Tesla Roadster S Exterieur Statisch Heck
Niemand hört mich in der Dunkelheit.
 

Dancer in the Dark

Mit dem Tesla auf einem lautlosen Trip in eine verbotene Zone.

16.12.2010 Autorevue Magazin

Bring on the night,
oh yeah darlin’,
bring on the night
Bruce Springsteen

Wir müssen vergessen, was war. Die Schwere der Vergangenheit macht unser Leben platt. Erinnerung ist dabei nichts anderes als Bewusstsein, und wenn das nicht mehr zur Realität passt, muss man eben einen Schlussstrich ziehen. Erst nach dem Vergessen kommt das Neue.

Ich hab das kürzlich in einem klugen Wirtschaftsmagazin gelesen. (Es war Brand eins, falls jemand die viel ausführlicher verhandelte Titel-These als Ganzes nachlesen will.) Mir ist das jedenfalls tagelang nicht aus dem Kopf gegangen. Weil es so sehr am Grundsätzlichen rührt. Weil darin tatsächlich der Schlüssel zu einer besseren Welt liegen könnte. Und weil ich aus dieser Erkenntnis einen ganz persönlichen, super­egoistischen Vorteil zu ziehen gedenke.

Wenn die, die noch in der Vergangenheit leben, in diesem Gestern mit lauter gestrigen Dingen okkupiert sind, also gar keine geistigen, emotionalen und sensorischen Speicherplätze für die Erfassung neuzeitlicher Hervorbringungen haben, tut sich für mich, die ich hiermit zu vergessen beschließe, eine Zeitschleuse auf. Ich trete in das kommende Neue ein, bin die Erste drüben in der neuen Zone und kann dort machen, was ich will.

Ich vergesse das Auto, wie es war. Seinen Geruch nach Benzin und grauslichem Diesel. Seine sinnlichen Vibrations. Den Klang seiner Sechs-, Acht-, Zwölfzylinder-Motoren. Ich steige in den Tesla und bin drüben. Ich bin jetzt auf Strom. Ich bin pfeilschnell. Bin ein Energiebündel, das aus dem Stand abhaut wie die Enterprise auf Warp-Kommando. Und ich bin ganz leise, fast lautlos, eine Geistererscheinung.

Das sind fantastische Voraussetzungen, um sich in Verbotszonen einzuschleichen. Denn die Welt ringsum denkt noch wie gestern. Als Autos bollerten, röhrten, schrien, wenn sie schnell waren. Als proportional zur Lautstärke deiner Karre die inneren ­Bollwerke deiner Umgebung hochfuhren, an denen du dich in Aufbegehren und Widerspruchsgeist dann reiben konntest. Und als dich die ­Bullen bereits mit gezückter Laserkanone hinter der Kurve erwarteten, weil sie dich minutenlang kommen gehört haben.

Jetzt hören sie gar nichts. Vielleicht ein leises Zischen im Wind, wenn der Tesla die Luft zerschneidet mit 130, 150, 170 km/h und mehr. Aber da bist du schon wieder weg, bevor die Synapsen einen Tatbestand gefunkt haben. Auch die Nachbarn im Viertel heben nicht mehr drohend die Faust, obwohl du diesmal weit schneller durch die Gasse rauschst als seinerzeit mit dem GT2 RS oder dem Superleggera, die du ohnehin aus Gründen der Diplomatie mehr um die Häuser getragen hast als sie zu fahren.

Das ist überraschend. Denn der Tesla ist ja kein Elektro­auto, das designmäßig auf ­Kuschelkurs für Mobilitäts-­Pazifismus segelt wie die kleinen Glupschaugen-Elektro-­Eier. Er sieht aus wie ein echter, scharfer, klassischer Sportwagen. Herausfordernd. Lauernd. Schnell. Eine Wurfwaffe. Einzig für den Geschwindigkeitsauftrag entworfen. Und trotzdem überall freundliche Gesichter.

Ich will schauen, wie weit ich komme. Ohne bemerkt zu werden. Auf dem Pfad der ­Anarchie. Erst eine genaue Bestandsaufnahme (weil in der Stille die Ohren spitz werden). Was ich im Tesla höre: das Knirschen kleiner Steine unter den breiten Rädern. Das leise Schmatzen der Reifen auf dem nassen Asphalt. Das Knistern von Herbstlaub, das unter der rollenden Last zerreibt. Und wenn ich stehe: das zarte Summen der Akkukühlpumpe, die den Energiespeicher auf idealer Betriebstemperatur hält.

Ab 50, 60 km/h hab ich nur mehr den Wind in den Ohren. Und denke, dass ich eigentlich unsichtbar werden könnte, nach Sonnenuntergang, wenn die schwarze Nacht über die Stadt hereinbricht. Und ich auch noch das Licht auslösche. Dann bin ich K.I.T.T. im Silent Mode. Ein Indianer im Schutz der Finsternis. Ein Tänzer in der Dunkelheit.

Ich will an einen verbotenen Ort. Mitten in der Stadt. In der Dunkelheit am Donaukanal stehen, auf das schwarze, träge nach Osten fließende Wasser schauen, ein bisschen Musik hören und dann wieder in die Oberwelt aufsteigen. Ich rolle die Rampe hinunter. Gleite langsam den asphaltierten Weg am Wasser entlang. Vorbei an Menschen, die grad vom Flex heimgehen. Oder zu zweit nach einem Dinner im neuen Restaurant bei der Schiffsanlegestation. Ein nächtlicher Radfahrer grüßt. Ich leuchte ihm in eine Brücke Licht ins Dunkel, bleib dann aber schnell stehen, mache die Scheinwerfer aus und drücke rasch die flache Hand auf die aufflammende Knopftastatur der Fahrautomatik, die plötzlich einen Tag annimmt, wo keiner ist. Warten. Über die Brücke fährt ein Streifenwagen, wird langsamer, fährt weiter. Hat mich nicht gesehen.

Ich hab, was ich wollte. Meine Mitternacht am Kanal. Gerade hab ich den Tesla gewendet, um zurückzufahren, als mich ein Scheinwerferkegel erfasst. Die Bullen. Sie rollen auf mich zu, werden langsam, wie im Zweifel. Schauen. Schauen noch einmal. Dann sehen sie mich. Kein Ausweg. Nicht einmal die 3,7 Sekunden auf Hundert würden mich hier jetzt rausbringen. Rechts Wasser, links Bäume. Der ­Polizist steigt aus. Was ich hier mache? Ich hab eine Erinnerung verabschiedet, sag ich. Ausgerechnet hier?, fragt er zurück. Ja, es war etwas Persönliches. Warum ohne Licht? So kann mich die Erinnerung nicht wieder einholen, sag ich, wenn ich sie zurückgelassen habe. Er nickt. Papiere bitte, sagt er, als müsse er irgendetwas sagen. Da schaut er auf. Er hört ein heiseres Röhren am Horizont, das in einer Schnelligkeit lauter wird, die eine Gesetzesverletzung verheißt. Der Polizist wirft mir Zulassung und Führerschein zu, springt in sein Auto und ist weg. Oben hat einer, der noch im Gestern lebt, mit einem SLS die Nacht unsicher gemacht. Er hat keine Chance. Jetzt sind ihm die Bullen auf den Fersen.

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