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Eher klein. Der Smart.
 

Immer nie jemanden vergrämen

Es wäre höchste Zeit, die Verbrauchs- und Abgasnormen der Realität anzupassen.

17.12.2011 Autorevue Magazin

Während sich die Autoindustrie brav plagt, den Speck ihrer ­Modelle in Grenzen zu halten und zum ungefähr gleichen Preis die immer besseren Autos zu liefern, wuchert die Bürokratie ­offenbar ungehemmt und macht die Autos wieder teurer. Da gibt es einmal die staatlichen Bürokraten, die etwa seit dem Zweiten Weltkrieg auf jedes alte Gesetz ein neues draufpacken, weil die ­Politik zu feig ist, kompliziert gewordene Regeln von Grund auf neu aufzusetzen. Man will ja immer nie jemanden vergrämen. Dann gibt es auch noch halbstaatliche Institutionen wie Konsumentenschützer und Autofahrerclubs, die ihre eigenen „Gesetze“ machen, die zwar keine Gesetze sind, aber aufgrund ihrer Publikumswirkung trotzdem von den Autoherstellern respektiert werden müssen.

Wer bei Reifentests oder Crashtests schlecht abschneidet, gerät in ­Gefahr, selbst wenn die Unterschiede objektiv gesehen mitunter sehr gering sind. Das eigentliche Problem aber ist: Es gibt weltweit fünf mächtige Organisationen, die Crashtest-Regeln aufstellen, mit teils widersprüchlichen Anforderungen in China, USA, Europa, Japan und Australien/Asien. Das bedeutet: Will ein Auto­hersteller hohe Stückzahlen und damit einen günstigen Preis seiner Modelle erreichen, muss er auf allen „automobilen Kontinenten“ vertreten sein und folglich bei allen Crashtests gut abschneiden. Das geht natürlich, aber es bedeutet für die Crashsicherheit einen erheblichen Mehraufwand, und auch das Gewicht des Fahrzeugs ist am Ende garantiert höher, als hätte der Wagen nur einen Test absolvieren müssen. Kurz: Hier haben viele Menschen unter Vorspiegelung von erhöhter Sicherheit einen Arbeitsplatz, indem sie das Auto nicht besser, sondern schlechter, nämlich schwerer und teurer machen.

Noch viel dramatischer ist die Situation dort, wo es um echte Gesetze geht, nämlich beim Abgas. Ausgehend von Kalifornien in den 1970er Jahren, haben sich gesetzliche Limits über USA und Europa bis Japan ausgebreitet. Und es gibt sie inzwischen auf der ganzen Welt in den unterschiedlichsten Ausformungen, mit ­unterschiedlichen Messmethoden, unterschiedlichen Prüfzyklen, unterschiedlichen Grenzwerten. Auf alles und jedes müssen die Abgas- und Verbrauchswerte hingebogen werden. Das ist jetzt ­keine grundsätzliche Kritik daran, die Autohersteller in Sachen Verbrauch und Abgas an die Leine zu nehmen. Vielmehr geht es darum, nicht mit mehreren Leinen in mehrere Richtungen gleichzeitig zu ziehen. Das Schlimmste daran aber ist: Diese Prüfzyklen spiegeln überhaupt keine reale Welt mehr wider. Die Autohersteller sind schon dermaßen geübt, die Ergebnisse entsprechend den mannigfaltigen Grenzwerten individuell hinzubiegen, dass jegliche Realitätsnähe mittlerweile verloren gegangen ist. Es war also höchste Zeit, jedenfalls für Europa, aber idealerweise unter Abstimmung mit der ganzen Welt, einen völlig neuen realitätsnahen Prüfzyklus zu entwerfen und entsprechend dazu Grenzwerte festzulegen.

Da könnte man auch gleich regeln, wie Hybrid- und Elektroautos gerecht einzuordnen sind. Anstatt aber diese wirklich wichtigen Themen anzugehen, hat man gerade ein neues Umweltpickerl erfunden. So trat mit 1. Dezember in Deutschland eine neue Verordnung in Kraft, über die im Vorfeld erstaunlich wenig diskutiert wurde, obwohl sie für den Konsumentenschutz durchaus von Bedeutung ist: die so genannte Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung. Demnach müssen alle neuen Autos ab diesem Datum ein Energiepickerl ähnlich wie viele Haushaltsgeräte aufweisen, wenn sie zum Verkauf oder fürs Leasing angeboten werden, also in der Auslage stehen, in der Werbung, im ­Prospekt oder auch im Internet. Auf diesem ­Zettel müssen Kraftstoffverbrauch, CO2-Ausstoß oder auch Stromverbrauch vermerkt sein. Zusätzlich gibt es aber auch farbige Balkendiagramme, wie wir sie schon lange von Kühlschränken ­kennen. In diesem Fall acht Stufen von A+ (grün) bis G (rot).

Da schon bei den Haushaltsgeräten die Regel gilt, dass Kühlschränke mit mehr Fassungsvermögen auch mehr verbrauchen dürfen, um in die gleiche Effizienzklasse zu kommen (auch Bildschirme mit größerer Diagonale dürfen mehr Energie verzehren), wurde auch für die Autos eine Möglichkeit gefunden, dass größere mehr verbrauchen dürfen, ohne im Ranking abzurutschen. In einem unsäglich komplizierten Formelwerk fließt auch das Fahrzeuggewicht in die Rechnung ein, was zur Folge hat, dass sich so manche Premiumlimousine aufgrund ihres hohen Gewichts als besonders umweltfreundlich ausweisen kann. Nichts gegen die Innovationskraft der Technologieführer, aber wenn eine Mercedes S-Klasse-Limousine (ein Modell schafft sogar A) umweltfreundlicher dasteht als ein Smart (überwiegend E), kann etwas nicht stimmen. Das Schlimme aber ist: In Österreich werden solche Sachen gerne nachgemacht.

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