Jaguar XJ Exterieur Dynamisch Front
Die radikalste ­Umformung eines Klassikers seit Cadillac
 

Testbericht: Jaguar XJ

„Kollegen, ich hab’s. Wir müssen Jaguars bauen. Das könnte unsere Rettung sein.“

29.07.2010 Autorevue Magazin

Schönheit entschuldigt alles. Dominanz der Form ist ein mutiger, aber lohnenswerter Weg auf der Suche nach der neuen großen Jaguar-Limou­sine. Mit der Wucht der scharfen Linie, dem Schwung ­kontrollierter Dynamik wurden sämtliche Vokale des ­Jaguar-Vokabulars ins rasante Kursiv gebürstet.

Alles, was der gefräßig weit aufgerissene Kühlergrill schluckt, wird optisch zu Geschwindigkeit und sehnengespannter Eleganz verarbeitet. Wenn vorne noch die Raub­katzenblick-Verwandtschaft zum XF durchblitzt, strömt die neue Linie seitlich über scharfe Stoßfänger-Oberkanten weg, teilt sich zur Nebenader des zarten Dachverlaufes und zum massiven Strom der massiven Türprofile, um sich hinten, thematisiert von den beiden feurig abfließenden Heckleuchten, im redlichen Heck zu finden, das erstaunlicherweise frappant an den großen Citroën erinnert.

So wie den vertikalen Trägern ihre bremsende Substanz genommen wurde (zum Beispiel durch markante Chrom­einfassung der Fensterovalos), so wurde auch dem Dach seine Plattheit genommen, indem man es schein- und echtverglaste, bis auf ein kleines verbliebenes Metallpaneel über der C-Säule. So erhielt man eine von Motorhaube bis ­Kofferraumdeckel oben und seitlich nahezu durchgängige Glaspartie, da musste sogar der C-Träger mitspielen. Das wird Schule machen.

Was man dem XJ anlasten muss: Er ist zu gewaltiger ­Größe aufgelaufen, dagegen wirkt ein Audi A5 zierlich. Aber Jaguar sieht sich ja eher gegen Maserati, S-Klasse und Siebener-BMW gerichtet. Die vier Türen werden ihrer Größe gerecht, erschließen freien Zugang zu einer geradezu kubistischen Innenraum­gestaltung, wenn man davon ausgeht, dass sich das Greenhouse von jeder Sitzposition aus zu einer neuen Art von Größe erschließt. Dabei bietet sich das spektakulärere Panorama vielleicht sogar dem Fondpassagier, denn der XJ ist durchaus als Chauffeurlimousine angelegt.

Er verfügt nicht nur über alle belederten Annehmlichkeiten wie Mittelarmlehne mit zweigeteilter Ablagebox (Cupholder inkl.), über gepolsterte Dachgriffe, beleuchtete Kosmetikspiegel, ­Beleuchtung, furniertes Klapptablett und Klimaverstellung samt massiver Düsen, sondern wird auch separat erhellt durch das hintere der beiden Glasschiebedächer (die sich via Schiebepaneel heimelig ins ­Alcantara abdunkeln lassen). Durch diesen Kunstgriff wird die hohe Schulterlinie der relativ niedrigen Fenster kompensiert, die sonst bedrängend wirken könnten. Aus diesem Grund empfehlen sich auch helle Sitzbelederung und helles Dach-Alcantara. Denn die Alukarosserie, der sie tragende SpaceFrame-Rahmen benötigen fallweise stärkere Querschnitte als Stahlblech. Das kostet wertvolle Millimeter beim Innenraum, bringt aber schöne Vorteile beim Gewicht: Die reine XJ-Karosserie ist etwa so leicht wie die eines Mini.

Blickt der Fondpassagier zwischen den Sitzen nach vorne, erstreckt sich dort ein ­plastisches Panorama, geleitet von der sogenannten „Riva“-Leiste, die sich schmal, aber konsequent von den Türen weg zum Halbkreis formt. (Hier, vorn unter der Wagenmitte, kann der Bogen übrigens mittels Plakette personalisiert werden – mit eigenem Namen, zum Beispiel. Oder der Signatur von Ian Callum, dem Designer.)

Mittelkonsole und Cockpit ergeben eine funktionierende Symbiose aus Funktion und Komfort. Allerdings mit gewissen Einschränkungen: Wir wurden seitens Jaguar um Nachsicht gebeten bei Beurteilung der elektronischen Komfortfunktionen wie Navigation, Radiobedienung, Massagefunktion, Einparkhilfe etc. Es handele sich noch um ein Vorserienprodukt. Tatsächlich findet sich hier ein nicht enden wollender Quell von Verwirrnis, beispielsweise, wenn das hintere Parkpiepsen nie enden will, wenn man sich in umständlich flachen Hierarchien verliert zwischen Radiobedienung und Massagesitzabschaltung, und alles illustriert von einer Bildschirmoptik, die vermuten lässt, man hätte es mit der versehentlichen Darstellung des Quellcodes zu tun.

Bei aller Nachsicht: Warum nimmt man sich nicht die deutschen Systeme zum Vorbild, die, egal ob BMW, Mercedes oder Volkswagen/Audi/Skoda, von vorbildlicher Funktionsgüte und Brillanz sind? Jeder Versuch, es auf andere Weise besser zu machen, muss scheitern.
Wir fuhren den XJ in der Langversion, also um 12,5 cm gestreckter, was beim Überfahren von Schrägkanten manchmal zum leisen Knistern führte, sonst war dem Wagen aber keine Schwäche anzumerken. Das Gewicht konnte unter 1800 kg bleiben, was gute Voraussetzungen für alle Formen der Fahrdynamik bietet: Geht trotz des schweren V8 behände in die Kurven, regelt, wenn nötig, geschmeidig ab, ist mehr dem Rauschen verpflichtet als dem Hämmern, was Kraftentfaltung, Akustik und Schaltvorgänge der Sechsgang-Automatik betrifft. Die 385 PS des 5-l-V8 (der sich im mächtigen Motorraum unter großer Menge von Verpackungsmaterial versteckt) sind vorbildlich kultiviert, lassen sich aber zur Boshaftigkeit anstacheln, wenn man die Sporteinstellung wählt.

Sobald das Symbol der karierten Flagge gedrückt wurde (jeder Knopf im XJ muss nachhaltig eingepresst werden, um Wirkung zu erzielen), leuchten auch die beiden Hauptinstrumente in rotem Schimmer auf, als Hinweis, dass jetzt Feuer angesagt ist. Bisschen kindisch, isn’t it? Was jetzt fehlt, ist ein Head-up-Display der Geschwindigkeit in der Windschutzscheibe (die ja leider noch mit Heizdrähten aus Ford-Tagen durchzogen ist) oder wenigstens eine zusätzliche Digitalanzeige. Wenigstens in Verbund mit der ganz einfach zu bedienenden Tempomatik. Allerdings muss man vorher das Lenkrad auswendig gelernt haben. Seine (optional) sechzehn Funk­tionen nähern sich schon der Parodie. Schließlich gibt es dahinter auch noch Schaltpaddel und die ganze Licht- und Scheibenwisch-Dreh-Hebelei.

Insgesamt aber: Großartiges Ambiente, bei aller Leichtigkeit gravitätisches und komfor­tables Fahrgefühl, tolle Bremsen, gezirkelte Lenkung, aber bitte, wie schaltet man die Sitzmassagefunktion wieder aus? Wir sind schon ganz gerädert.

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