Opel Ampera Exterieur Dynamisch Front
Die erste Jahresproduktion ist fast schon ausverkauft.
 

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Endlich ist es soweit: der Opel Ampera kommt. Die erste Ausfahrt.

05.07.2011 radical mag

Wir hatten ja schon verschiedentlich das Vergnügen mit dem Opel Ampera. Schon vor zwei Jahren durften wir ihn das erste Mal fahren. Doch jetzt ist Stunde Null, jetzt gilt es, jetzt wird es ernst, denn jetzt durften wir die endgültige Serienversion bewegen. Das ist ein wichtiger Moment für Opel. Denn ab jetzt gibt es keine Entschuldigungen mehr. Und der Ampera ist ein sehr, sehr, sehr wichtiges Fahrzeug für den deutschen Hersteller.

Die GM-Tochter durchlebt gerade wieder einmal schwierige Zeiten, die massiv roten Zahlen gelten als sicher, es wird etwas von einem Verkauf gemunkelt, Nick Reilly musste den Hut nehmen, Karl-Friederich Stracke heißt der neue Boss. All dieser Ärger, all diese Probleme kommen Ungelegen, weil Opel mit dem Ampera nun ein Produkt auf die Strasse bringt, das auf jeden Fall Zukunft hat. Vielleicht nicht als Ampera, aber sicher als Konzept.

Es ist alles eine Frage der Definition. Opel sieht den Ampera als Elektrofahrzeug mit so genanntem „Range Extender“, also einem zusätzlichen 1,4-Liter-Benziner, der die Reichweite bei Bedarf auf bis zu 500 Kilometer verlängern kann. Dieser „Range Extender“ liefert die Kraft an die Elektromotoren. Nur bei höheren Drehzahlen und Geschwindigkeiten, wenn die Strommaschinen nicht mehr effizient arbeiten, liefert der Benziner über eine komplizierte Planeten-Getriebe-Konstruktion zusätzliche Kraft auch direkt an die Räder. Doch auch dann bleiben die Elektromotoren der Hauptantrieb.

Opel Ampera Exterieur Statisch Ladekabel

Man könnte jetzt die Frage stellen, ob ein Automobil, das ja über einen CO2-emittierenden Verbrennungsmotor verfügt und diesen auch gebraucht, wirklich als EV bezeichnet werden kann. Opel sagt dazu, dass der Vortrieb ja immer über die zwei Elektromotoren geschehe, und deshalb, überlassen wir die Fragerei jenen, die darüber entscheiden, welche EV und Hybriden denn nun Steuererleichterungen oder gar Subventionen erhalten.

In den Niederlanden, wo es für Elektroautos zwischen 6.000 und 14.000 Euro Vergünstigungen vom Staat gibt, rechnet sich Opel gute Chancen aus, den vollen Zuschuss zu erhalten. Das würde den in der Basis 42.900 Euro teuren Ampera dann zu einem Sonderangebot machen. Aber Verträge gelten bekanntlich erst, wenn die Tinte trocken ist.

In Österreich gibt es insoweit Subventionen, als das die Nova weg fällt. Immerhin. Über alles weitere wird noch zu entscheiden sein. Bei Hybrid-Autos beispielsweise – und streng genommen könnte man den Ampera in die diese Kategorie stecken – muss man lediglich auf die Leistung des Benzinmotors Steuern zahlen. Ein Modell, das auch beim Apera anwendbar wäre. Weiters gilt: Förderung für Elektrofahrzeuge ist Ländersache. Im ersten Quartal 2012, wenn der Verkauf beginnt, dürfte es also noch einmal spannend werden.

Die Preisskala für den Ampera beginnt definitiv bei 42.900 Euro. Europaweit. Darin inbegriffen ist auch die Batterie. Auf die gibt Opel eine Garantie von acht Jahren oder 160.000 Kilometern. Weil der Ampera zusammen mit dem Chevrolet Volt im amerikanischen GM-Werk Hamtramck gefertigt wird und folglich das Erfüllen von individuellen Kundenwünschen logistisch ziemlich schwierig wird, kommt der Opel schon sehr komplett ausgestattet nach Europa.

Aber, was kriegt man denn nun für diesen doch stattlichen Preis? Ein voll alltagstaugliches Automobil mit fünf, naja, vier Plätzen und einem anständigen Kofferraum (310 bis etwas über 1000 Liter bei umgelegten Rücksitzen).

Und alltagstauglich ist er auf jeden Fall, der Ampera. Die Bedienung gibt keinerlei Rätsel auf: rein sitzen, Fuß auf die Bremse, aufs blaue Knöpfchen drücken. Dann hört man zwar nichts, aber es kann trotzdem losgehen. Im reinen Elektrobetrieb, sagt Opel, seien zwischen 40 und 80 Kilometer möglich. Wir haben das mal versucht, diese 80 Kilometer, und tatsächlich geschafft. 81,2 Kilometer waren es sogar, um genau zu sein. Aber das macht dann wenig Freude. Dem Fahrer nicht und dem restlichen Verkehr auch nicht – man schleicht dann als Hindernis durch die Gegend. Und das auch ohne Klimaanlage. Schwitzen gegen die Erderwärmung.

Wie bei anderen EV auch, ist der Vorwärtsdrang des 150-PS-Elektromotors beeindruckend. Unter Strom stört auch der Gummizug des Getriebes nicht. Ist man dann aber mit dem „Range Extender“ unterwegs, dann nervt das Ding. Dann dreht der Benziner rein vom Gefühl her immer zu hoch. Aber man kann halt nicht alles haben.

Ausgezeichnet gelöst haben die Opel-Ingenieure allerdings die Übergänge zwischen Elektro- und Benzinmotor. Man spürt da nichts. Gar nichts. Das ist besser als beim Toyota Prius & Co., auf Augenhöhe mit den Hybriden aus dem Volkswagen-Konzern. Und hört man etwas lauter Musik, dann verschwinden auch die Geräusche vom Verbrennungsmotor. Wobei, er hat ja nur 86 Pferdchen – da kann er gar nicht viel Lärm machen.

Für unseren Geschmack ist die elektrohydraulische Lenkung zu leichtgängig. Das sind wir von Opel anders gewohnt. Das Fahrwerk ist eindeutig auf die komfortable Seite hin ausgelegt. Für eine sportive Kurvenhatz ist der Ampera nicht gemacht, aber das würde auch gar nicht zum Charakter des neuen Opel passen.

„Green sportsmanship“ sei gefragt, sagt Opel, und in Zukunft werden wir nicht mehr damit prahlen, wer den größten Hecht gefangen oder den kapitalsten Hirsch erlegt oder mit dem Ferrari California offen tatsächlich eine Zahl mit einer drei vorne auf den Asphalt geknallt hat, sondern an der Bar beim dritten Bier wetteifern, wer am meisten Kilometer rein elektrisch schafft. Fragen Sie uns mal, ob wir uns darauf freuen… die Diskussionen laufen schon.

Gemäß den sowieso eher unsinnigen europäischen Normen soll der Ampera 1,6 Liter auf 100 Kilometern verbrauchen und 40 Gramm CO2/km ausstoßen. Diese Rechnung ist ein sehr theoretisches Konstrukt. Denn kommt der „Range Extender“ tatsächlich zum Einsatz, dann werden es ein paar Literchen mehr sein. Schließlich hat der Vierzylinder 1,7 Tonnen zu bewegen. Wer aber den Ampera so fährt, wie ihn die Konstrukteure erdacht haben, der sollte sich diesem Papier-Wert doch annähern.

Vier Stunden dauert es, bis die Batterie wieder vollständig geladen ist, doch das funktioniert, auch wenn man nur eine Halbtagsstelle besetzt. Aber ein mit 16 Ampére abgesicherter Anschluss ist dann Voraussetzung.

Opel konstruiert gute Sitze seit der Einführung des Insignia, und davon profitiert auch der Ampera. Hinten ist das Platzangebot anständig, aber nicht überbordend. Bei der Gestaltung des Innenraums scheinen die Opel-Designer ein bisschen die Spielfreude übermannt zu haben. Die Mittelkonsole ist gewaltig, und wir sind uns noch nicht ganz sicher, ob wir die „soft touch“-Schalterchen einmal mögen werden.

Das ganze Cockpit ist eine Art Spielkonsole. Überall blinkt es, so ziemlich alle Farben dieser Welt sind vertreten, und man wird wohl einige Zeit brauchen, bis man alle Schalterchen und Anzeigen im Griff hat. Aber das sind wohl die Zeichen der Zeit. EV-Fahrer wollen anscheinend beständig informiert sein über die Kraftflüsse und die Momentanverbräuche und all diese Dinge.

Wir könnten jetzt noch am Design rumnörgeln, aber auch da scheint es so zu sein, dass die potenziellen EV-Käufer wollen, dass man ihrem Gefährt ansieht, dass es umweltfreundlicher ist als eine Papierfabrik. Zwar nennt Opel wohl ganz bewusst die Mutter des Ampera nie (wir wagen es trotzdem: Chevrolet Volt), aber ein großer Wurf war bei den Vorgaben aus Detroit kaum mehr möglich. Vom Volt unterscheidet den Ampera in erster Linie die Front mit den zwei Bumerangs, die wenig Sinn machen, aber halt sehr offensichtlich sind. Wir freuen uns aber auf den Tag, wenn dann das erste EV auf den Markt kommt, das aussieht wie ein normales Automobil.

Aber ganz allgemein, im Großen und Ganzen, ist der Ampera ein sehr erfreuliches Fahrzeug. Wie einst beim Prius ist es gut und wichtig, dass ein Hersteller mal voranschreitet, ein taugliches Gefährt auf den Markt bringt. Die 8000 bis 10.000 Stück, die Opel pro Jahr in Europa verkaufen will, sollten kein Problem darstellen. Die erste Jahresproduktion ist ja auch schon so gut wie ausverkauft (300 Stück sollen übrigens in den ersten zwölf Monaten nach Österreich kommen. Wer einen will, muss sich beeilen). Man kauft mit dem Ampera kein Experiment, sondern eine sehr saubere, bis ins letzte Detail clever durchdachte Konstruktion. Und davor ziehen wir gerne den Hut.

Vielen Dank an www.radical-mag.com

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