Rusty Rods

Wir fahren nach Utah und sehen einem Phänomen beim Entstehen zu: Eine ganze Subkultur spielt mit der Ästhetik makabrer Selbstzersetzung.

21.12.2012 Autorevue Magazin

Jede gesellschaftliche Ausprägung erzeugt ihren Gegentrend. Dieser beginnt sich erst in wagemutigen Szenen der Subkultur zu materialisieren, später taucht er brav gekampelt im Alltag auf, wie das zuletzt am Phänomen der matten Karosserielacke zu verfolgen war.

Seit Jahrzehnten befinden sich Hot Rods in der grundlegenden Protesthaltung kulturellen Outsidertums gegenüber amerikanischer Mainstream-Automobilität. Sie firmieren als der rollende Protest an sich, chopped and lowered, channeled, streamlined, pinstriped, mit Skulls, ­Chromehearts und Malteserkreuzen böse böse böse alle Rechtmäßigkeiten unterlaufend, Vorschriftenkataloge verachtend und oft auch dämonischer Symbolik verhaftet – massive, ungedämpfte Auspuffrohre zielen geradewegs in das aufgedunsene Gesicht bürgerlicher Mittelmäßigkeit.

Allerdings ist auch der Protest, die ­Rebellion, der Widerstand einer natürlichen Zersetzung ausgeliefert. Denn zu den größten Feinden der Aufmüpfigkeit zählt deren gesellschaftliche Akzeptanz. Man kann das an der fettleibigen Harley-Davidson-Szene mit ihrer uniformierten Jeans-Gilet-über-Lederjacke-Attitüde ­beobachten.

Hot Rod Bonneville Salzsee Rusty Rods Rost Ratte Utah

Auch die Rodder-Szene ist elitär geworden, droht am eigenen Anspruch zu ersticken. Zu teuer, zu wertvoll – schicker Glamour direkt fürs Museum. Vor lauter Schönheit wird nicht mehr gefahren. Also muss, wer sich durchsetzen möchte angesichts der enormen Bandbreite an artifiziell Unerhörtem, Ungebührlichem, Aufgegitztem, zu wirklich drastischen, geradezu selbstzerstörerischen Mitteln greifen. Ja, der Protest muss sich Radikales einfallen lassen – notfalls geht er direkt an die Substanz, um Schärfe und Pikanterie aus der Raffinesse schockhafter Kollisionen zu ziehen.

Rost! Zersetzung! Herbei, ihr Teufel!

Rost entsteht, wenn Eisen oxidiert. Dazu braucht es nichts weiter als Luft, Wasser und ein wenig Zeit. Rost war bis vor Jahren der hässliche Hauptfeind des Automobils, vor allem, wenn es aus Italien kam. Ganze Autogenerationen wurden durch Rost hinweggerafft. Sieht man heute noch einen Alfasud? Heute ist der Karosserierost dank verzinkter Bleche und Hohlraumversiegelung so weit domestiziert, dass man sich erlauben kann, ihn spielerisch einzusetzen und mit künstlichen Oxidationsmitteln herbeizuführen. Edelrost ist das Stichwort.

Und: Rost besitzt eine unwiderlegbare Qualität – er ist vollkommen authentisch. Selbst wenn er künstlich herbeigeführt wurde, greift er doch die Metalloberfläche an, verleiht ihr diese delikate Rauheit, diese glanzlose Rotbraunfärbung, die beim Drüberstreichen an den Fingern haften bleibt. Rost nimmt jedem Glanz die Spitze – was er zulässt, ist die reine Form, und selbst die befindet sich im angegriffenen Stadium. Gerne gewählt wird eine Symbiose mit Beulen, angeschliffenen Lackresten und Einschusslöchern.

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Rost spielt mit der Zeit, der Hinfälligkeit, dem endgültigen Verschwinden. Wie wir bei Hermann Hesse gelesen haben („Das Schönste zieht einen Teil seines Zaubers aus der Vergänglichkeit“), langweilt Gold durch seine Beständigkeit. Wahre Schönheit ortete er bei Blumen – die dekadente Verstiegenheit der Rostigkeit blieb ihm noch verschlossen, obwohl Goethe schon in Faust II den Thales von Milet ausrufen ließ: „Rost macht erst die Münze wert.“

Solche Erkenntnis, wenn nicht im ­Zitat, so doch in der Bedeutung, hat sich in der Oldtimerszene schon seit einiger Zeit durchgesetzt. In Österreich sind es zum Beispiel die Burschen vom Old­timerclub DKT (Der Kleine Torpedo), die dem Abgewetzten, nicht Hochglanz­polierten Form und Raum geben, am liebsten mit allem, was Volkswagen heißt. (Was zu einer weiteren Nische, dem so genannten Volksrod, führt.)

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In den USA ist die Szene naturgemäß weiter gesteckt. Auch das Spiel mit dem Rost verläuft dort, im anerkannt korro­sionsarmen Westen, unbefangener. Mit lässiger Geste nähert man sich der Perfektion des Hinfälligen, der Ästhetik der Verwitterung; Kabel schlingen sich wie Infusionsschläuche um Motorblocks, ­alles Technische, und daraus bestehen die Hot Rods zu achtundneunzig Prozent, wirkt provisorisch, gerade noch lebens­fähig, anderswoher implantiert oder dem Hund aus dem Maul entwunden.

Wir fanden epochale Geräte in der ­idealen scaena immaculata, der abso­luten Ebene, im schmerzhaften Weiß der Bonne­ville-Salzseen in Utah, fastest place on earth. Rusty Rods, Rusty Rat Rods ­beleben die Szene mit 20er- bis 50er-Jahre-Karosserien. Coupé- oder Roadster­leichen von Autofriedhöfen, echten Junk­yards, die auf robuste Fahrwerke gesetzt werden, auf selbstgeschweißte Rahmen oder solche von leichten Pickups. Der Reiz dieser Fahrzeuge liegt darin, dass sie technisch robust und saustark sind, ­befeuert von Chrysler Hemi V8 oder von modernen small block V8, gerne Chevrolet.

Neu­erdings findet man auch immer häufiger Dieselmotoren, sozusagen der letzte Kick. Bei den Automatikgetrieben verlässt man sich auf gut funktionierende Konfektionsware. Die Aufhängungen, oft Starrachsen und Blattfedern, sind krude und nachvollziehbar. Der gestreckten ­Ästhetik bitter­süßem Reiz entsprechen dem Kühler ­vorgelagerte Vorderachsaufhängungen. Gering sind die Anforderungen an Straßenlage, Bremsverhalten und Fußgängerschutz. Hier, in the middle of nowhere, ist alles bedeutsam, part of the landscape, ein von Bedenken losgelöstes statement völliger Selbstvergessenheit im besten ­Sinne erlebnisoffener Aufgewecktheit. Denn: Rust never sleeps.

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