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Heute im Auto: Halbwissen

Ein Mercedes kann lesen. Aber nicht das Kleingedruckte.

08.03.2010 Autorevue Magazin

Assistenzsysteme sind ja derzeit sehr angesagt: Spurhaltehelfer. Aufmerksamkeitsüberwacher. Tote-Winkel-Einseher. Nachtsicht-Unterstützer. Alles schwer im Kommen. Im Prinzip ist das keine schlechte Idee, dem Fahrer aufmerksamkeitstechnisch unter die Arme zu greifen. Schließlich ist immer viel los, alle Sinne sind gefordert, viele Informationen zu verwerten und wichtige Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel telefonisch: „Selbstverständlich kann ich den Babysitter auf Dienstag umdirigieren, meinen Arzttermin verschieben und morgen statt heute abend mit dir Essen gehen, mein Süßer!“… da ist man froh, rechtzeitig darauf hingewiesen wird, dass man gleichzeitig gerade dabei ist, einen anderen Verkehrsteilnehmer über den Haufen zu fahren.

Manchmal ist man aber auch einfach völlig entspannt in Gedanken. Ich halte Autobahnen zum Beispiel für Trampelpfade der gehobenen Phantasie. Was mir in der Fadesse zwischen Amstetten und Regau schon alles eingefallen ist! Ob ich dabei aber gerade eine reguläre 130er-Passage durchfahre oder in einer Lärmschutzzone unterwegs bin, kann ich aus dem Stand (also dann wenn die Aufmerksamkeit aus welchen Gründen auch immer gerade wieder einsetzt) nicht sagen.

Heute der Mercedes. E-Klasse T-Modell. 350 CDI 4Matic (wer es genau wissen will). Das Auto kann Verkehrschilder lesen. Wie fein, denke ich mir! 60 km/h. 80 km/h. 100 km/h. Das ist eine wunderbare Hilfe für Traummännlein wie mich. Nie wieder dämliche Strafmandate. Aber ich hab mich zu früh gefreut.

Denn: Das System ist einfach nur zahlentreu. Kurzzeitabbildung des Draußen. Ob die 80 km/h nur bei Regen- oder Schneefall gültig sind, berücksichtigt es freilich nicht. Auch nicht, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung speziell nur für LKW ab 3,5 Tonnen gilt. Auch erlischt die Anzeige früh (nach gefühlten drei Sekunden). Wenn man da grad geistig mit der Verbindung zweier Steher für das Baumhaus, an dem man gerade planerisch feilt, beschäftigt ist: Pech! Auch Ortsschilder werden nicht in die automatische Anzeige einer 50er-Begrenzung übersetzt. Was in einem dünnbebauten Straßendorf von 8 km Streckung besonders blöd an seinem Hilfreichseinspotenzial vorbeischrammt.

Bitte, Mercedes (und andere dürfen das natürlich auch gleich mitschreiben): Geschwindigkeitsbegrenzungen dauerhaft oder wiederholt anzeigen. Eine intelligente Ortsgebietserkennung austüfteln (nicht mich fragen, wie das gehen soll, ich bin noch mit dem Baumhaus beschäftigt!). Und vielleicht ein zartfühlendes Lasso einbauen, wenn mich mein Bright-Sun-Blue-Sky-Highway-Freedom-Verve mal gar wieder viel zu weit über die Legalitätsgrenze hinausträgt. Der intelligente Tempomat, der nicht mehr Gas zulässt, als man sich in einem nüchternen selbstverantwortlichen Moment zugestanden hat, das geht absolut in die richtige Richtung. Sollte bei einem Auto, das 230 PS hat und auf gehobenem Ausstattungslevel 70.000 Euro kostet (Hallo! Das ist eine Altwährungsmillion, wer noch ein kohlespezifisches Referenzmodell brauchen kann!), eigentlich zur Serienausstattung gehören.

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  • sportfahrer.at

    @most wanted: was sich dann irgendwann zwangsläufig quais von selbst ergibt… wenn auch dann eher unkontrolliert…

  • MostWanted1989

    die am aanfang des textes angeführten assisstenzsysteme zeigen nur, wie sehr einem das autofahren schon abgenommen wird-weg damit.
    jeder muss selber wissen ob er noch wach genug zum fahren ist und wer die spur nicht halten kann sollte sowieso schauen, dass er von der straße kommt ;-)

  • Der Schwedenkönig

    Beim Billiganbieter Renault gibts den Tempobegrenzer bereits seit langem. Tw. serienmässig. Ich brauch sowas nicht, weil ich mich beim Fahren immer voll aufs Fahren konzentriere.

  • Dimple

    Hmm – also ich habe sogar bei meinem Billig-Navi die Geschwindigkeits-Begrenzungs-Anzeige gelöscht (war dauerhaft) – ich halt diese Feature für entbehrlich und unnötig, da ich es so gut wie immer weiß, wieviel ich darf und wieviel ich trotzdem fahre.

    lg
    Dimple

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