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Jaguar XF 4,2 V8 Testbericht

Neuzugang im Themenpark. Der XF darf Raubtier spielen, doch bloß nirgends ankratzen!

01.04.2008 Autorevue Magazin

Es kann nicht genügen, ein gutes und gefälliges Auto zu bauen, wenn man Jaguar heißt. Die Welt erwartet einen Jaguar. Die Welt? Offenbar nicht der nordamerikanische Käufer, dem in vorauseilendem Gehorsam dieser Hang zum Lexus nachgesagt wird, den man offenbar nur unterlaufen kann, indem man ein noch leximaleres Auto baut. Das haben bitte nicht wir erfunden, das erzählt uns der neue Jaguar XF persönlich. Ein schönes Auto, ein gutes Auto, fraglos. Aber ein letzter Abschied von Jaguar oder was immer wir Sentimentalisten damit verbunden haben. Im Grunde ist Jaguar seit der XJ-Serie III von 1979 tot, als man die perfekte Dachlinie zugunsten innerer Kopffreiheit anhob. Wie aber dann? Die Anbiederung ans Traditionelle (mit Jaguar S) hat nicht funktioniert. Jetzt will man mit ganz neuer Linie mutig sein. Denn wie sagte Chefingenieur Mick Mohan bei der Präsentation? „We are in the entertainment business, not in transportation.“ Und dass man jetzt gerne die dreißig- bis vierzigjährige Zielgruppe anspräche.

Wir fuhren den XF in Topmotorisierung, also mit 416 PS aus 4,2 Litern Hubraum des V8, ein sehr gepflegter Motor, mit ansprechendem Sounddesign versehen in höheren Drehzahlregionen, immer voll in der Leistung, immer im idealen Gang der Sechsgangautomatik, die sich per Lenkrad-Paddle oder per Gaspedal schalten lässt, und das Drehmoment erreicht 560 Nm bei 3500 Touren, damit könnte man sich schalten fast völlig ersparen.

Ein paar Sachen stören, aber aushaltbar: 1. Der Jaguarkopf in der Lenkradnabe schaut so bescheuert drein, dass man es nicht für möglich hält. 2. Diese Show des pulsierenden Startknopfes, des ausfahrenden Automatikwähl-Stempels und der hochdrehenden Luftgitter ist so haarsträubend überflüssig und selbstgefällig, dass man denkt, die Anarchos gehen zu Recht auf die Straßen.

3. Wenn man nur einmal, ein einziges Mal gegen den Handschuhfach-Sensor drückt, und das Handschuhfach springt nicht auf, ist alles verloren. Das darf nicht sein, der Handschuhfachdeckelöffner ist schon erfunden. Warum kommen ausgerechnet die Marken, die sich eh schwertun mit Strom, immer auf die ausgefallenen Ideen mit hohem Schiefgeh-Potenzial? Dabei ist ja alles nur gut gemeint.

4. Dass man für allerlei Funktionen ins Display tappen muss, daran werden wir uns zunehmend zu gewöhnen haben. Man muss insgesamt zu viel nachdenken für Dinge wie Ausströmung der Klimaluft. Im Zweifelsfall lässt man es dann lieber bleiben – das sollte nicht sein. Vielleicht hat man sich zu sehr vom Design leiten lassen. Früher hatten immer die Techniker die Oberhand, jetzt sind es die Designer. Man weiß nicht, was besser ist.

Zur Sache: Die Fahrwerksabstimmung ist gut gelungen, Elektronik greift spät, aber gerecht ein – nicht nur dem Heckausbruch, sogar dem Untersteuern, also dem Schieben über die Vorderräder, wird Einhalt geboten.

Das gesamte Qualitätsniveau, also auch die Geräuschdämmung, ist im Langsamfahrbereich enorm. Alles ist angenehm nivelliert: Nie dringen Abroll-, Wind- oder Fahrgeräusche durch, nur wenn es um feine Asphaltlinien geht, Querfugen im Straßenbelag, so dschunggen die herein wie Wellen an eine Bootswand.

Bei höheren Drehzahlen darf der Motor auf dezente Weise kernig werden, von der Ansaugseite her, wo der mechanische Lader mitröhrt. Die Leistung ist in jedem Fall höher, als man sie benötigt, was dem stärksten S-Nachfolger eine gewisse Tiefe und Magie verleiht. Von der Dieselvariante wollen wir ein andermal berichten.

Großes Lob der Klimaanlage: Lautlos, zugfrei und konstant hält sie das Niveau.

Materialwahrheit herrscht hier, genau wie Designer Ian Callum gern referiert: Metall sieht aus wie Metall (Alu, gebürstet), Holz sieht aus wie Holz (viele Auswahl-Möglichkeiten). Aber er vergaß zu erwähnen, dass Plastik exakt wie Plastik aussieht, leider an Stellen, wo man es ganz besonders nicht mag: An der Lenkradspeiche (vor allem der unteren, man kennt das schon aus dem XK) und in den Türarmlehnen, wo die Fensterheber bedient werden.

Außergewöhnlich stimmungsvoll ist die Nachtoptik gelungen, deren Hauptthema ein phosphoreszierendes Neonblau ist, das sich über die Armaturen, über die Mittelkonsole zieht und in feinen Gradationen auch die Schaltergalerien in den Türen beleuchtet. Dank des langen Radstandes geht sich auch eine gute Fondgestaltung aus, allerdings herrscht keine Chauffeurempfehlung, vor allem für großgewachsene Herrschaften. Immerhin hat noch niemand die Dachlinie angehoben.

Was niemand wissen will, im Notfall aber enorm praktisch werden kann: Die Rücksitze lassen sich umlegen, was das Laderaumvolumen auf brauchbare Weise vergrößert. Und eine Nettigkeit haben sich die Briten nicht verkneifen können: „Best of Class in Cupholders!“ wie Callum mit einem twinkle in the eye verrät, „drei in der ersten Reihe“. Das werden die Amis hoffentlich zu schätzen wissen. l

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