Schuld und Bühne

John Z. war ein Betrüger. John Z. war ein Bankräuber. John Z. war ­ein Drogenhändler. John Z. hat 250 Millionen Dollar vernichtet. Kurzum: John Zachary DeLorean war ein amerikanischer Held.

27.12.2012 Online Redaktion

Zwanzig Meter unter der Wasserober­fläche in der Bucht von Kilkieran vor ­Irland liegen zwölf Pressen der ­DeLorean Motor Company. Jetzt, in diesem Moment, zittern Pflanzen in der kalten Strömung hin und her und bewegen sich im Takt der Wassermassen. In einer künstlichen Höhle liegt ein Hummer und streckt selbstbewusst seine Fühler in die nasse Dunkelheit. Krebse werden fett. Es ist ein Paradies für Meerestiere.

Nach der Insolvenz des Sportwagenherstellers hatte die Emerald-Fischfarm die ­Maschinen gekauft. Es war die billigste Lösung, um die Wände ihres Zucht­beckens 25 Jahre lang zu beschweren. Das liegt seit 2001 brach, und die Pressen versinken im Sand. So siecht er ­dahin, der Lebenstraum. Der Rache­feldzug. Die Hollywoodgeschichte.n Amerika braucht Geschichten wie die von John DeLorean. Aus den tiefsten Tiefen muss einer auferstehen, der wie ein Komet aufsteigt, alles erhellt und Richtig von Falsch trennt, sich auflehnt gegen das Unrecht in der Welt. Und dieser Höhepunkt seiner Karriere ist ein guter Anfang.

1973 ist John Zachary DeLorean Vize­präsident von General Motors und eine Erscheinung von natürlicher Autorität. Charismatisch, trainiert, fast zwei Meter groß, volles Haar, italienischer Maßanzug. Das größte Unternehmen der Welt hört auf sein Kommando. Im Stile eines Messias verkündet er, dass der Management-Stil verändert werden müsse, man so mit der Fahrzeug­entwicklung nicht weitermachen könne – und überhaupt hätte seine Frau Kelly mehr Ahnung von der Autobranche als jeder Einzelne im Vorstand. Bumm.

So viel Kantigkeit bedeutet das Aus für John DeLorean – es genügt nicht, Recht zu haben, wenn man so diplomatisch ist wie Dschingis Khan.
Wie konnte General Motors diesen Mann groß werden lassen? Wie kam der Rebell in den Vorstand?

John DeLorean Portrait DMC-12 Biographie Sportwagen Oldtimer Youngtimer Sportwagen

Der Aufstieg
Seine Eltern waren Einwanderer. Kathryn Pribak, seine Mutter, kam aus Salzburg. Der Vater, Zachary DeLorean, stammte aus einem kleinen Dorf in Rumänien. 1925 bekommen sie in Detroit ihr erstes von fünf Kindern – John Zachary DeLorean.

Er wird ein Musterschüler, lernt Klarinette und bekommt ein Musikstipendium für das „Lawrence Institute of Technology“ – Detroits Kaderschmiede. Doch John baut Mist. Als er nach dem Armeedienst in Geldnot gerät, verkauft er Werbefläche in seiner eigenen Version der Gelben Seiten. Die Idee ist zwar ein Plagiat, was aber kein Problem ist, da er überhaupt nie vorhatte, irgendetwas zu drucken. Er hatte seine Kunden schlichtweg belogen. Einer seiner Professoren macht seinen Einfluss geltend, und DeLorean muss lediglich das Honorar zurückzahlen.

Dann folgt eine Karriere im Schnelldurchlauf. Als Konstrukteur bei Chrysler ist er unterfordert, also verkauft er Versicherungen, was ihn auch langweilt. Also: Magister im Automobilbau-Ingenieurs­wesen, Rüstungsabteilung von Chrysler, Betriebswirtschaftsstudium an der Abendakademie, Ingenieur bei Packard.

1956 kommt der Lockruf der damals größten Firma der Welt – DeLorean soll als Leiter der Abteilung Modell-Vorentwicklung für General Motors die Marke Pontiac retten. Die Technik-Trägerrakete „Tempest“ ist seine Entwicklung. Ein Auto, das alle amerikanischen Konventionen überrollt. Mit weniger als fünf Meter Länge ein Kleinwagen, dazu kommen Einzelradaufhängung und Transaxle-Bauweise ­(Motor vorne, Getriebe hinten) für eine bessere Gewichtsverteilung. Auf Wunsch wird der Tempest sogar mit einem Vierzylinder motorisiert. Ein Bestseller. Nebenbei entert Pontiac auch wieder den Motorsport. Zwischen 1962 und 1969 gewinnt die Marke 43 von 52 Nascar-Rennen. Pontiac is back und für alle beteiligten Manager ein Express-Fahrstuhl in höhere Gehaltssphären.

Es folgt die Ära der Muscle-Cars und damit das große Kassenklingeln. Was DeLorean damit zu tun hat? Im Grunde wenig. Der Pontiac GTO (Gran Turismo Omologato, eine Bezeichnung, die vorher bereits Ferrari nutzte) ist die Idee von Jim Wangers, seines Zeichens großer Nascar-Fan und als Werbefachmann für Pontiac zuständig. Er schlägt 1963 vor, mit der Wucht eines V8 die Wolken der Rezession zu vertreiben. DeLorean winkt das Auto durch, bezeichnet es in einer Konferenz als GTO, als „italienisches Sandwich“, und hat ihm so seinen Namen verliehen. Er wird Pontiac-Geschäftsführer.

DeLorean schmückt sich mit eleganten Anzügen und jungen Frauen, trainiert sich von 107 auf 76 Kilogramm runter, unterzieht sich einer Schönheitsoperation, von da an wird sein markantes Kinn von einer Art Hufeisen-Implantat getragen. Er passt zwar nicht zu den grauen Wohlstandsspeck-Apparatschiks, die sonst im GM-Vorstand sitzen, hat aber Erfolg. Zwischen 1958 und 1968 vervierfacht sich der Absatz von Pontiac. DeLorean wird das Enfant terrible im Konzern. Früh lässt er sich von seiner ­ersten Frau scheiden, um ein fast zwanzig Jahre jüngeres Model zu heiraten, das ihn nach nur drei Jahren verlässt. Christina Ferrare ist 18 Jahre jünger, ebenfalls Model und wird für die kommenden zwölf Jahre an seiner Seite bleiben.

Die Öffentlichkeit hat einen neuen Helden, was die Bosse von GM geschickt zu nutzen wissen. Von diesem Moment an wird DeLorean nicht mehr wegen seines Könnens, sondern wegen seines Charismas befördert. Er soll der Öffentlichkeit möglichst positiv verkaufen, was die eigentlichen Bosse gerade verbockt haben.

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Demnach wird DeLorean 1972 Chef von Chevrolet. Die Marke will sich nach dem Marketing-Debakel rund um den Corvair neu erfinden. Das Auto kam 1965 in Ralph Naders Buch „Unsafe at any speed“ besonders schlecht weg. Der Vorwurf: Aus Profitgier habe man am Fahrwerk gespart. Die Verkäufe gingen von 220.000 Stück pro Jahr (1965) auf 14.800 (1968) runter. Schnell schustert man bei General ­Motors den Vega zusammen. DeLorean an der Spitze soll für den Neuanfang stehen. Dumm nur, dass sich beim Vega bereits nach acht Meilen Testfahrt die ersten Teile lösten. Neuer Rekord.

Selbst DeLorean kann dagegen kaum etwas tun. Er ist mittlerweile wenig mehr als ein hoch bezahltes Maskottchen, weswegen er seinen Rauswurf provozieren will. Er gibt hochbrisante interne Papiere über den Vega an die Presse weiter. GM will das Gesicht wahren und lobt DeLorean zum Vize­präsidenten hoch. Ein wertloser Karrierehöhepunkt.

Der Rachefeldzug
John Z. wird bald zum Rücktritt gedrängt und verlässt das Unternehmen mit der ­Gewissheit, alles besser zu können, würde man ihn nur lassen. Ein Auto würde er bauen, das die Großen Drei das Fürchten lehren würde. Sicher werde es sein, aber günstig. Sportlich, aber sparsam. Eine ­Revolution für alle und sein persönlicher Rachefeldzug. Das ist der emotionale Grundstein für den DMC-12. Technisch will DeLorean das mit einer revolutionären Kunststoffkarosserie, einem Zweikammer-Wankel­motor in der Fahrzeugmitte und Flügel­türen erreichen. Ein Reality-Check zwingt die Ingenieure später zu rostfreiem Edelstahl und einem V6 im Heck.

Doch dafür braucht John Z. erst einmal Geld – rund 90 Millionen Dollar würde er vom weißen Blatt Papier zum fertigen Auto benötigen. Doch DeLorean ist kein Macher. Er kann bestehende Strukturen optimieren, aber selbst nichts aufbauen. Also schart er Anwälte und Berater um sich.
Der Beginn eines Wirtschaftskrimis. Im Oktober 1975 gründet er die DeLorean Motor Company (DMC). In diese Firma investieren die Geldgeber. Nur ist sie nicht das Papier der Gründungsurkunde wert, weil alle Urheberrechte und Entwicklungsergebnisse der DeLorean Sportscar Partnership (DSCP) gehören. Eine Firma, die er parallel aus der Taufe gehoben und deren Anteilsmehrheit er für 20.000 Dollar erworben hat. Die einzige Summe, die er je aus seinem Privatvermögen beisteuern sollte.

Die wirklichen Herkulesaufgaben aber sind: Börsengang und ein Produktions­standort. Für eine Produktionshalle benötigt er Geld. Geld bekommt er nur durch Aktien, aber die darf er erst ausgeben, wenn er einen Produktionsstandort hat. Statt Aktien auszugeben, verkauft er sie an Händler, bei denen er aus seiner Pontiac-Zeit noch einen makellosen Ruf genießt. Diese müssen sich verpflichten, gewisse Stückzahlen des DMC-12 abzunehmen – eine illegale Klausel. Für diese Aktion richtet sein damaliger Berater ein Callcenter ein – was ebenfalls gegen das Gesetz verstößt.

Eine dritte Firma wird gegründet, die DeLorean Research Limited Partnership (DRLP). Enthusiasten können hier Geld investieren, das an die DMC ­weitergegeben werden soll. Bei Erfolg gibt es Rendite, einen Verlust würden die Investoren von der Steuer abschreiben können. 20 Millionen Dollar kommen zusammen.

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Mittlerweile schreibt man das Jahr 1978, und die zweite Ölkrise torpediert den Auto­absatz, den Arbeitsmarkt und den Wohlstand im Allgemeinen. DeLorean nutzt diese Situation, indem er mehrere Länder und Städte gegeneinander ausspielt. Detroit und Puerto Rico sind im Rennen, aber Belfast bekommt den Zuschlag. Nordirland will mit Arbeitsplätzen den Terror der IRA bekämpfen und schmeißt De­Lorean 84 Millionen Dollar in Form von Darlehen, In­vesti­tionen und Infrastruktur hinterher. Ohne jedes Mitspracherecht. Im Gegenteil: DeLorean offeriert ihnen für das Geld nur eine vierte Firma. Die DMCL ist der Europa-Ableger seiner US-Marke und für den Vertrieb zuständig. Pikant: Der DMC-12 soll nur in Amerika verkauft werden, die amerikanischen Vertriebsrechte bleiben bei der US-Mutter. Einen Absatz von 30.000 Fahrzeugen pro Jahr verspricht er der britischen Handelskammer. Porsche verkauft zu diesem Zeitpunkt 14.000 vom vergleichbaren 924. Und der ist billiger und wird nicht in einem Krisengebiet gebaut.

Seinen größten Coup hebt sich DeLorean für die Fahrzeugentwicklung auf. Er engagiert Colin Chapman. Dessen Inge­nieursteam, das bisher Autos nur in Handarbeit hat entstehen lassen, soll jetzt ein Großserienmodell entwerfen. Aber wie soll Lotus bezahlt werden? Zu diesem Zweck gründen Chapman und DeLorean eine Briefkastenfirma in Genf – die GPD – und statten sie mit 18 Millionen Dollar Investorengeld aus. Chapman schreibt die Rechnung, und DeLorean bezahlt. Allerdings nicht mit dem Geld der GPD, sondern mit Geld der DMCL, also der europäischen DMC. Klartext: DeLorean bezahlt Chapman mit britischem Steuergeld. Die 18 Millionen der GPD sind verschwunden. Nach dem Bankrott der DMC wird herauskommen, dass sich DeLorean und Chapman das Geld untereinander aufgeteilt haben. Chapman wird man deswegen nie zur Rechenschaft ziehen können, weil er 1982 an einem Herzinfarkt stirbt. Gegen DeLorean wird ein Haftbefehl ausgestellt, weswegen er nie wieder britischen Boden wird betreten können.

Der Untergang
Im Mai 1981 werden die erste DMC-12 in die USA geliefert und müssen gründlich überarbeitet werden. Unter anderem klemmen die Türen und die Lichtmaschine ist zu klein. Doch DeLorean hat noch immer einen phantastischen Ruf in Amerika. Die Autos sind eine technische Katastrophe, dennoch heiß begehrt. Doch der Absturz ist nicht mehr aufzuhalten. Statt 30.000 Stück pro Jahr werden in 18 Monaten nur 9000 Stück zusammengepfuscht. 3500 davon warten auf Halde. Außerdem bedient sich DeLorean schamlos am Kapital der Firma: „Wenn du dein eigenes Unternehmen hast, kannst du machen, was du willst“, wird er sich später verteidigen.

DeLorean wird unberechenbar. Sein Kinn bereitet ihm Schmerzen, und bei Verhandlungen bewegt er es immer wieder vor und zurück. Er muss vierzig Tabletten täglich schlucken. Die einen machen ihn depressiv, die anderen muntern ihn auf, wieder andere machen ihn zornig. Je nachdem, was er gerade genommen hat, ändert sich sein Gesprächsstil.

Um das Ende seiner Firma hinauszu­zögern, erpresst er immer wieder Geld von der britischen Regierung, indem er droht, die Produktion stillzulegen. Doch mittlerweile sitzt Margaret Thatcher an den ­Hebeln der Macht. Die Eiserne Lady hat Anfang 1982 genug von den Finanzeskapaden und setzt einen Insolvenzverwalter ein. Um direkter Verantwortung zu entgehen, flüchtet DeLorean im Februar 1982 unter falschem Namen in die USA.

Am Hafen von New York stehen noch tausende seiner Autos auf Halde. Alle gehören jetzt der Schuldnerbank. DeLorean schickt ein paar Mitarbeiter vorbei – bessere Schläger –, die ihm 14 Autos holen sollen. Die Wachleute wissen, dass dies einem Bankraub gleichkommen würde, und es kommt zu einem Handgemenge. Die Polizei ist überfordert und schickt die von DeLorean beauftragten Diebe mit den Autos weg. Die entwendeten Fahrzeuge wird er Freunden und Verwandten schenken.

DeLorean bekommt vom Insolvenz­verwalter eine letzte Chance. Würde er dreißig Millionen investieren, könnte er seine Firma zurückbekommen. In dieser Situation kontaktiert ihn James Hoffman. Ein alter Bekannter, der jedoch einmal mit Drogen erwischt wurde und seitdem für das amerikanische Drogendezernat arbeitet. Er bietet DeLorean an, einen Investor namens Vicenza zu vermitteln, der aus zwei Millionen Dollar Einlage 24 Millionen macht. Durch Kokain. Doch der vermeintliche Drogenbaron ist ein Lockvogel. Wie in einem schlechten Film wird DeLorean in einem Hotelzimmer verhaftet, während er mit seinem Partner ein Glas Champagner trinkt. Auf dem Tisch liegt ein Koffer voll Kokain, den DeLorean mit den Worten kommentiert: „Das ist besser als Gold, denn Gold wiegt um einiges mehr.“

DeLorean kommt vor Gericht und wird nach einem aufsehenerregenden Prozess- und Medienspektakel freigesprochen. ­Seine Anwälte können die Verhandlung so drehen, dass sie auf die Grundsatzfrage hinsteuert, wie weit der Staat einen Mann in Not in Versuchung führen darf. DeLoreans Firmenkonstrukt zerfällt. Die britische Regierung hat zwar die DMCL, aber keine Vertriebsrechte für das Auto. Die gehören der DMC. Ein paar Produk­tionsfirmen aus Hollywood wollen De­Lorean seine Lebensgeschichte ab­kau­fen. Er lehnt ab, weil er befürchtet, das ­Honorar könne sofort beschlagnahmt ­werden.

Der letzte Prozess gegen DeLorean wurde 1989 eingestellt. Er hatte noch ein paar Geschäftsideen (ein Sportwagen, eine Uhr), bekam aber kein Geld mehr. John Z. starb am 19. März 2005 in New York an einem Schlaganfall. Eingeäschert wurde er in ­einer schwarzen Lederjacke und Jeans. Da war er noch einmal der Rebell von einst. Auf der Trauerkarte stand der Werbeslogan des DMC-12 „Lebe deinen Traum“. 

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