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Jaguar E-Type Lightweight: Nach 50 Jahren endlich komplett

50 Jahre später kommen sie dann doch noch, die 6 Jaguar Lightweight E-Types. Sehen wird man sie in freier Wildbahn jedoch nicht.

29.08.2015 Press Inform

„Das ist der erste, symmetrische E-Type der Welt“, erklärt Jaguar-Ingenieur Kev Riches und streicht dabei ehrfurchtsvoll über das Chassis des Jaguar Lightweight E-Type. Dem neuesten Mitglied einer vor rund 50 Jahren auf 18 Fahrzeuge limitierten Modellreihe, von denen bis jetzt jedoch nur zwölf produziert wurden und elf tatsächlich noch existieren. Warum 1963 oder zumindest kurz darauf nicht auch noch die restlichen 6 Stück im Jaguar Werk Browns Lane im britischen Coventry gefertigt wurde, ist nicht ganz klar. Einer der Gründe liegt in der sehr erfolgreichen Konkurrenz in Form des heute achtstellig gehandelten Ferrari 250 GTO. Gleichzeitig soll aber der während seiner Bauzeit von 1961 bis 1975 72.500 Mal produzierte Serien-E-Type so erfolgreich gewesen sein, dass es im Werk schlicht keine Kapazitäten für den um 114 Kilogramm abgespeckten Lightweight gab. Im Laufe der Jahre gerieten die fehlenden Sechs in Vergessenheit. Was über die nun fünf verstrichenen Jahrzehnte blieb, ist eine sechszeilige Lücke im Jaguar-Fahrgestellnummern-Archiv. Und um genau die kümmert sich jetzt das 900 Mitarbeiter starke Team von Kev Riches.

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© Bild: Werk

Der richtige Mann für den Jaguar Lightweight E-Type

Dass ausgerechnet der 56-Jährige mit dieser Aufgabe betraut wurde, ist zum einen kein Zufall. Zum anderen für ihn persönlich das höchste Glück. War sein heute 89 Jahre alter Vater schon für das Verdeck seines Traumautos zuständig, ließ ihn Zeit seines Lebens der E-Type-Virus nicht mehr los. „Die Grenzen zwischen meinem Hobby, dem Restaurieren und Reparieren von E-Types und meiner Arbeit sind aktuell sehr verwaschen“, ist aus dem über beide Ohren strahlenden Gesicht zu vernehmen. „Ich bin seit 41 Jahren bei Jaguar und kann mir einen schöneren Job einfach nicht vorstellen“, fügt er hinzu. Beste Voraussetzungen, um das Projekt, welches innerhalb der Abteilung Special Vehicle Operations angesiedelt ist, in Angriff zu nehmen. Die Frage nach dem „Wo sollen wir diese sechs Träume verwirklichen?“ stellte sich nicht. Denn ein gefühlt 100 Quadratmeter großer Raum, nur 90 Meter vom ursprünglichen Produktionsort des Lightweight entfernt, ist dafür wie geschaffen. Es konnte also losgehen.

Auf den Geruch kommt es an

Hauptaugenmerk bei der Fertigstellung der sechs fehlenden Fahrgestellnummern liegt auf der zeitgemäßen Produktionsform von vor 50 Jahren. Keine Roboter, kein moderner Schnickschnack – lediglich die auf Computern gespeicherten Zeichnungen und Daten werden hier genutzt. „Wenn Du einen originalen Lightweight nimmst und Dich fragst, wie könnte er heute aussehen… musst Du in die Zeit von 1963 zurück. Das Ergebnis ist allerdings klar: die heutigen sind besser“, verrät Kev Riches und deutet auf die Windschutzscheibe. „Vor allem dieses Bauteil hat uns vor eine große Aufgabe gestellt. Die alten Lightweights habe da schon mal bis zu zwölf Millimeter Differenzen aufgewiesen – die neuen nicht.“ Und auch ein direkter Vergleich der Spaltmaße lässt keine andere Meinung zu. Selbst das verbaute Leder riecht genauso, wie die alten Ledersitze. „Unsere Kunden können auch neueres Leder haben, aber kein einziger wollte das“, erklärt Kev Riches.

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© Bild: Werk

Die einzige Farbschicht

Wenn schon genau hingeschaut wird, dann lohnt sich auch ein Blick unter die Motorhaube, den Kofferraumdeckel oder direkt in den Radkasten. Denn hier zeigt sich, dass, wie auch bei den ersten Zwölf, die einzige Farbschicht lediglich dort aufgetragen wird, wo sie auch von außen zu sehen ist. Alles andere bleibt im urigen Aluminium-Kleid. Ein knapp 1.000 Kilogramm schweres Kleid, das damals Malcom Sayer und Sir William Lyons entwickelten. Und: Ein 4,45 Meter langes Kleid, das dank des 3,9 Liter großen Reihensechszylinders aus Aluminium einem über 250 Kilometer pro Stunde schnellen Fahrtwind ausgesetzt werden kann.

Bei Tempo 80 in die Zweite

Dass dies nicht nur rein theoretische Werte sind, davon dürfen sich einige wenige als Beifahrer von Kev Riches ihr eigenes Bild machen. So liebevoll er noch wenige Augenblicke zuvor von seinem Traumauto und den vielen Details schwärmte, so artgerecht geht er mit dem von Anfang an laut röhrenden Jaguar Lightweight E-Type um. Die 15 Zoll großen Räder am Heck treiben den als klassischen Rennwagen geführten und nach FIA Reglement homologierten Briten mit 340 PS und 380 Newtonmeter Drehmoment nach vorn. Erst bei Tempo 80 wechselt Kev in den zweiten Gang, den er brutal klingend auf einer langen Gerade komplett ausfährt.

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© Bild: Werk

LeMans-Konfiguration

Das nur aus vier Gängen bestehende Getriebe ist nicht ohne Grund so lang übersetzt. Das Stichwort lautet LeMans-Konfiguration und macht klar, dass der vierte Gang für wahnwitzige Tempi jenseits der 250er-Markierung gedacht ist. Der schon vom Anlassen an mit Benzingestank geflutete Innenraum bietet derweil zweierlei Gesichter. Das eine entsteht noch vor dem Einsteigen: Es sieht eng, spartanisch und unkomfortabel aus. Erst einmal drinnen, überrascht die Beinfreiheit und die detailverliebte Verarbeitung, die ihr Meisterstück in dem Jaguar-Wappen auf dem Lenkrad findet. Einem Lenkrad, das nur von sehr schmalen Fahrern bedient werden kann. Alle anderen schaffen es gar nicht erst, den Platz dahinter einzunehmen.

Das Problem des Lightweight

Die in fünf Sekunden die Tempo 100-Marke pulverisierende Nummer 13 mit der Fahrgestellnummer S850670 – alle fünf weiteren teilen sich die Endziffern eins bis fünf – wird derweil von Kev Riches in eine enge Linkskurve gelenkt. Das Heck gibt sich ein wenig der Physik hin und beginnt das Rutschen. Doch alles kein Problem, denn dank der sehr direkt ausgelegten Zahnstangen-Lenkung ohne Servounterstützung und einer sehr spontan ausgelegten Gasannahme lässt sich der Hintern des Leichtgewichts im Nu wieder einfangen. Bei all dem Fahrspaß, den solch ein Jaguar Lightweight E-Type bringt, ist es schade, dass er niemals auf öffentlichen Straßen zu sehen sein wird. Und das liegt ausnahmsweise mal nicht daran, dass alle sechs Exemplare bereits zum Preis von rund 1,4 Millionen Euro verkauft sind, sondern daran, dass sie keine Straßenzulassung bekommen. Und während der eine oder andere Serien-E-Type-Besitzer hinter all dem Lightweight-Zauber nur eine reine Kommerz- und Marketing-Aktion sieht, freut sich Kev Riches als einer der einzigen Arbeiter auf den Beginn einer neuen Arbeitswoche.

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