War er ein Meisterwerk, der 350 GT?
 

Nahezu ein Wunder, dass diese Lamborghini gebaut wurden

Die Mitarbeiter von Lamborghini haben es nicht immer leicht gehabt. Die Realisierung so mancher Modelle können dann beinahe schon als Wunder bezeichnet werden.

18.10.2014 radical mag

Der Tipo 103, besser bekannt als Lamborghini 350 GTV, der auf der Turiner Motor Show im Herbst 1963 seine Weltpremiere erlebt hatte, war nicht zu gebrauchen. Das von Franco Scaglione geschaffene Design gefiel Ferruccio Lamborghini gar nicht, und der von Giotto Bizzarini konstruierte Motor war zwar ein Meisterwerk, doch er passte nicht ins Auto und war vor allem viel zu sehr auf Höchstleistung ausgelegt. Und überhaupt: In der Traktorenfabrik in Cento ließen sich keine Autos bauen. Ferruccio Lamborghini hatte sich gründlich verkalkuliert – es lief gar nichts, wie er es sich vorgestellt hatte, und er konnte eigentlich noch einmal von vorne beginnen. Scaglione wurde entlassen, Bizzarini ging im Streit, einzig der erst 27-jährige Gian Paolo Dallara durfte bleiben.

Lamborghini 350/400 GT

Lamborghini 350/400 GT

Der Druck steigt

Doch was Ferruccio Lamborghini dem jungen Ingenieur – er hatte in Mailand Luftfahrttechnik studiert – alles aufbürdete, war schon fast unmenschlich. Er musste nicht nur dem Bizzarini-Motor Manieren beibringen, sondern auch den GTV zu einem anständigen Auto entwickeln. Und so ganz nebenbei noch eine neue Fabrik in Sant’Agata Bolognese aufbauen. Und das in kürzester Zeit, denn Ferruccio Lamborghini war ein ungeduldiger Mann, und nach der Schmach mit dem GTV konnte er sich keine weitere Blöße leisten.

Die Lösung des Problems

Obwohl der Flugzeugingenieur Dallara kaum Erfahrungen mit Motoren hatte, löste er das Problem des 3,5-Liter-V12 kurz, schmerzlos und mit Bravour. Die sechs 36-Millimeter-Fallstrom-Weber-Doppelvergaser des 350 GTV wurden durch deutliche zivilere Varianten (40 DCOE von Weber) ersetzt; die Höchstdrehzahl fiel von 8000 auf 6500/min, die Leistung von 347 auf 270 PS (maximales Drehmoment 325 Nm bei 4500/min).

War er ein Meisterwerk, der 350 GT?

War er ein Meisterwerk, der 350 GT?

Dann ging es auf den Prüfstand

Auch wurde die Verdichtung von 11,0:1 auf 9,4:1 gesenkt, sowie rennsporttaugliche Trockensumpf-Schmierung in einen konventionellen Nass-Sumpf mutiert – was der Standfestigkeit sicher nicht abträglich war. Interessant übrigens: Die «abgeschwächte» Dallara-Version lief erstmals am 3. Oktober 1963 auf dem Prüfstand – aber sie wurde trotzdem nicht in den 350 GTV eingebaut, der erst am 26. Oktober der Presse sowie am 30. Oktober der Öffentlichkeit in Turin vorgestellt wurde.

Der singende Lamborghini

Doch Dallara tat noch weit mehr. Er konnte ZF in Friedrichshafen überzeugen, eine mechanische Kugelumlauf-Lenkung und vor allem ein Fünfgang-Getriebe zu liefern. Girling steuerte die Scheibenbremsen bei, und von Salisbury kam das Sperrdifferential. Allerdings nicht lange. Das Teil neigte zum «Singen», eine Eigenschaft, die Lamborghini gar nicht gefiel, und so musste sich Dallara dann auch noch um eine Eigenkonstruktion kümmern. Die Fabrik sowie die Fabrikation bekam er aber erstaunlich locker in den Griff, doch sein Chef stellte ihm auch ein großzügiges Areal zur Verfügung.

Ein Traum

Ein Traum

Chefsache war auch das Design

Und nachdem der Versuch mit Scaglione ein Schuss in den Ofen gewesen war (wobei, wir müssen zugeben, uns gefällt der 350 GTV ausgesprochen gut), musste jetzt einer der großen Namen her. Ferruccio entschied sich für die Carrozzeria Touring – und befahl den Mailändern Künstlern gleich mal, die Front ganz neu zu zeichnen, und bitte ohne Klappscheinwerfer.

„Superleggera“

Ob die feststehenden elliptischen Leuchten dann aber wirklich das Gelbe vom Ei wurden, das wagen wir hier einmal zu bezweifeln. Als Chassis diente zwar immer noch ein Rahmen aus massiven Rohren, die zuerst Neri & Bonacini aus Mailand lieferten, doch bald von Marchesi aus Modena kamen. Touring baute einen weiteren, sehr leichten Rahmen aus Stahlrohren unter die Karosse, «Superleggera», eine Technik, welche die Mailänder schon 1937 entwickelt hatten. Zwar hatte Lamborghini mit Touring einen sehr kompetenten Design-Partner gefunden, doch der Traktoren-Hersteller hatte vergessen, sich nach der Befindlichkeit der Mailänder zu erkundigen; Carrozzeria Touring musste 1966 Konkurs anmelden, und Carrozzeria Marazzi, von ehemaligen Touring-Mitarbeitern, führte dann das Lamborghini-Projekt weiter.

2+1 Person und ein Sitz als Scherz

Das erste Chassis (Nummer 101) mit der von Touring aufgebauten Karosserie – an der auch schon die Stoßstangen angebracht waren – wurde am 9. März 1964 nach Sant’Agata geliefert – und genau dieses Fahrzeug, diesmal mit Motor, erlebt dann seine Weltpremiere auf dem Salon von Genf. Mit 4,64 Metern Länge war der Wagen erstaunlich groß für die damalige Zeit, angenehm schmal (1,73 Meter) und sportlich flach (1,22 Meter). Er bot für 2+1 Personen Platz; der Sessel in der zweiten Reihe war sehr reduziert, mehr ein Scherz. Das Gewicht von 1.450 Kilo war damals an der oberen Grenze für einen Sportwagen. Die Fahrleistungen – den Sprint von 0 auf 100 km/h schaffte der 350 GT in 6,8 Sekunden, als Höchstgeschwindigkeit wurden 254 km/h gemessen – hingegen waren ausgezeichnet. Und obwohl Ferruccio Lamborghini für sein Spielzeug einen exorbitanten Preis verlangte, 15.600 Dollar in den USA, 53.850 Mark in Deutschland (das entsprach einem Dutzend VW Käfer), bezahlte er bei jedem gebauten Exemplar ein hübsches Sümmchen drauf. Aber das konnte er sich (damals) noch leisten.

Alles klar?

Alles klar?

135 Stück

Der erste Lamborghini 350 GT wurde am 31. Juli 1964 ausgeliefert, Chassisnummer 104. Nur gerade 13 Stück verließen 1964 noch die neue Fabrik, 135 Stück wurden bis 1967 gebaut; ab 1967 gab es dann, gleichzeitig, noch den 400 GT.

Die feinen Unterschiede

Wobei, da müssen wir jetzt auch genau sein: Es gibt den 400 GT, der ein 350 GT ist mit einem größeren Motor, und dann gibt es auch noch den 400 GT 2+2, der dann eigentlich ein neues Automobil ist. Der 400 GT besaß einen auf 3929 ccm vergrößerten Zwölfzylinder, der 320 PS leistete, ansonsten war alles gleich wie beim 350 GT. Der 400 GT 2+2 besitzt den Motor aus dem 400 GT, doch er wurde innen geräumiger (dank einer um fünf Zentimeter angehobenen Dachlinie und einer Art Rücksitzbank) und das riesige Heckfenster wurde durch eine profane Variante sowie einen Kofferraumdeckel ersetzt.

Der berühmte Flying Star

Die 400 GT 2+2 sind im Gegensatz zu den Alu-350ern vor allem aus Stahl gebaut. Vorne leuchteten nun Doppelscheinwerfer von Hella, das ZF-Getriebe wurde durch eine Eigenkonstruktion ersetzt. Vom 400 GT entstanden nur gerade 23 Stück, vom 400 GT 2+2 waren es dann doch 247 Exemplare (bis 1968, dann kam der Islero). Ein spezieller 400 GT mit dem Namen Monza entstand bei Neri & Bonacini. Vom 350 GT gab 1965 noch den 350 GTZ von Zagato, der jedoch das einzige Zagato-Produkt auf Lamborghini-Basis bleiben sollte. Touring baute 1965 ein einziges Cabrio (350 GTS) sowie 1966 noch den berühmten Flying Star, einen zweitürigen Sportkombi, ein wunderbares Teil.

Schätzpreis des Lamborghini 350 GT und 400 GT

Sowohl die 350 GT wie auch die 400 GT 2+2 gelten heute etwa 250.000 bis 300.000 Dollar; die seltenen 400 GT ohne 2+2 kamen schon lange nicht mehr auf den Markt.

Dank an die Kollegen von radical-mag.com

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