„Verspäteter Aprilscherz“: Kritik an Elektroauto-Vorstoß

Autohändler bezeichnen das propagierte Aus für Diesel- und Benzinautos ab 2020 als „utopisch“, für die WKÖ ist es gar ein „verspäteter Aprilscherz“ – Umweltbundesamt weist Kritik zurück

14.04.2016 APA

Am Mittwoch erhitzte eine Studie des österreichischen Umweltbundesamtes die Gemüter. Die Behörde hatte darin als eine von mehreren Maßnahmen zur Erreichung der Klimaziele vorgeschlagen, ab 2020 keine Benzin- und Dieselautos mehr zu verkaufen. Utopisch, sagen die Autohändler; „Aprilscherz“, meint die WKÖ. „Unrealistisch, teuer und wirkungslos“, urteilt der ÖAMTC.

Automobil-Importeure bezeichnen Vorschlag als „utopisch“

In Österreich seien derzeit weniger als 6.000 E-Autos zugelassen, das entspreche einem Marktanteil von 0,1 Prozent. „Rufe nach Maßnahmen, in wenigen Jahren in Österreich nur noch den Verkauf von Elektroautos zu erlauben, sind utopisch“, so Christian Pesau vom Verband der Automobilimporteure.

ÖAMTC: „Unrealistisch, teuer und wirkungslos“

Auch der ÖAMTC kritisiert den Vorschlag: „Abgesehen davon, dass diese Forderung unrealistisch ist, würde sie eine massive Mehrbelastung von mehreren 1.000 Euro für fast jeden österreichischen Haushalt mit sich bringen“, so der Chef der ÖAMTC-Interessenvertretung, Bernhard Wiesinger. Es sei davon auszugehen, dass batteriebetriebene Fahrzeuge auch 2020 noch nicht tauglich für den Massenmarkt sein werden. „Aufgrund der rund 10.000 Euro höheren Anschaffungskosten, der höheren Betriebskosten sowie einer Reichweite von höchstens 150 Kilometern erfüllen die E-Fahrzeuge von heute bei weitem noch nicht die Anforderungen der Nutzer an einen modernen Pkw.“ Zudem wäre die Umsetzung der UBA-Idee hinsichtlich der Entwicklung des Klimawandels völlig wirkungslos, so Wiesinger: „Selbst wenn von heute auf morgen kein einziges Auto mehr in Österreich fährt, würde das lediglich ein 28 Tausendstel der weltweiten Treibhausemissionen einsparen. Das würde den Klimawandel um keinen einzigen Tag verzögern“, stellt Wiesinger klar. „Es geht darum, im internationalen Gleichschritt verträgliche Umweltmaßnahmen zu setzen.“

„Verspäteter Aprilscherz“

Scharfe Kritik am Umweltbundesamt kam von der Wirtschaftskammer. WKÖ-Umweltexperte Stephan Schwarzer nannte es in einer Aussendung einen „verspäteten Aprilscherz“, dass „derartig weitreichende Forderungen wie Verkaufsverbote für Benzin- und Dieselfahrzeuge und eine Strafsteuer für Öl- und Gasheizungen aufgestellt werden“, ohne wirtschaftliche oder soziale Auswirkungen zu betrachten.

EEÖ: Keine wirtschaftlichen Einbußen durch Klimaschutz

Dem widersprach wiederum Erwin Mayer, Co-Geschäftsführer des Dachverbands Erneuerbare Energie (EEÖ). Das Argument, dass mehr Klimaschutz wirtschaftliche Einbußen mit sich bringe, stimme nicht. „Man kann viel mehr BIP und viel mehr Beschäftigung haben und gleichzeitig stärker CO2 reduzieren als Österreich das bisher getan hat“, so Mayer zur APA. Prinzipiell erachteten die Erneuerbaren-Vertreter marktwirtschaftliche Instrumente wie Steuern oder Emissionshandel für sinnvoller als Ver- und Gebote.

Umweltbundesamt: „Umbau des Verkehrssystems ist unerlässlich“

Auch das Umweltbundesamt verteidigte sich gegen die Kritik der Wirtschaftskammer an der Methodik der Studie. „Ein Umbau des Verkehrssystems ist unerlässlich. Wir laden die WKÖ ein, ihre Szenarienberechnungen und Vorschläge zur Reduktion des Treibhausgasemissionen um 80 bis 90 Prozent bis 2050 darzulegen. Denn das ist die Dimension der in Paris und in der EU vereinbarten Klimaziele“, so Umweltbundesamt-Geschäftsführer Georg Rebernig.

Rupprechter beschwichtigt

Landwirtschafts- und Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP), zu dessen Ressort das Umweltbundesamt gehört, schließlich beschwichtigte: Das Ziel sei nicht als Forderung dargestellt worden, sondern als wünschenswert. „Ich würde mir natürlich auch wünschen, dass wir ab 2020 nur mehr Elektromobile haben, aber man muss auch schauen, wie das überhaupt machbar und umsetzbar ist. Und im Übrigen ist der Verkehrsminister dafür zuständig“, so Rupprechter.

  • Gesundheit schützen

    Wichtig wäre vor allem möglichst bald die giftigen Emissionen in den
    Ballungsräumen zu reduzieren – dieser Pkt wird immer noch nicht ausreichend
    diskutiert. CO2 ist nur ein Teil des Problems. Wie beim Tabakrauch auch schadet
    uns Menschen das „Passivrauchen“ auch in diesem Kontext massiv. Daher
    sollte das Kriterium in diesem Fall zuallererst der Schutz der Gesundheit der
    Menschen sein.

  • ChV

    Warum dieser rein propagandistische Vorstoß nicht nur illusorisch sondern auch kontraproduktiv ist, habe ich bereits hinreichend in Veröffentlichungen und in meinem Kommentar zum gleichartigen Norwegischen Politgag dargestellt. Offenbar verschließt man sich bei Elektroautos beharrlich der Life-Cycle -Betrachtung. Im Lebenszyklus schaut die Bilanz bei Emissionen und Umweltverträglichkeit durch die Batterieherstellung anders aus.
    Um langfristig von fossilen Ressourcen soweit als möglich unabhängig zu werden und die Probleme mit einer starken Netzbelastung bei gleichzeitig steigender Abhängigkeit von wechselnden Wetterlagen bei der Energieversorgung (Wind, Solar) in den Griff zu kriegen, darf man nicht so eindimensional denken. Die Stromnutzung zur Elektrolyse zur Wasserstoff- und in Folge Naturgasherstellung wäre zumindest ein Ansatz. Bei nachhaltiger Stromerzeugung ist auch die Wirkungsgraddiskussion nicht so vordergründig, da sowohl Erdölprodukte wie auch Elektroautobatterien transportiert werden müssen, um zum Einsatz zu kommen – geht „erstaunlicherweise“ auch in den Gesamtwirkungsgrad ein. So könnte ein CNG-Auto, gefüttert durch Power-to-Gas durchaus eine höchst umweltfreundliche Alternative sein.
    Elektromobilität hat bei heutigem Stand ihre Stärken im Nah- und Verteilerverkehr (Linienbusse, Paketwagen – man denke an die Postpaketwagen in Wien von den 1930er bis in die 1970er, Taxis, Müllsammelwagen, Handwerkerlieferwagen etc.) und dort sollte sie propagiert und nicht von oben für Alles und Jedes zwangsverordnet werden.
    In ihren Diesellimousinen erinnern manche Politiker an Marie Antoinette und ihre naive Aussage zu Brot und Kuchen… Umweltpolitik scheint oft einem barocken Schäferspiel zu gleichen.
    Man sollte übrigens nicht vergessen, daß die Luft in den Ballungsräumen besser denn je ist. Seit der Antike wehten Ruß und Pestilenzhauch über die Städte, dann kamen Industrie- und Verkehrsabgase hinzu. Heute sind vor allem letztere bereits hoch gereinigt, aber immer ist es nur das Auto, das angeklagt wird, auch wenn Saharastaub oder Streugut vom Winter aufgewirbelt wird.
    Es braucht doch keiner mehr neidig sein, es kann sich eh fast jeder ein Auto leisten. Wenn man etwas tun will, dann wäre es den Benzin-Preis über die Steuern zu senken, denn bis auf den Verbrauch sind neben Erdgasautos die guten alten Lambda1-Benziner mit 3-Wege-Katalysator am saubersten, immer noch.
    Und zur Senkung des CO2-Ausstoßes sollte man zuerst überlegen, was die Bahn in Europa so falsch macht, daß heute fast alles per LKW transportiert wird, in den USA ist das mittlerweile wieder umgekehrt, es geht also. Daß man mit Leistung überzeugen kann, zeigen die Erfolge der Wiener Linien im Personenverkehr, wenn auch dieses Ergebnis durch die Auswirkungen der mittlerweile inakzeptablen Pseudoöko-Diktatur der Stadtverwaltung vielleicht verfälscht ist.

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