Testbericht: Land Rover Discovery 4 3,0 TDV6 HSE

Ein neues Leben braucht Freiheit, die mit der Wucht eines Vorschlaghammers kommt.

01.01.2010 Online Redaktion

Kate, es liegt nicht an dir. Eine Träne kullert langsam an ihrer Wange herab und hinterlässt Spuren von Lidschatten. Die leere Flasche Rotwein liegt umgekippt auf dem Beistelltisch, Symbol für eine gescheiterte Beziehung, eine Existenz in der Sackgasse. Wieder eine dieser belanglosen Partynächte im Leben eines Starfotografen. Kate liegt auf der Couch und vergräbt ihr hübsches, trauriges Gesicht in einem Kissen. Es tut mir nicht leid, ich blicke mich nicht einmal mehr um. Das Ende meines Lebens als Beau. Und das mit nur 34 Jahren. Ich gehe. Gekleidet in eine Outdoorjacke, den Rucksack geschultert, das Zelt verzurrt. Ich trete hinaus, Nebel wabert noch durch die Straßen und umspielt den Discovery. Meine neue Existenz beginnt. Da draußen, in der Ruhe der Natur. Als Tierfotograf. Geo und BBC statt Vogue, Pirelli Kalender und Gucci.

Wurde auch Zeit. Wie ich diese Bussi-Bussi-Gesellschaft satt habe. Bloß weg. Und das im richtigen Auto. Ich komme aus Südamerika. Da ist man andere Autos gewöhnt. Jeep Wrangler. Suzuki LJ. Aber nach so vielen Jahren New York ist mir der Spaß an kompromissloser Rustikalität vergangen. Erst musste es ein SUV sein, weil die angeblich alles können. Aber wenn du es sportlich angehen lässt, paniert dich jeder dahergelaufene Gebraucht-Porsche-Fahrer, und wenn du ins Gelände willst, musst du mit der Heimreise warten, bis dich ein Mercedes G wieder aus dem Dreck gezogen hat. Dann kamen die Hybrids in Mode und ich hatte endgültig keine Lust mehr.

LAY_Discovery-4-AR-5

Also ein Discovery. Eigentlich wollte ich ja den Discovery 3. Der war so schön bodenständig und protzte nicht mit seinem Luxus. Man setzte auf Naturburschen-Flair – genau das, was ich jetzt brauche. Der Neue kommt etwas abgehobener daher. Ist eigentlich gar nicht so meins. Nicht mehr. Der Disco war für mich immer das Bindeglied zwischen Defender und Range Rover. Jetzt verbrüdert er sich mit dem Range, um über den Defender die Nase zu rümpfen. Nicht die feine englische Art. Aber der Verkäufer meinte, der Alte sei etwas träge gewesen. Gut, dass er das sagt, meine ich, weil weder mir noch einem anderen Disco-Fan wäre das aufgefallen. Angeblich soll er auch sparsamer sein. 9,3 statt 10,2 Liter stehen auf dem Papier. Im Alltag sind es rund zwölf, wenn ich mir Mühe gebe, komm ich auf elf runter. Kein Wunder. Der Discovery 4 hat den Twinturbo-Diesel mit 245 PS. Ein großer ¬Turbo arbei¬tet immer, ein kleiner wird bei Bedarf zugeschaltet. Das pusht den Motor auf 600 Newtonmeter. Bei 1500 Umdrehungen stehen rund 580 davon bereit.

Das gefällt mir. Außerdem sind der Motor und ich seelenverwandt. Weil er eine ähnliche Wandlung hinter sich hat wie ich. Der 3,0-Liter-Diesel war auch Glanz und Glamour gewöhnt, weil er aus dem Jaguar XF stammt. Nun muss er Bodenständigeres leisten. Dafür wurde die Ölwanne verstärkt, Lichtmaschine und Startermotor hat man wasserdicht verkapselt. Wasser kommt zwar auch bei einem Jaguar dran, doch ist ja nicht die Nässe das Problem, sondern Sand und Schlamm, die einem im Leben abseits der Zivilisation entgegenschlagen.

Genau das brauche ich jetzt. Zurück zu meinen Wurzeln. Ich habe beschlossen, in meinem neuen Leben nicht mehr so ein Schattenparker zu sein. Wie dieser Alastair Fothergill. Mit einem Hubschrauber kann ja jeder für die BBC Planet Erde zusammenfilmen. Aber erkunde mal mit einem Auto die Welt. Obwohl seit Einführung der Terrain Response die Land Rovers alles alleine und auf Knopfdruck machen. Und dank kleiner Bilder am entsprechenden Drehrad – Straße, Gras, Schlamm, Sand, Felsen – versteht es wirklich jeder Idiot. Im Prinzip geht es darum, das Ansprechverhalten des ESP zu verschieben, die beiden Differenzialsperren (Mitte und hinten) zu koordinieren und das Luftfederfahrwerk zu regulieren. Das funktioniert so schnell, so effizient und derart abseits deiner Wahrnehmung, dass du gar nicht zu schätzen lernst, was dieses System eigentlich alles für dich tut. Die Wahrheit ist, dass der Discovery nicht wegen, sondern trotz des Fahrers nicht im Gatsch stecken bleibt. Du fährst nicht, du wirst gefahren.

Genau wie die alteingesessenen Senior-Fotografen. Als ob die ohne ihre zehnköpfige Beleuchtungs- und Assistentencrew auch nur ein scharfes Bild hinbekommen würden. Geschweige denn ein rattenscharfes, wie ich es mache.

Der Zug der Enten gen Süden ist mein erster Auftrag. Süden. Gute Idee. Die Viecher sind zwar verdammt schnell, haben aber nicht mit meinem Disco gerechnet. Per Kickdown bleibe ich an jedem Formationsflug dran. Nur Kurve darf keine kommen. Das Teil wiegt 2,7 Tonnen, und das Fahrwerk ist darauf ausgelegt, über den Berg drüber zu fahren (oder ihn gegebenenfalls abzutragen), nicht die kurvige Landstraße drum herum zu benutzen. Angeblich ist er dynamischer abgestimmt. Ich bin Sportler gewöhnt. In meinen Augen schaukelt er trotz Wankneigungs¬kontrolle und Überrollschutzsystem wie einst mein Wasserbett.
Apropos Wasserbett: Ich mache zusammen mit den Enten Pause. Der Kofferraum lässt sich zu einem riesigen Bett umklappen. Und wer es noch nie getan hat, kann gar nicht nachvollziehen, welch unglaublicher Komfort-Gewinn es ist, in einem solchen Auto statt in einem Zelt schlafen zu können. Der Discovery ist das Ritz-Carlton unter den Camping-Varianten. Die dritte Sitzreihe habe ich geordert, falls ich mal wieder in meinen alten Job zurück will. Man weiß ja nie. Dann lasse ich die Magermodels ganz hinten sitzen. Die haben es bequem und ich meine Ruhe.

LAY_Discovery-4-AR-3

Mal ganz nebenbei: Ich finde Zeiten zum Kotzen, in denen man im Wirtschaftsteil mehr über Autos liest als in Automagazinen, weil die wiederum mehr über Wirtschaft schreiben müssen. Über meine neue Marke habe ich auf jeden Fall gelesen, dass wir richtig viel gemeinsam haben. Denn genau wie der Plan, Tierfotograf zu werden, ist das ganze Unternehmen Land Rover an sich ein Versprechen oder besser eine Hoffnung in die Zukunft. Zwar ist dank neuer, indischer Eigentümer frisches Geld da, aber was bringt das? Geduld braucht es. Gute Autos konnten sie vorher auch schon bauen. Das Grundproblem der teuren, ineffizienten Produktion – Land Rover braucht für fünf Baureihen vier Plattformen – wird sich nicht vor 2013, eher 2014 lösen lassen. An mir liegt die Finanzmisere jedenfalls nicht. Den Disco habe ich in der Topausstattung HSE geordert (was wenig Spielraum nach oben lässt – aber eben doch) und damit satte 70.649 Euro versenkt. Der letzte Rest Vorschuss für die Enten ging dann in der Aufpreisliste unter. Am Ende stehen 79.285 Euro unterm Strich (die dritte Sitzreihe mit 1.506 Euro und das Winterpaket samt beheizbaren Scheibenwaschdüsen für 1.301 Euro waren neben der Standheizung für 1.786 Euro die dicksten Brocken).

Die Enten fliegen weiter. Weil ich sie ohnehin jederzeit einholen kann, bleibe ich noch ein wenig liegen und atme meine neu gewonnene, rustikale Freiheit ein – sie riecht nach Ledersitzen.

Mehr zum Thema
pixel