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Ein Mann und sein Auto...
 

Initial D: Manga-Drift

In den 90ern entstand im Land der aufgehenden Sonne eine Manga-Serie über nächtliche Rennen auf Bergstraßen. Authentisch, fesselnd und sehr japanisch.

05.06.2014 Online Redaktion

Auch wenn man es zurzeit nicht direkt aus dem österreichischen Straßenbild ableiten kann (Škoda und Korea sei Dank), ist Japan nach wie vor ein bona fide Autoland, Motorsporttradition und sehr eigene Motorkultur inklusive. Trotz Ballungszentren, die diese Bezeichnung auch verdienen, trotz exzellenter öffentlicher Verkehrsmittel und trotz der Tatsache, dass das ganze Land eigentlich ein zerklüfteter, aus dem Meer ragender Gebirgszug ist. Doch gerade auf den Passstraßen jener Berge hat sich in den 90ern eine rennfahrende Szene entwickelt, der eine echt japanische Besonderheit huldigt:

Initial D!

Ein Manga, der Straßenrennen zum Inhalt hat. Ursprünglich auf Papier erschienen, siedelt er 1998 auf fernöstliche Fernsehschirme um. Mit realen Modellen, echtem Insiderslang und voller Nipponcharme. Nur Selbstironie gibt es eher nicht. Gut so.

The rotary can never beat the 32!

Dieser Art Wortspenden fallen im Akkord und man kann sich denken, was zwischen gesprochenem Japanisch und englischen Untertiteln noch verloren gegangen ist.

Der Plot ist ungefähr folgender (Spoiler alert!):

Der junge Takumi Fujiwara interessiert sich überhaupt nicht für Autos, geschweige denn Rennen. Sie, die Autos, sind ihm Mittel zum Zweck – wobei es sich um das allnächtliche Ausliefern von Tofu aus dem väterlichen Geschäft handelt. Weil er diese Zustellungen schon macht seit er dreizehn ist, weil Tofu empfindlich ist und weil er vor der Schulglocke noch eine Stunde Schlaf zu finden hofft, hat er sich – freilich ohne das Autofahren jemals als etwas anderes als Arbeit anzusehen – zu einem erstklassigen Fahrer entwickelt. Zum schnellsten am Mount Akina, dem Berg dessen Straßen er nach den vielen Nächten auswendig kennt. Sein Ross ist übrigens Vaters alter Toyota Trueno, besser bekannt als AE86. Dieses Auto stellt in etwa den 1er-GTI der Japaner dar, nur weniger belächelt und ehrfürchtig Hachi-Roku (Acht-Sechs) gerufen. Jedenfalls gerät der ruhige Tofubote mehr oder weniger zufällig in den Focus der Streetracerszene und lockt als unbesiegbarer Junge mit vermeintlich unterlegenem Material relativ schnell Herausforderer an. Der Rennerei anfangs abgeneigt, erwärmt sich Takumi zusehens für diese nächtlichen Duelle und natürlich richtet „Akina´s Hachi-Roku“ sie alle: RX-7, Skyline, Silvia, usw.

Erst später wird klar, dass der abgeklärt wirkende Bunta Fujiwara, Takumis Vater, eine große Vergangenheit als Motorsportler hinter sich hat, den AE86 abstimmt und fit hält. Außerdem versteht er die nächtlichen Auslieferungen durchaus als subtiles Training für seinen Sohn.

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Bunta, Takumis Vater

Echte Könner am Volant hatten ihre Hände im Spiel

Gut, die Story ist nicht überdrüber und ein wenig japanophil sollte man schon sein, dafür war immerhin Keiichi Tsuchiya Berater der Serie.

Keiichi Tsuchiya? Nicht weniger als Japans Driftgott! Ihm ist wahrscheinlich die Akkuratesse, mit der über Automobiles gesprochen wird, zu verdanken. Darüber hinaus die ansprechende Geräuschkulisse und die gut gemachten Rennen.

Verständlicherweise sind die Rennen der Kern des Ganzen. Sie sind eine Mischung aus herkömmlichem Zeichentrick und Computeranimation, dauern oft mehr als eine Episode und sind mit allerfeinster 90er-Jahre-Eurotechno-Autodrommusik unterlegt.

Fast immer findet sich die gleiche Schlüsselszene: Der anfangs in Führung liegende Angreifer blickt in den Rückspiegel. Er sieht das näherkommende Scheinwerferpaar. Dann Totale auf den Trueno. Vierzylindergeschrei inklusive dramaturgisch perfektem Einsatz der Technobeats. Der gelangweilt (gegen-)lenkende Takumi. Schweißperlen am Haupte des Gejagten.

This can´t be. Such an obsolete car!

Ein Traum!

Authentisches Auto-Kino

Lustig auch, wie dem Zuseher interne Bezeichnungen der einzelnen Fahrzeuge vertraut gemacht werden, meistens getarnt als Aufklärung des unwissenden Takumi durch seine Freunde.

The FD is the latest version of the Mazda RX-7. It´s Japan´s best cornering maschine!

Initial D ist unbestritten ein Teil japanischer Popkultur, so was wie die TV-Entsprechung von Gran Turismo. Nach einer Episode durchstöbert man unweigerlich eBay nach günstigen Hecktrieblern, schmunzelt über die japanische Mentalität (Stolz und Ehre!) der Charaktere und ärgert sich nicht über Zeitverschwendung, wie das bei so vielen anderen autobezogen Filmen oder Serien der Fall ist (We are talking to you, The Fast and The Furious!). Manch Toyota AE86 der Welt ist wahrscheinlich deshalb schwarz-weiß lackiert, mit auf den Flanken prangendem „Fujiwara Tofushop“-Schriftzug.

Ausgangs muss man fairerweise sagen, dass sich das Ganze nach spätestes der zweiten Staffel (von fünf) etwas zu wiederholen beginnt, an und für sich kein Wunder bei dieser doch relativ kleinen Nische. Auch hätten sich die Damen und Herren Produzenten den abgeleiteten Kinofilm mit realen Darstellern eventuell sparen können. Trotzdem: Ein kurzes Reinschauen wird unbedingt empfohlen. Ausschnitte gibt’s auf youtube (leider so gut wie nichts von der ersten und gleichzeitig besten Staffel), DVDs im Fachhandel. Japanischer Originalton ist ein Muss!

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