High Noon in Theresienfeld

Herr Rybka aus Niederösterreich besitzt den Pontiac von Gary Cooper. Was auch immer man einwenden mag: Das stimmt sicher! (Wahrscheinlich.)

21.12.2010 Autorevue Magazin

„Das ist was Spezielles“, sagt Peter Rybka und blickt zärtlich auf einen schwarzen Cadillac Brougham. „Das dort ist was ganz Spezielles“, sagt er dann und zeigt auf eine Honda Gold Wing. „Mit der fahr’ ich wie der Teufel. Bis nach ­Dresden. Bei mir gibt’s keine Probleme!“

Peter Rybka ist Herr über zwei Häuser und drei Garagen in Theresienfeld. Das ist eine Marktgemeinde in der landschaftlich wie architektonisch ausgesuchten Gegend zwischen Wiener Neustadt und Wiener Neudorf. Das zweite Haus hat der pensionierte Fernfahrer gebaut, weil er laut Anordnung der Gemeinde eine Garage ohne Haus nicht bauen durfte. Diese Anordnung ist insofern seltsam, als am österreichischen Land schon seit 40 Jahren vom Stil her zwischen Garage und Haus gar nicht mehr unterschieden wird. Man behilft sich damit, dass das Haus meistens etwas größer ist. Wie auch immer: Die Garage brauchte Herr Rybka, weil er Autos sammelt, vornehmlich amerikanische.

Herr Rybka empfängt am Stiegenaufgang des Wohnhauses. Formalitäten sind nicht seine Sache, ohne Einleitung beginnt die Führung durch die erste Garage. Die ist schnell durch, denn es gibt nur ein Auto zu sehen: einen abgemeldeten ­Cadillac Brougham d’Elegance von 1987 mit ­verbrauchsoptimiertem Fünflitermotor, 141 PS aus acht Zylindern.

In der zweiten Garage steht ein ganz kleines Destillat deutscher Nobelautomobile, die zum Teil ein wenig aus der Mode sind. Nämlich zunächst ein roter SL 280. Abgekauft „dem Herrn Schöps“, ja, dem von den Kleidergeschäften. „Für einen vierstelligen Eurobetrag“, was, wenn das einer so sagt, immer entweder gerade 1.000 oder fast 10.000 Euro heißt. Hier ist Letzteres anzunehmen. Ein Freund bietet ihm dafür 18.000, aber Herr Rybka verkauft nie was, oder nur höchst selten. Das zweite Auto ist ein schwarzes S-Klasse-Coupé aus der fetten Serie (C 140), das ist zum Semmelholen und so weiter. Man braucht hier ja für alles ein Auto, und wenn schon nicht das Neueste, so doch eines, das ein Mindestmaß an Auftritt und Komfort gewährleistet.

Peter Rybka Pontiac Bonneville Coupé

Wir sagten, das neue Haus hätte Herr Rybka gebaut. Das ist so gemeint. Die eine oder andere helfende Hand hat er schon gehabt, aber im Wesentlichen ist das sein Werk, und wenn einer mit dem LKW Baumaterial gebracht hat und beim Einparken auf das kleine Grundstück zimperlich war, dann hat ihn Herr Rybka aus der Fahrerkabine gescheucht und auch das noch selbst gemacht.

Es ist ein bemerkenswertes Haus. Als Herr Rybka zu einem bestimmten Zeitpunkt festgestellt hat, dass es nun seine Bedürfnisse erfüllen würde, hat er offenbar aufgehört weiterzubauen. Also wirkt es nicht bis in alle Details hinein ­behaglich. Die Bedürfnisse waren, neben der ­Garage: Platz für ungefähr 100 alte Radios, Stil Volksempfänger und etwas jünger. Platz für ein Lager für alte Möbel und Sachen, Stil gerade noch nicht dorotheumtauglich (aber bald). Und Platz für ein Büro im Oberstock, in welchem selbst wiederum Platz für mindestens eine Zapfsäule sein musste und folglich auch war. Eine Frau ­betritt alle diese Räume nicht.

Im Parterre dieses Hauses ist die Garage mit den wahren Schätzen und Werten. Dort steht zum Beispiel ein GMC Army Truck von 1943 – „mit dem hab ich Sand geführt, da gibt’s keine Probleme!“ –, der noch die Vorrichtung für das Maschinengewehr draufhat. Somit kann der Truck, das richtige Maschinengewehr vorausgesetzt, etwa ein Browning .300, jederzeit reaktiviert und für kleinere paramilitärische Einsätze verwendet werden. Das liegt Herrn Rybka aber fern, der auch historische Lastautos unter dem Blickwinkel der Transportkapazität betrachtet. Hat wohl mit seinem früheren Beruf zu tun. ­Wobei Herr Rybka ja eigentlich Bergmann gelernt hat. Das war in der Tschechoslowakei, aus der er aber noch in jungen Jahren nach Österreich gekommen ist.

Peter Rybka Pontiac Bonneville Coupé

Es folgen ein Army Jeep von 1964, eine rote Corvette, ein weißer VW Käfer, alles ohne Umschweife fahrbereit. Man muss nur den Staub abwischen, vor allem vom Käfer.

Dann aber der Star, hinten links in der Ecke der dritten Garage – ein himmelblaues Pontiac ­Bonneville Coupé von 1960, wunderschön beisammen, wenngleich sommers regelmäßig ausgeführt, und oft bis nach Ungarn, auf a Suppm, wie Herr Rybka sagt. Immer fahrbereit, es gibt keine Probleme. Am Rücksitz liegt ein Stapel Prospekte aus der Originalzeit und eine Gebrauchsanweisung für das Auto.

Der Pontiac gehörte einst – laut Typenschein – Gary Cooper, der, wenn es sich um den Schauspieler (High Noon) handelte, nur kurz Freude an dem Auto gehabt haben kann, denn er starb 1961. Allerdings gibt es niemanden, der steif und fest behauptet, es wäre der Schauspieler gewesen – bis auf den Typen, der Herrn Rybka das Auto in den Achzigern auf dem gewaltigen Autoflohmarkt in Hershey/Pennsylvania verkauft hat. Doch irgendwie verliert sich selbst diese Begebenheit ein ­wenig im Nebel des Vergangenen, denn der ­Pontiac hat 5.000 Dollar gekostet, und mit dem US-Westernhelden-Ikonen-Bonus hätte das wohl mehr gewesen sein müssen, möchte man meinen. Vielleicht hatte der Verkäufer Angst vor intensiveren Recherchen und hielt daher den Preis in einer Höhe, die die Möglichkeit offenlässt, dass es sich zum Beispiel um einen anderen Gary Cooper ­gehandelt haben mag.

Cooper ist nämlich kein so seltener Name im angloamerikanischen Sprach- und Namensraum, eher so wie bei uns Meier oder Müller oder Fassbinder (das bedeutet Cooper auf Deutsch). Allein im Staat New York gibt es 89 Stück Gary Cooper.
Dem Herrn Rybka ist das aber sowieso egal.

Er gewinnt mit dem Pontiac jede Schönheitswahl auf jedem Oldtimertreffen. Auch ohne Cooper-Bonus.

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