Ausbruch!

Der neue R, also der giftigste aller X-Bows, im Praxistest, für den nur ein sizilianischer Vulkan in Frage kam, wir wählten den Ätna.

17.10.2011 Autorevue Magazin

Manchmal fühlt man sich so klein, so unbeweglich, so gar nicht in der Lage, aus seiner Situation herauszukönnen. Sie kennen das nicht? Fahren Sie mit einem X-Bow zu einer italienischen Autobahnmautstelle, versuchen Sie, den Knopf für das Ticket zu drücken, der sich in eineinhalb Meter Höhe befindet, und Sie wissen, wovon die Rede ist.

KTM X-Bow R Ätna

Da ist dann gleich die Rede von dem kapitalen Fehler, mit dem X-Bow auf die Autobahn zu fahren. Das gilt auch für den R, der wieder im Magna-Werk zusammengebaut wird, was jetzt ein bissl groß klingt. Okay, in einem Eckerl des Magna-Werks: drei Stück pro Woche.

Der neue R aber: Hat den Motor aus dem Audi S3, auf 300 PS aufgepowert. Der hängt 19 mm tiefer im Alurahmen, was die möglichen Kurvengeschwindigkeiten erhöht (tieferer Schwerpunkt). Das Auto ist noch verwindungssteifer geworden, und Finetuning am Fahrwerk (Teflon-Beilagscheiben an Vorder- und Hinterradaufhängung, andere Federn) bringt exakteres Handling. Der R soll den X-Bow wieder in die Erinnerung der Menschen bringen, die ihn scheinbar vergessen haben nach dem Hype vor dem Anfang, als es kurz so aussah, als müsste man für den Ansturm auf die KTM-Geschäfte eigene Ordnerdienste aufstellen.

KTM X-Bow R Ätna

Aber jetzt, in diesem Moment, auf der Autobahn von Catania nordwärts, fühlt er sich genauso scheiße an wie jeder X-Bow vor ihm, zumal es auch noch regnet. Jederzeit kann das Ding abheben, über eine harmlose italienische Bodenwelle hinausschießen wie über eine Rampe.

Links ziehen die Schwerlaster vorbei, schnell wie die Kanonenkugeln und bis zur Dachkante voll mit Waffen, rumänischen Erdbeerpflückern und gestohlenen Mercedessen, denn wir sind in Sizilien. Reifen, höher als das Auto, sprühen schmutzige Gischt direkt ins Gesicht des Fahrers, auf die Jacke, auf alles und in alles hinein. Aber es klart auf, und durch die Wolkenfetzen ist vorne links der schneebedeckte Gipfel zu erkennen vor nun schon blauendem Himmel. Der Ätna, 3323 Meter hoch, und es führen wundersame Straßen da hoch, kurvenreich, verkehrsarm, und kalt soll es auch nicht sein, weil überall die Lava dampft.

KTM X-Bow R Ätna

Und dann, nach einer abermaligen kleinen Demütigung bei der Autobahnabfahrts-Mautstation – wir wissen jetzt jedenfalls, wie es Leuten geht, die mit einem Formel-1-Auto zum McDrive fahren –, kommt das Dorf Linguaglossa, und wenn man sich in diesem immer bergauf hält, wird man auf den Ätna münden.

Es wird Zeit, auf den Unterschied zwischen einem 240-PS-KTM und einem 300-PS-KTM hinzuweisen. Der 240-PS-KTM geht wie die Sau, der man Marschierpulverln ins Kraftfutter gemischt hat. Der 300-PS-KTM macht ohne Pause den Eindruck, als wollte er sich den ganzen Berg mit einem einzigen großen Bissen schnappen. Das ist der Unterschied, der durch die Mehrleistung des Motors hervorgerufen wird.

KTM X-Bow R Ätna

Während die Linkskehre-Rechtskehre-Straße mit dem schönen Namen Mareneve unter unseren Reifen auftrocknet und die freiliegenden Pushrod-Dämpfer mit theatralischer Gestik Querrille um Querrille schlucken, verlieren wir ein paar Worte über die elektronischen Sicherheitssysteme im R: Es gibt keine, schon wieder nicht. Also, die angewandte Sicherheit beschränkt sich auf die Weisheit ­respektive Feigheit des Piloten und die Steifigkeit des Kohlefaser-Monocoques. Dann sind da noch die quälenden Vierpunktgurte und der folternde Rennhelm und die schiachen Überrollbügel.

Aber, um zum Thema Linkskehre-Rechtskehre zurückzukehren, das Sportfahrwerk ist famos, und abgesehen vom Schalensitz, der später, nach zwei Stunden Fahrt, ein wenig hart am Hintern sein wird, ist es auch nicht unangenehm, zumindest nicht in diesem Kontext hier, das heißt: Es ist natürlich knochig, aber es arbeitet auch richtig und stets adäquat. Also, wären die Sitze nicht, man könnte tagelang so dahinwedeln. Der routinierte X-Bow-Pilot legt sich Schaumgummi unter. Muss man halt dabei haben.

Der R ist wesentlich smoother in der Bedienung, als man das von X-Bows bislang kennt. Außerdem verteilt er, wie sie bei KTM sagen, das Drehmoment kultivierter. Nun, das Wort kultiviert ist im Zusammenhang mit der Welt des X-Bow grundsätzlich vorsichtig zu verwenden. Nicht dass die X-Bow-Fahrer nicht mit Messer und Gabel äßen, wir haben in ­Sizilien sogar einen getroffen, der jede Meeresfrucht mit Vornamen kennt. Aber im Grunde geht’s doch ums Fetzen. Ist ja auch ein Auto für die Rennstrecke, X-Bow-Battle und ähnlich Lokalkoloriertes sind derzeit die einzig wirklich funktionierenden Nischen für das Nischenauto.

Unterdessen werden wir auf der Mareneve Kehre für Kehre eine Nuance schneller. Weiter oben weicht der Mischwald der bekannten Mondlandschaft, dann und wann sieht man jüngst hang­abwärts geschobene Häuser und Strommasten. Eine gewalttätige Landschaft. Passt gut zum orangen X-Bow mit seinem Stechinsektendesign.

Ein Haus in verkehrsgünstiger Lage, aber die Aussicht ist ein Dreck, drum will es auch keiner kaufen..

KTM X-Bow R Ätna

Wenn man das Potenzial eines Autos nur zu einem kleinen Teil ausfüllen kann, spricht das entweder gegen einen selbst oder für das Auto, barmherzig gegen uns selbst sagen wir, es gilt beides. Auf keinen Fall sollte man mit dem R zu heftig – oder auch nur ein ganz klein wenig heftig – aus der Kurve herausbeschleunigen, sonst schaut man sofort in die Richtung, aus der man gekommen ist. Beschleunigungs-Dramen hingegen, die auf der ­Geraden inszeniert werden, sind allergrößte Bühne. Man kennt derlei sonst von nichts. Das „Null auf Hundert“ mit seinen 3,9 Sekunden klingt nicht halb so arg, wie die Wirklichkeit ist. Der X-Bow schiebt nicht, er springt, beißt, schnappt zu. Und noch was: Auf der Bergstraße hat kein Motorrad eine Chance, egal, wie gut der Fahrer ist.

Für den R gilt noch mehr als für den normalen X-Bow, dass der Spaß dort ­beginnt, wo die Unruhe aufhört. Wenig Lenkkorrekturen, unverkrampftes, lockeres Schalten, Bremsen und Gasgeben aus dem Knöchelgelenk, freier Kopf und ­unverbauter Zugang zur Fliehkraft und ihrer gesamthaft förderlichen Wirkung. Das Auto tut hundertprozentig, was der Fahrer ihm aufträgt. Bei Kurvengeschwindigkeiten, wo ein beliebiger 911er dir entweder per selbstherrlichem Bremseingriff das Wilde abräumt oder, wenn das ESP ausgeschaltet oder nicht vorhanden ist, fliegen geht, bleibt der KTM in der Spur wie eine Achterbahn.

Als sich dieses zur Gewissheit formt und außerdem der Verdacht sich erhärtet, wir hätten das Auto jetzt so halbwegs verstanden, beginnt es zu nieseln, bald wird Schneeregen daraus. Es fällt jetzt auf, dass auch der R keine Heizung hat und dass der Fahrtwind bei Tempi unter Hundert das Helmvisier nicht von den Regentropfen freibläst. Und dass die Füße eingefroren sind. Oben beim Kiosk Capannina in ungefähr 2000 Meter Höhe hat es minus drei Grad, es zeichnet sich ab, dass auch der R kein Ganzjahresauto ist.

KTM X-Bow R Ätna

Das wird sich aber ändern. Für 2012 ist eine X-Bow-Variante mit Windschutzscheibe, Scheibenwischer und Heizung (!) geplant. Aber es war ja schon so viel geplant: 1000 verkaufte Autos pro Jahr zum Beispiel. Derzeit sind es rund 500. Insgesamt. Sind wir froh, dass der Wahnsinn trotzdem nicht aufhört.

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