Nicht das Opfer einer halblustigen Organverpflanzung, sondern die Konsequenz eines detail­versessenen Projekts: ...
Nicht das Opfer einer halblustigen Organverpflanzung, sondern die Konsequenz eines detail­versessenen Projekts: ...
 

Opi, die Wildsau!

Retro auf die Rabiate: Verwandlung eines braven 1973er-Käfers in ein böses 270-PS-Fieberzapferl.

03.05.2013 Autorevue Magazin

    Siegfried Rudolf ist ein Freak – obwohl er zwanzig Jahre bei VW gearbeitet hat. Vom Kfz-Mechaniker hat sich der HTL-Maturant zum Betriebsleiter hochgearbeitet, höhere Weihen waren schon in Aussicht, da zog der Mann einer geordneten Zukunft im Schatten von Gölfen und Passaten den Stecker und wurde Hardcore-Autohändler. So ähnlich muss man sich sein Job-Profil als OSZE-Fuhrparkmanager zumindest vorstellen. Für den Wiener Hauptsitz der Friedensorganisation besorgt er den Ankauf der Einsatzfahrzeuge, die fortan in ausgewiesenen Krisenregionen ihre Mission versehen. Danach holt er die Gebrauchten wieder nach Österreich heim – mit dem An- und Verkauf vor Ort hat die Friedens­truppe eher ungute Erfahrungen gemacht –, bewertet sie und stößt die abgerippten Geräte im OSZE-Auftrag in Richtung dank­barer Gebrauchtwagenmärkte wie Afrika oder den Nahen Osten ab. CarMaxx heißt die Firma, die der heute 44-Jährige im niederösterreichischen ­Hirtenberg in ­dieser Sache vor ein paar Jahren hochgezogen hat. Daneben verkauft und repariert Rudolf mit seinen acht Mitarbeitern auch gewöhnliche Autos, doch sein Herz gehört einem braven, biederen, grabsteingrauen VW Käfer 1303.
    Als selbiger gibt sich das Ding zumindest aus, wenn sich Rudolf auf der linken Autobahn-Spur in den Rückspiegel diverser Cayennes, BMWs oder Benzen zoomt, partout nicht mehr verschwindet und ­sogar – welch Schmach – zum Überholen ansetzt. „Die kennen sich überhaupt nicht mehr aus“, lacht Rudolf auf, „das ist einfach ein Riesen-Spaß.“ Und der kommt nicht von ungefähr, sitzt ihm doch der Schalk nicht nur sprichwörtlich im Nacken. 270 PS lümmeln jetzt da, wo bis vor kurzem eine gemütliche Rückbank war. Hinfort auch die Beschaulichkeit früherer Tage: In gut 20 Sekunden eroberten die 50 PS den Tempo-100-­Gipfel, jetzt, nach zwei Jahren Tüftelei, exekutiert der Graue den Galasprint in 4,8 Sekunden. Opa goes Wildsau.

Cheftüftler: Siegfried Rudolf

Cheftüftler: Siegfried Rudolf

    Auf die Frage nach dem Warum fährt des ambitionierten Tüftlers aus: „Ich ­wollte zeigen, was möglich ist.“ Wichtiger Nachsatz: „Aber ohne den Käfer mit ­Spoilern und Schwellern zu verunstalten. Der Charakter sollte erhalten bleiben, das Motto war Edel-Retro plus Understatement mit moderner Technik.“ Letztere besorgt im Wesentlichen ein 2001er Porsche Boxster, der sich in eine Leitplanke verfügt hatte. Diesen Freizeit-Sportler ­einer betulichen VW-Käfer-Schale unterzujubeln war prinzipiell einfach, hören doch beide auf 420 cm Radstand. Auch dem Mittelmotor-Layout stemmte sich der 1303er nicht wirklich entgegen, die breitere Spur und die größeren Radkästen erforderten dann aber doch eine Menge Handarbeit. Schicht um Schicht zogen Rudolf und seine Hirtenberger Crew dem Boxster sein neues Kleid über – vor dem Gesetzgeber läuft das Gerät demzufolge als Boxster-Umbau –, verbreiterten die Fronthaube um zwei Zentimeter, trieben für die 18-Zöller neue Kotflügel, frästen Trittbretter und bauten Stoßstangen nach. „Das Wichtigste war, trotz der veränderten Proportionen das Gesamtbild zu erhalten. Die Neuteile haben wir originalgetreu nachgebaut, ansonsten haben wir so viel wie möglich in Leichtbau gemacht.“ Mit exakt 1001 kg Gewicht bringt die Neuschöpfung dann auch 270 kg weniger als der Organspender auf die Waage. Im Gegenzug hat man zusätzliche 20 PS in den Ganglien des 3,2-l-Sechszylinder-Boxermotors gefunden, was dem Camouflage-Bomber 235 km/h Topspeed beschert.
    Abseits der Leistungskur wartet der Anabolika-Käfer nach insgesamt 1300 ­Arbeitsstunden und einer entsprechenden Wertsteigerung auf 120.000 Euro für den Prototyp mit nachgerade detailverliebter Ausgestaltung auf: Rundchronos, ­Bedien-Paneele, Heizungsdüsen wurden vom Boxster übernommen, mit Rauleder garniert und in die Käfer-Grundform ­eingebügelt. ­Vehemente Ernsthaftigkeit ­signalisieren räudig belederte Sparco-­Sitze – nettes Funcar ist er schließlich nicht, der … ­Namenlose. Alles hat Siegfried Rudolf durchkalkuliert, geplant, aufs Perfekteste auf die Räder gebracht – nur einen Namen hat seine irre Kreation nicht. „Mir ist einfach noch nichts G’scheites eingefallen. Käfer-Boxster klingt ein bisserl fad.“ Alles andere als fad ist der Namen­lose, wird er einmal losgelassen: Rüde schießen die 270 PS in die Hinterräder, Erste, Zweite – flieg, Käfer, flieg. Drinnen, hinterm Lenkrad, darf man mit der ­Schizophrenie klarkommen, unter einer opulenten Blechkup pel samt steil aufragender Win  vorbeisausen sehen. Sympathiebekundungen inklusive. ­Rudolf: „Das ist eigentlich das Schönste: Keiner neidet einem dieses Auto, die ­Leute winken einem sogar zu.“ Ein gutes Gefühl, das der Mann für 85.000 Euro auch anderen zukommen lassen will. Eine weitere Eskalationsstufe Porsche-VW-­Fusion ist bereits in der Pipeline: Das tragende Element der neuen Beziehung hört auf den schlichten Namen „GT3“. Das ­wären dann 415 PS. Was für ein Freak.

Käfer Boxster

Preis  
Wert des Prototypen: 120.000 Euro.
Bei Interesse: ein Boxster-Käfer von CarMaxx kostet
je nach Ausstattung ca. 85.000 Euro.
Technik  
6-Zylinder-Boxer-Motor in Mittellage, 3179 ccm, 199 kW (270 PS).
6-Gang-Getriebe, Heckantrieb.
Vierrad-Scheibenbremse, ABS.
vo./hi. McPherson mit Alu-Längs- und Querlenkern,
Reifen  
vo. 225/40 R18, hi. 235/40 R18.
Fahrleistungen
Spitze 235 km/h, 0–100 km/h in 4,8 sec. Verbrauch: 8–11 Liter.
Eckdaten 
Länge: 414 cm, Breite 177 cm. Gewicht 1001 kg, Radstand 241 cm.
Ausstattung 
Sparco-Sportsitze, Rauleder-Inte­rieur, Color-Verglasung,
18-Zoll-Leichtmetallfelgen.

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  • Herbert

    So ein Auto gabe es bereits vor einigen Jahren. Die Firma Nordstadt ( BRD ) hat auf Basis eines Porsche 911 einen Käfer darübergebaut. Ebenso hat diese Firma auf einem Porsche 928 einen 2er Golf aufgeblasen. Das ist vor ca. 20 Jahren passiert. Ein Artikel dazu war im „Payboy“ zu lesen.
    Dannoch Hochachtung für den innovativen Zugang zur Erhaltung des Käfer-war auch mein erstes Auto:-)

  • Martin Stumpauer

    BUGSTER wäre vielleicht ein sinnvoller Name für dieses außergewönliche Produkt?!
    lgmst

  • Richard >Kaan

    Was wäre mit:

    „Käxter“

  • Peter Bilka

    Recht lustige Geschichte, was man mit so einem Käfer alles machen kann. Vor allem spannend, wie es nach dem Stretching mit der Steifigkeit und Kurvenfreudigkeit aussieht.

    Obwohl, alle Achtung, eine Radstandverlängerung auf 4,20 m, das hat schon was. (Mein alter 300 Turbodiesel w 124er hatte, so glaub ich, 2,80 m und war ein ziemlicher „Lulatsch“! – und der Herby schaut eigentlich noch recht normal aus, ) Sorry für das Scherzerl, Herr Schlögl :-):-)

    Ansonsten sehr erfrischend, hat Spaß gemacht, das zu lesen.

    LG aus Graz

    Peter

  • wolfgang brodil

    naja, „bugster“ ist doch aufgelegt als namen ;)

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