Muskelkater vom Gegenlenken

David Staretz reist in die Innere Mongolei und holt sich dort ein Driftdiplom an der Lamborghini Winter Academy.

24.12.2012 Autorevue Magazin

Langsam ist auch schnell. Das ist eine der anerkannten Lehrmeinungen, die ich von hier mitnehme. Und: Was für erfrischend reuelose Freude man doch mit einem 180.000-Euro-Gerät haben kann.

In fortgeschrittenen Breitengraden, vom nationalen Interesse her wohl nur durch die Koordinaten des nahegelegenen Kohlekraftwerkes lokalisiert, befindet sich in der Nähe des Ortes Yakeshi in der Inneren Mongolei (China) eine weitgehend schneebedeckte, weitgehend akzentfreie Landschaft. Der Schnee ist hier aber ­weniger als Ausdruck einer Jahreszeit, sondern eher als Darstellung eines Lebens­gefühls zu verstehen. Sein Aggregatzustand entspricht der Landschaft: auf das Wesentliche reduziert. Weiß, kalt, glatt.

Lamborghini, bekannt für die Pflege des Kompromisslosen, ließ hier auf zugefrorenem Wasser und vereister Boden­fläche von schwedischen Spezialisten verschiedenartiges Terrain ausschaben, um den aus der Terra dei motori angelieferten Supersportwägen akademische Grundlagen zu verleihen – Rundstrecken, Slalom- und Riesenslalomstrecken, Handling-Intensivkurse plus höhergradige Kolloquien wie Oversteer I und Oversteer II.

Lamborghini Gallardo Winter Academy Driften drift driftschule Mongolei

Privatiers aus dem asiatischen Raum kommen auf einen oder zwei Tage hier im gepflegten Nirgendwo der Autonomen Lambolei vorbei, um sich durch Instruktoren in Theorie und Praxis einweisen zu ­lassen in die höheren Algorithmen der Querkraftbeherrschung. Das lassen sie sich auch gern umgerechnet 3200 Euro pro Tag kosten – umso mehr, als ein Lamborghini-Besitz daheim in Peking oder Shanghai keine Teilnahmeverpflichtung darstellt.

Ein moderner, komfortabler Pavillon sorgt für die gehobene Grundlinie der Annehmlichkeit – eine luxuriös-elementare Überlebenszelle bei Temperaturen an die minus 30 Grad Celsius. Doch die hohe Sonnenhäufigkeit dieser Gegend macht das Outdoor-Life tagsüber bei Windstille erträglich.

Die Instruktoren – meist Rennfahrer der zweiten und dritten Kategorie, Formel-3-Meister, Scirocco-Cup-Piloten und GT1-Haudegen – sind nach einer Woche Chinese-Customer-Events durch nichts mehr zu erschüttern. Das Niveau war manchmal kreativ, sagen die meist ita­lienischen oder schwedischen, aber immer höflichen Helden des Beifahrens, die Lernresistenz hoch.

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„But now with you driving I can relax and sleep“, sagt der erfahrene Schmeichler, während ich den Gallardo LP550-4 durch den appetitlich angerichteten Rundkurs pendeln lasse. Das ESP (auch dessen fortschrittliche Stellung CORSA) haben wir schnell aus dem Lehrbetrieb ausgesondert, die Pirelli-Sottozero-Spikereifen übernehmen sämtliche Belange von Lenkung, Spurhaltung und Traktion auf geschmeidigste Weise. Oft ist es nur der ­Ölgeruch aus der erhitzten Haldexkupplung, der Hinweis gibt auf die 4×4-Ver­sion des gerade bewegten Gallardo. Hier, wo Donuts einen Radius von dreißig ­Metern haben und im dritten Gang absolviert werden, beginnt nach einiger Zeit des Gegen-die-Fliehkraft-Stemmens die linke Taille zu schmerzen und man würde ja gern schon aufhören, wenn das nicht solchen Spaß machte und der ita­lienische Instruktor auf dem Beifahrersitz nicht ununterbrochen sein hörenswertes ­Stakkato von „very-very-very-­very-good … now you lost it“ abfeuerte.

Beim Zwischendurch-Aufwärmen am italienischen Buffet verfeinert sich unter Kollegen die Disziplin des Sich-selber-Lobens-ohne-dass-es-danach-klingen-Möge. („Als das Gegenpendel einsetzte, verfing sich mein Schal im Lenkrad.

Ich musste ihn erst noch durch Zurücklenken auswickeln, ehe ich die Kurve ­abschließen konnte. Das hätte mir fast einen Dreher beschert!“ „Findet ihr auch, dass der zweite Gang was für Mädchen ist? Ich sagte zum Instruktor, I don’t want to mess around, I just want to go fast!“)

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Das stille Ereignis der Veranstaltung ist aber der Gallardo LP550-2, die geradezu heimlich in den Markt entlassene Hinterradantrieb-Version des Supersport-Klassikers. Hier hat sich im Stillen eine neue Philosophie etabliert – die des kompromisslosen, aber allezeit gut beherrschbaren Hecktrieblers mit 550 PS (statt der 560 PS des 4×4), eine breitenwirksame Version der Hecktrieb-Sonder­edition Valentino Balboni, nun erhältlich als Coupé und Spyder, in jedem Fall um 20.000 Euro billiger als der 4×4.

Hier auf den streuzuckerfein präparierten Pisten im Hinterland von Yakeshi ist die Frage, welcher Antrieb den höheren Spaßbeiwert bietet, kaum zu klären. Fakt bleibt: Wenn man in einer 55-Grad-Kalamität steckt und man kann sich mit einem Gasstoß daraus befreien, so sitzt man mit großer Wahrscheinlichkeit in einem 4×4.

Erstaunlich, wie gut sich die 500plus PS in schachspielerischer Weise dosieren lassen, wie gut sich der Momentanschwerpunkt durch kurzes Bremsen­tippen vorverlagern lässt, um die Hinterachse leicht und durchgängig zu machen. Wie ein waches Rennpferd horcht der Wagen auf nächste Kommandos, immer geschärft, immer alert, immer für den groove einer rhythmisch durchperpen­dikelten Passage zu haben. Und das alles bei Geschwindigkeiten, die kaum an Tempo hundert herankommen. Vielleicht ist das die Zukunft des Autofahrens: Schnee in unserem Garten.

Die Lamborghini-Crew erstreckt sich auf chinesische Großstadt-Mädchen, elek­tronisch und modisch hochgerüstet, aber mit Schulmädchenfleiß bei der Sache. Schließlich müssen Autos, Fahrer und ­Instruktoren ständig neu organisiert werden, um den akademischen Flow zu garantieren. Auf einer nicht angekündigten Ebene läuft eine Lamborghini-Modeschau ab – coole Sweater, Schals und Anoraks, tolle Farben, teure Materialien und das Logo immer um drei Nummern zu großspurig.

HotLap, das ist die Schlussveranstaltung der Instruktoren. Ich suche mir ­Stefano aus, der das Cockpit mit heimeligem Tabaksgeruch der gerade im Schnee ausgedämpften Zigarette anreichert. Er sieht mich an und sagt: „Oh, it’s you. Now I have to do my best to impress you.“ Er hämmert den Wagen per Vorbande in die Schneemäuerchen, nimmt den Impetus kleiner Seitaufpralle mit in den nächsten Gegenschwung, bleibt trocken dran, als sich die Geschwindigkeit querbeschleunigt aufbaut, und interessiert ­blicke ich vom Display der Leica auf, als Stefano mit „O-o-o-o-no-no-no-no!“ zu hören ist. Die orange Kunststoffstange peitscht ein hörbares Muster in die ­Wagenflanke, dann prasselt das kalte Weiß übers Auto, Stefano lässt den Scheibenwischer hochzüngeln, und mit anhaltendem Schwung finden wir wieder auf die Piste zurück. „Che figuraccia! Please don’t tell anybody“, raunt der Italiener, und ich bemühe mich, ihm klarzumachen, dass ich vollen Einsatz und beherzte Leidenschaft zu schätzen weiß. Langsam kann schließlich jeder hier.

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