Range Rover SDV8
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Testbericht: Land Rover Range Rover SDV8

Ein Auto wie ein selbstsicherer Lebensentwurf: Bewusst undeutsch und doch großartig.

15.04.2013 Autorevue Magazin

Natürlich wäre es eine gute Idee, hier mit den praxisnahen Auswirkungen der dazugewonnenen technischen Errungenschaften zu beginnen. Von ­einer bisher nicht erfahrenen Handlichkeit zu schwärmen (immerhin wurden durch die Rückbesinnung zu den Alu-Wurzeln des Range ja bis zu 420 kg gespart). Angebracht wäre es auch, die Schaltvorgänge der neuen ZF-Achtgang-Automatik zu loben, die jenseits der Wahrnehmbarkeit stattfinden. Respekt verdient natürlich der sicht- und fühlbare Teil der Verarbeitungsqualität, der selbst die Ansprüche in der Plus-100.000-Euro-Hemisphäre nicht enttäuschen wird. Es wärmt einem richtig das Herz, dass der Range ­Rover keinen Exotenbonus in Anspruch nehmen muss, sondern selbst in der schmähfreien Zone tapfer mit den Deutschen mithält und da und dort sogar die Benchmark setzt, aber dazu kommen wir noch.

Die wichtigere, nein, die wichtigste Botschaft lautet aber: Der Neue kann alles, was der Alte schon konnte, nur halt ein bissl sublimer, akzentuierter, selbstverständlicher. Die Briten haben nicht versucht, sich dem – kommerziell ­äußerst erfolgreichen – deutschen Weltbild anzupassen, sondern sind sich treu geblieben. Deshalb hier fünf essen­zielle Fähigkeiten, die der alte Range Rover schon besaß und die im Neuen nur verfeinert wurden (und die, nebenbei ­gesagt, auch ein Argument sein könnten, warum man sich statt des neuen Passat vielleicht doch über einen gebrauchten Range Rover trauen sollte).

Range Rover SDV8

I.  Der mit großer Selbstverständlichkeit vorgetragene Charakter. Der Range Rover gibt einem Haltung und Würde, liegt also weit jenseits manch anderer rein testosterongetriebener Groß-SUVs. Das hat was mit Tradition und Klasse zu tun, aber wohl auch mit Ehrlichkeit. Zum ­Beispiel, indem er Offroad beherrscht, auch wenn im Alltag die größten Abenteuer eher eine ver­eiste Straße ins Villenviertel oder die enge Auffahrts-Schnecke in der Tiefgarage bleiben werden – und in beiden kann mehr Schrecken ­stecken als in einer afrikanischen Flussdurchquerung.

II. Die Schlichtheit machte den Range Rover zur Stil­ikone. Und das ist einem Zufall zu verdanken: Da das endgültige Design noch nicht feststand, wurde bei der Entwicklung des Ur-Modells die Technik mit einer möglichst simplen Prototypen-Karosserie verkleidet, um mit dem Testen loslegen zu können. Am Ende schlug die grob zusammengehämmerte Form alle Designerideen und ging mit nur wenigen Anpassungen in Serie. ­Seither ist natürlich einiges geschehen, aber die Grundform ist noch zu erkennen, und man sparte sich beim Neuen all die gerade angesagten draufhauerischen ­Falten und Schnitte in den Flanken. Bestes Indiz für die Inflationssicherheit des ­Designs: Sieht das gerade ausgelaufene Modell wie ein zehn Jahre altes Auto aus?

Range Rover SDV8

Und überhaupt der Innenraum: Holz ist Holz, Leder ist Leder. Üppig ist üppig, wirkt aber trotzdem nie übertrieben. Die haptische Eleganz und die gestalterische Anmut erheben sich jedenfalls in geradezu erschütterndem Maß über alles, was ein deutscher Innenraumdesigner werktags abliefert.

III. Der Range Rover ist der Golf jener Tüchtigen, die nicht das Pech haben, für ihre Tüchtigkeit mit dem Gehalt einer Krankenschwester abgespeist zu werden. Golf deshalb, weil sein Haupttalent in der Universalität liegt. Der Range ­Rover kann Stadt und Land, überland sowieso und, wenn es sein muss, sogar Ikea. Und der Araberhengst muss auch nicht daheim bleiben, wenn es ins Wochenende geht.

Durch das Abspecken und die elektrische Servolenkung sind die Stadtfähigkeiten klar verbessert worden, allerdings sollte man dies nicht überbewerten. Im Fall des V8-Diesel bleibt noch immer ein Restl von 2,36 Tonnen über, auch gilt es fünf Meter Länge und vor allem über zweizwanzig Breite zu domptieren.

Range Rover SDV8

Das ist selbst in der mitteleuro­päischen Raumordnung erlernbar, aber halt nicht immer der 100pro-Spaß. Die Bedienung ist logisch und nachvollziehbar – Range Rover hatte schon Touchscreens, als deutschen Inge­nieuren noch lange vor Fingertappern auf dem Bildschirm grauste (übrigens ein schöner Beweis dafür, dass auch Piëch & Co nicht immer auf Anhieb richtig liegen). Assistenz­systeme sind ausreichend vorhanden und genauso nötig und sympathisch wie anderswo auch.

Range Rover SDV8

IV. Das Fahren, vor allem der beste Teil davon: das Losfahren. Da schwingt nämlich immer ein wenig Wehmut mit, legt der Range Rover doch mit der Majestät eines Ozeandampfers von der Ampel ab. Das Fahrwerk ist kuschelweich und der Weg am Gaspedal lange genug, dass es selbst mit Vorsatz schwerfällt, diesen erhabenen Moment durch proletarische Hast oder – schlimmer noch – falsche Ambition zu killen. Leichter ja, ein wenig direkter in der Lenkung vielleicht auch, aber Racer ist der Range Rover ­deshalb noch lange keiner geworden. Sicher, wenn es sein soll, ist da jetzt im Sprint eine nahezu bedrohliche Agilität zu vermerken, aber das Un­vermögen der Luftfederung im Umgang mit kurzen, harten Fahrbahnstößen soll jetzt bitte nicht als Sportlichkeit missverstanden werden.

In Sachen Motorwahl bleibt der V8-Diesel die Idealbesetzung. Er klingt mehr nach V8 als nach Diesel, bietet Schmalz von Welt, liefert aber in seiner Einpreisung auch einen anschaulichen Beweis für die schleichende Inflation des Geldes – ist doch der Einstiegs­level für diese Motorisierung um 20.000 Euro angestiegen. Land Rover argumentiert mit der gestiegenen Leistung (+ 26 PS, die sich nur sehr schwer erfahren lassen) und dem ­neuen V6, der dank ­geringerem Gewicht auf dem Fahr­leistungs-Level des alte V8-Diesel liegt. Jedenfalls wird der V6 verhindern, dass die untere Oberklasse in die Armutsfalle tappt und vielleicht auf einen Range Rover Sport umsteigen muss. Wer ohnehin nicht weiß, wohin mit 20.000 Euro, der sollte in zwei Zylinder investieren. Gerade beim Range Rover fällt der ­Zylinderverzicht schwer, rein atmosphärisch.

Range Rover SDV8

V. Die Erhabenheit der Sitz­position. Auch im neuen ­Range Rover sitzt man so hoch, dass man das Gesäß nicht niveauneutral ins Auto schieben kann, sondern das Ding wie ­einen Traktor für Lords besteigen muss. Das mag für Oligarchen-Gattinnen und Filmproduzentinnen den ultimativen Sicherheitskick bringen, in unseren Breiten wird es vor allem um eines gehen: nämlich dem freundlichen Exekutivorgan in Augenhöhe gegenüberzusitzen, während der Amtshandelnde den Von-oben-herab-strafenden-Blick nicht ausfahren kann und selber stehen muss. Alleine dieses Gefühl macht kleinere Delikte zum Genuss.

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