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Vorstellung: Jaguar XJ

Wer weiterkommen will, sagt Jaguar, muss sich was trauen. Rot werden, zum Beispiel.

01.04.2010 Autorevue Magazin

Auf der alten HMS Heritage hatte Jaguar kaum mehr Wasser unterm Kiel, man wäre erhobenen Hauptes auf Grund gelaufen, hätte Coventry nicht einen radikalen Kurswechsel beschlossen: Komplett neuer Entwurf einer strategisch auf Zukunft ausgerichteten Flotte, deren Aura vielleicht noch an das große Gestern erinnern würde, aber nicht mehr deren Auftreten. Nach XK und XF kommt nun im Mai das neue Flaggschiff XJ auf die Straße. Und wenn wir neu sagen, meinen wir: neu in absoluter Ausschöpfung aller Möglichkeiten.
Natürlich ist die Sache riskant. In der Welt der Premiumautos herrscht derzeit prekäre Stille. Keiner weiß, ob und wann Leben in wirtschaftlich relevanten Dimensionen zurückkehrt. Unabhängig davon war aber klar, dass jeder neue Jaguar konsequent das Neuland hinterm Horizont anpeilen und jenen Punkt erreichen musste, wo sich die Marke selbst ein bisschen fremd vorkommt. Ian Callum, Chef­designer von Jaguar, fand köstliche Worte für dieses Tasten nach dem richtigen Gefühl. Den eindrucksvollen Kühlergrill, sagt er, hätten sie slightly outside our comfort zone gezeichnet. How nicely put! Und das flächige Heck mit den vertikal fließenden LED-Leuchten und der großen springenden Katze? Hat Kontroversen ausgelöst. Was gut sei, sagt Callum. Denn Friktion erzeugt Wärme, und wo Wärme ist, ist Leben.
Anders als der XF, der ein erfolgreicher Wegbereiter für den XJ ist, bemüht sich Jaguar beim Interieur des XJ um eine dramatischere Verschmelzung von haptisch orientierter Klassik mit der virtuellen Moderne. Wie die Buglinie einer Yacht läuft vorne eine Holzbordüre über den gesamten Horizont des Cockpits, und vier große kugelige Luftauslässe zeichnen dralle Rundungen ins Dashboard. Dagegen wirkt der Bildschirm, auf dem (wie im Range Rover) durch und durch ­digitale Instrumente aufscheinen, doppelt kühl und zwei­dimensional – vermag er auch viele schön animierte Funk­tionen und Submenüs anzubieten, das Auge kann sich nicht einmal an einem dünnen Real-Chromrand festhalten.
5,12 Meter misst der XJ, die Langversion bringt es noch auf 12,5 Zentimeter mehr. Das ist ein stattliches Maß, das auch als solches wirksam wird. Durch das Coupé-Profil, die durch Linien optisch noch ­extra betonte Länge und die flache Dachpartie mit dem ­serienmäßigen Panorama-Glas verströmt der XJ jene geschmeidig windschnittige ­Eleganz, die Ian Callum als ­elementaren Wert der Jaguar-Ästhetik versteht.
Den Proportionen ist jedenfalls eine hohe gestalterische Disziplin anzusehen. Zusammen mit dem glatten Unter­boden ergibt sich daraus auch eine strömungstechnisch hervorragend verwertbare Form (cw-Wert 0,29), die in Verbindung mit der Vollalubauweise der Karosserie (das bringt rund 150 kg Gewichtsvorteil gegenüber der deutschen Stahlblech-Konkurrenz von BMW und Mercedes) und den neuen Motoren den Anspruch auf technische Leuchtkraft erfüllt. 7,5 Liter Durchschnittsverbrauch für den 3,0-V6-Diesel mit 275 PS. Auf dem Papier macht das 184 g CO2/km bei immerhin 600 Nm höchst kultiviertem Drehmoment bitteschön, das kann sich sehen lassen. Dass man einen Diesel fährt, merkt man ohnehin hauptsächlich am ­festen Antritt und dem kurzen Drehzahlband. Akustisch ist maximal ein kernigeres Schnurren zu bemerken.
Herzland sind natürlich die Benziner. Der direkt eingespritzte Jaguar-V8 hat in der neuen Generation fünf Liter Hubraum und mehr Schmalz bei zeitgeistig tadellos dis­zi­pliniertem Spritkonsum. In der Saugversion bringt er 385 PS auf die Straße, in der Supercharged-Kompressor-Aus­führung mit Hinterachs­differenzial höchst animierende 510 PS. 4,7 Sekunden auf Hundert, da verwelkt die Frage nach einem XJR-Modell noch im Stadium der Gedanken­bildung. Vermutlich wäre er auch ein R geworden, wenn der Markt nicht nach einer Gleichberechtigung des Diesel-Modells verlangen würde. ­Jaguar nahm den Ausweg über den Titel „Supersport“, wie man die Top-Top-Ausstattung des XJ jetzt nennt, wo sich der Luxus in Doppelrahmstufe versammelt, mit bestem Semi-Anilin-Leder, TV und studio­tauglicher Bowers & Wilkins-HiFi-Anlage (wow, 1200 Watt in einem Auto!).
Da in der Welt von Jaguar Luxus eine gewisse Lebensgrundlage darstellt, heißt die Basisausstattung bei XJ treffend „Luxury“. Und deshalb scheint der XJ – zumindest was die Grundpreise betrifft – teurer als die deutsche Konkurrenz. Ist er aber gar nicht. Beim XJ sind nämlich Xenon, Navi und Voll-Lederausstattung selbstverständlich, das kann man jetzt als späte Satisfaktion für die Stoffsitze zu ­Beginn des X-Type sehen oder auch nicht. Was ebenfalls vom 85.900-Euro-Diesel bis hinauf zum Kompressor-Modell gültig ist: Luftfederung serien­mäßig, eine Sechsgang-Automatik, über einen Metall-Drehknopf am Mitteltunnel zu bedienen, und eine ebenfalls dort befindliche kleine Taste mit Zielflaggen-Symbol, mit der man den Dynamic Drive Mode aktiviert. Dann zieht der XJ die Gurte stramm, schaltet die Instrumentenbeleuchtung auf Rot, erhöht die Drehzahl und versteift die Lenkradübersetzung. Sagen wir: Da kommen voll die Sport-Gene von Jaguar zur Geltung. Die übrigens heuer auch wieder ­aktiv auf der Rundstrecke eingesetzt werden. In der GT2 und der American Le Mans Series.

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