Hunger auf Leben

Die vielen Löcher im Asphalt stehen symptomatisch für die Gegenwart einer ganzen Gesellschaft. Nach drei Jahren EU-Mitgliedschaft ist Rumänien noch nicht aus dem Schneider.

17.12.2010 Autorevue Magazin

Orasu Nou, Rumänien, im Grenzgebiet zu Ungarn und der Ukraine, 10. April 2010. Totale Stille im Restaurant des properen Hotels Mujdeni. Zuerst ist da nichts außer dieser gedeckten Tafel. Aus der ­Küche tönt es, als würde jemand die letzten Töpfe waschen und dann nach Hause gehen. Leichtes Frösteln bei fünfzehn Grad. Das haben die Rumänen mit den Spaniern gemeinsam: machen keine Türen zu, immer und überall Zugluft. Auf einmal strömen vierzig Leute jeglichen Alters ins Lokal, nehmen schnurstracks an der festlichen Tafel Platz, und dann geht es Schlag auf Schlag: Zwei Kellner, die in ihrer mürben Freundlichkeit genauso im Café Westend in Wien als Ober auftreten könnten, stürmen durch die Western-Tür des Kücheneingangs in den Speisesaal und bringen vierzigmal Kraut­salat und vierzig gebratene Hendlhaxen mit Erd­äpfelpüree und stellen dann noch ein paar Doppler Coca-Cola und Wasser auf den langen Tisch.

Es wird sowohl mit vollem körperlichem Einsatz wie auch vollem Mund gesprochen. Nach einer Dreiviertelstunde endet das Fest, wie es angefangen hatte: Plötzlich verlassen die Gäste das Lokal, als ob sie schnell eine rauchen gingen – und kommen nicht mehr wieder. Einer der beiden Ober, vermutlich der Hilfskellner, hat schwarze Hose und weißes Hemd schon wieder gegen seinen Trainingsanzug getauscht, um das verlassene Geschirr abzutransportieren. Ein kleines Grüppchen bleibt noch da, das Geburtstagskind erkenne ich zwingend folgerichtig am luxuriösesten Trainingsanzug aus der Ferrari-Kollektion. Der kleine Rest ist nach einer weiteren Dreiviertelstunde ziemlich besoffen, was einiges über den wahren Inhalt so mancher Wasserflasche sagt.

Rumänien im Wrangler Premium 1 2010 Skarics

Rumänien gehört seit drei Jahren zur Euro­päischen Union, aber die Vergangenheit lässt sich so schnell nicht abschütteln. Offenbar dauert es ­keine drei Generationen, bis ein ganzes Volk das Genießen verlernt. Der wohl berechtigte Hunger auf westlichen Lebensstil ist für viele zu einem Heißhunger geworden, an dem sie sich jetzt immer öfter verschlucken. Jene, die sich noch nicht aufgegeben haben, wirken getrieben. Die Vorstellungen von Wohlstand, der nicht langsam wachsen konnte, wirken unscharf. Sie scheinen dort entstanden, wo die Glamour-Welt des Werbefernsehens auf eine bitter unterversorgte Realität trifft.

Man glaubt es nicht, bis man es selbst erlebt hat: Plötzlich schlägt ein entgegenkommendes Auto einen Haken, kommt direkt auf dich zu, um erst im letzten Moment auf seine Spur zurückzuschwenken. Die Ausweichmanöver vor Schlag­löchern ­bescheren einem etliche Adrenalinstöße, bis man kapiert, dass das Leben hier eben so ist. Ein permanenter Zickzackkurs ist auf den löchrigen Straßen Rumäniens die einzige Möglichkeit, sein Auto ohne Reifenschäden ins Ziel zu bringen. Immerhin: Mit dem Jeep Wrangler ist man hier gut gerüstet. Die großen breiten Räder rollen unbeeindruckt über kleinere Schlaglöcher. Anfangs versuchst du noch, durch engagierte Fahrweise den Kilometerschnitt etwas in die Höhe zu treiben, aber es ist einfach zu anstrengend und schlicht zu gefährlich. Mehr als 40 Kilometer in einer Stunde sind nicht drin. Das gilt praktisch für das ganze Land, knapp 22 Millionen Einwohner haben rund 150 Kilometer Autobahn zur Verfügung, irgendwo im Süden des Landes.

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Das Automobil spielt hier eine ganz besondere Rolle – weil die meisten keines haben. Autostopp ist dann die einzige Möglichkeit, mobil zu sein. Öffentlicher Verkehr ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs kaum mehr vorhanden, bis auf einen Bummelzug, der dreimal täglich fährt. Benzin und Diesel kosten etwa so viel wie bei uns. Mit dem Einkommen vor Ort gegengerechnet, sind das rund fünf Euro pro Liter. Niemand fährt hier auch nur einen Kilometer zum Spaß oder ohne sich die Fahrt genauestens zu überlegen. So ist das Pferdefuhrwerk nach wie vor ein probates Mittel, ohne Benzin voranzukommen. Eine Fahrt in die Nachbarortschaft wird da schon zu einer ausgedehnten Reise, in der Nacht meist auch ohne Licht, was dem riskanten Verkehrsszenario eine zusätzliche Facette verleiht. Die einzige Sicherheitsmaßnahme: Warnwestenpflicht. Sie gilt auch für Radfahrer. Kaum jemand hält sich daran.

Das Straßenbild wird naturgemäß beherrscht von Kleintransportern und Nutzfahrzeugen aller Art. Dazwischen Mercedes, BMW, Audi. Wenn man schon in Klischees weiterdenkt, wenn also Ex-Jugoslawien BMW-Land war, die Türkei Mercedes-Land, so ist Rumänien Audi-Land. So viele Q7 sind in Wien nicht auszumachen, zumindest fallen sie bei uns weniger auf. Wir waren mit der Wiener ­Autonummer gut getarnt. Viele Rumänen, die in Österreich arbeiten, verbrachten nämlich gerade die Osterferien in ihrer Heimat, mit Kennzeichen aus Gröbming, Judenburg, Rohrbach, Mödling …

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Certeze, ein Ort unweit der Grenze zur Ukraine, steht symptomatisch für die Situation vieler junger tatkräftiger Rumäninnen und Rumänen. In Reiseführern wird Certeze auch Stadt der Frauen genannt, was nicht zu vorschnellen Schlüssen führen sollte. Hunderte bis zu drei Stockwerke hohe Rohbau-Villen reihen sich in einem Meter Abstand aneinander, als wiederholte sich die ganze Geschichte Chicagos vom Aufstieg bis zum Niedergang hier im Zeitraffer. In grell verputzten Häusern ist oft nur ein Zimmer bewohnt, darin bestreitet eine Großmutter ihren harten Alltag mit fünf ­Ekelkindern. Wenn Söhne und Töchter aus Spanien, England, Italien, Deutschland oder Österreich im Sommer heimkommen, wird weitergebaut.

Jetzt, seit der Wirtschaftskrise, oft auch nicht mehr. Der Traum von einer Zukunft in Wohlstand ist für viele mit dem verlorenen Job zum Alptraum geworden.

Vorsicht, Demut und Vertrauen sind keine Schlüsselkategorien des Zusammenlebens für ein Volk, das fast ein halbes Jahrhundert lang von ­einem despotischen Charakter an der Nase herumgeführt wurde. Das Feinsinnige und Subtile hat hier kaum Platz. Es gilt, jederzeit und überall den ­direkten Weg zu nehmen, um schneller vorwärtszukommen.

Zurück auf der Straße: Etwas nordöstlich von Orasu Nou wellt sich die hügelige Landschaft immer stärker. Wir fahren über eine Passstraße, die noch von den Römern angelegt worden sein muss, so harmonisch verlaufen die Serpentinen. Auch der Asphalt ist hier einigermaßen okay. Ein vollbesetzter alter Dacia überholt uns und volley auch noch den Lkw vor uns. Fünf Minuten später steht der halsbrecherische Dacia-Fahrer verärgert am Straßenrand, während sich seine Passagiere allesamt in den Straßengraben übergeben. Wir loben derweil den Jeep, weil er uns auf diesem Terrain ein Maximum an Komfort und gefühlter Sicherheit bietet.

Oma Irina ist eine fröhliche, temperamentvolle Frau. Der Duktus ihrer Sprache erinnert frappant an das Italienische, nur dass das R nicht so rollt. Sie ist eine Mama, wie wir sie aus schönen italienischen Filmen kennen. Auf den beiden Doppelsofas im nicht gerade weitläufigen Wohnzimmer kugeln die kleineren Enkelkinder herum, im Hintergrund läuft der Fernseher. Dazwischen bestreitet der ­älteste ­Enkel gerade auf Mitsubishi Evo 7 ein ­Autorennen – auf dem Computer. Dicke Teppiche auf dem Boden und Decken auf den Sofas schaffen eine heimelige Atmosphäre. Eine gute Stube, jedenfalls in diesem Moment und solange man alle Härten ausblendet, die das Leben in einer rumänischen Grenzregion weit weg von Bukarest bereithält.

Das Klo, das kein WC ist, steht im Garten. Jeder kann sich ausmalen, was das in einem rumänischen Winter mit beißender kontinentaler Kälte bedeutet. Eine Wasserleitung verläuft zwar seit zwei Jahren vor dem Haus, doch dem Anschlussansuchen wurde noch nicht stattgegeben. Der Verdacht erhärtet sich, dass in Wirklichkeit gar keine Rohre verlegt wurden. Es gibt nur den allgegenwärtigen beidseits der Straße verlaufenden Regenwasserkanal. Vor ein paar Jahren waren zwei schwere Hochwasser hintereinander. Damals schwemmte es den Inhalt der Plumpsklos in die Hausbrunnen. Seither sind viele Brunnen unbrauchbar, bei einigen reicht die Wasserqualität gerade zum Wäschewaschen. Oma Irina muss es eimerweise beim übernächsten Nachbarn holen. Trinkwasser wird beim Billa gekauft.

Die Hauptstadt der Region heißt Satu Mare – auf Rumänisch. Die deutsche Bezeichnung lautet ­Sathmar, die ungarische Szatmar Nemeti, was so viel wie Deutsch Sathmar heißt. Denn die Region jenseits der Grenze in Ungarn heißt ebenfalls ­Szatmar. Eine sprachgewaltige Gegend. Das Rumänische geht ja auf die alten Römer zurück, ist also im Grunde ein Latein, dem die vielen über das Land gezogenen und hergefallenen Völker ihre Stempel aufgedrückt haben. So kommen die Bezeichnungen für das Gemüse überwiegend aus dem Türkischen, die Erdäpfel aus dem Deutschen (Cartofi) und so weiter. Hier wachsen viele Kinder zweisprachig auf, reden miteinander ungarisch und ­rumänisch, jedes so, wie es ihm selber gerade taugt.

Neben der Rumänisch Orthodoxen Religion spielt auch das Lutherisch Evangelische, das die Schwaben mitgebracht haben, eine wichtige Rolle. Obwohl die Sathmarer Schwaben die ausdauerndste deutsche Volksgruppe in Rumänien sind, kommt man mit Deutsch im Alltag nicht sehr weit, jedenfalls auf dem Land, mit Englisch aber auch nicht. (Von den Sathmarer Schwaben sind weit weniger nach Deutschland zurückgekehrt als aus dem Banat und Siebenbürgen, als Ceauşescu für jeden Auswanderer von Deutschland eine Kopfprämie kassierte und sich dafür auch noch für den Friedensnobelpreis nominieren ließ.)

Der Aufbruch heimwärts hat dann durchaus Fluchtcharakter. Schon der Eintritt in den Schengen-Raum an der ungarischen Grenze verschafft Erleichterung, und du schätzt es über die Maßen, dass sich Ungarn mit dieser tollen Autobahn trotz mächtiger EU-Hilfe kräftig verschuldet hat. Jetzt, mit 160 km/h und heftigem Gegenwind, braucht der Wrangler 15 Liter Diesel auf hundert Kilometer. Beruhigend, dass man im Alltag ohne weiteres mit zehn Liter durchkommt. Und noch ein abschließender Gedanke quillt hervor: Möge ein solider Wohlstand Rumänien erreichen, bevor wir auch in Trainingsanzügen auf Hochzeiten gehen. 

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