu Jaguar wechseln sollen.“ Trotzdem, je ne regrette rien.

Sollte man sich im gelobten Land, also England, der Worte George Bernard Shaws richtig interpretiert entsinnen, dass Tradition die Weitergabe des Feuers sei und nicht die Bewahrung der Asche – angewandt auf physische Produkte wie Automobile sollte darunter die Liaison klassisch eleganten Designs mit bester konsistenter Qualität verstanden werden – dann stünde einem freudvollen Rule Britannia nichts im Wege.

Epilog und Seitenhieb

Ein frühes, nicht gänzlich unbedeutendes Beispiel britischer Selbstironie und davon inspirierte Wahrnehmungen: Dialog von Hamlet mit Totengräber (Ersterer von Letzterem nicht erkannt); 5. Akt, 1. Szene (Text geringfügig redigiert)

Gravedigger:     … Hamlet …, he that is mad, and sent into England.

Hamlet:              Ay marry, why was he sent into England?

Gravedigger:     Why, because he is mad; he shall recover his wits there, or if he does not, it’s no great matter there.

Hamlet:              Why?

Gravedigger:     It will not be seen in him there, there where all the men are as mad as he.

Diese Perspektive nehme ich immer wieder gerne für mich selbst tröstend in Anspruch, sie drängt sich irgendwie aber auch als Argumentation dafür auf, dass exzellente, jedoch, hm, schrullige Journalisten, ach, was sage ich, Essayisten, in der Autorevue ihre Wirkungsstätte gefunden haben. Pardon me, couldn’t resist.

Herbert Deutschl

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