Prof. Stein inspiziert zusammen mit einem Assistenten, Herrn Adeljohan, ein On-Board-Computersystem
Prof. Stein inspiziert zusammen mit einem Assistenten, Herrn Adeljohan, ein On-Board-Computersystem
 

Eleganz mit Tiefe

Prof. Dr.-Ing. Dietrich Stein von der Universität Bochum hat ein Konzept des unterirdischen Gütertransports bis an die Serientauglichkeit herangeführt.

12.05.2013 Autorevue Magazin

Seit einigen Jahren reift eine Idee heran, die deshalb so schlank und schön ist, weil sie sich damit beschäftigt, den Gütertransport von der Straße zu holen. Damit sind wir leicht zu fangen: ein lastwagenfreies Leben. Keine Saurierkolonnen mehr auf der rechten und mittleren Spur, keine kilometerlangen Überholmanöver, kein Die­sel­ruß, keine verdreckten ­Planen, keine aufgewirbelte Schmutzgischt, keine un­fassbaren Staus, keine Lastwagenunfälle … man kann kaum aufhören, sich zu erfreuen an der schieren Vision. Man würde später sagen:

„Wie konnten wir so lange so deppert sein? Wie konnten wir uns das nur antun, freiwillig und sehenden Auges? Wir waren so vernagelt. Wir haben uns die Landschaft, die Laune, das Leben versaut. Kaum waren die Lastwagen weg, war alles viel leichter.“

 

Prof. Dr.-Ing. Dietrich Stein von der Universität Bochum

Prof. Dr.-Ing. Dietrich Stein von der Universität Bochum

Dort sollten wir im zweiten Jahrtausend, also mitten in der Zukunft, heute schon längst sein. Das ist einzuklagen. Denn das Glaubwürdige an dem System ist, dass es allzu viel Fortschrittlichkeit vermeidet; alles wurde ­be­stehenden Normen angepasst und ist der einfachen Abwicklung verpflichtet. Dr. Stein erklärte es uns im eigenen Wortlaut:

„Für mich ist Mobilität eines der höchsten Güter neben Freiheit, Meinungsfreiheit und Menschenrecht. Mobilität ermöglicht uns, ad hoc zu entscheiden, unseren Platz zu verändern. Ohne lange ­Vorbereitung das Ziel zu erreichen. Auch im Sinne der Straßenbauer des 19. und 20. Jahrhunderts, als es darum ging, eine Verkehrsinfrastruktur zu schaffen, die damals eher für die Kutsche gedacht war und dann noch für den Pkw, aber sicher nicht in der Tragweite, wie wir das heute erleben – dass uns der Lkw fast von der Straße verdrängt.

Gütertransport auf der Straße?

Wir sind so schleichend an den langjährigen Prozess gewöhnt, dass es fast Normalität geworden ist, Güter auf der Straße zu transportieren. Der Lkw war ja nicht auf einmal da. Es ist auch schwieriger geworden, in unterlegener Konkurrenz die Güter anderweitig an ihren Bestimmungsort zu liefern, etwa per Bahn. Früher waren Bahn­höfe enger verteilt, es gab mehr Rampen und Bahn­anschlüsse von kleineren ­Fabriken. Dieses alte Netz wurde durch den Lkw ersetzt, weil er flexibler, einfacher zu dirigieren war, auch zeitlich.

Der Lkw hat berechtigterweise Lücken geschlossen. und alte Systeme ersetzt. Doch jetzt hat der LkW seine Leistungsgrenze ­erreicht. Er steht eigentlich nur noch: in Städten, in ­Ballungsräumen. Die fahren dort nicht, die ­stehen. Der Lkw ist Lager­halle geworden und erkauft das durch Standzeiten. Wir könnten mit viel weniger Lkw auskommen, wenn man eine Alternative bieten könnte.

Und hier ist der Ansatz von CargoCaps: Es geht ­darum, als fünfte Transport­alternative zu Wasser, Straße, Schiene und Luft ein neues ­System zu schaffen, das dort eingesetzt wird, wo die anderen Systeme ihre Leistungsgrenzen erreicht haben, also nicht mehr erweiterbar sind oder nicht mehr leistungs­fähiger werden. Und damit wollen wir auch ein Bindeglied schaffen zur besseren Vernetzung der Systeme, damit diese wieder effizienter arbeiten können. Das heißt, wir setzen beim Güterverteilzentrum an, transportieren in den Ballungsraum hinaus und aus ihm ­heraus wieder zum Güter­verteilzentrum, dort übernehmen Lkw, Bahn, Schiff oder Flugzeug die ­Ladung.

Gütertransport vielleicht bald Unterirdisch?

Gütertransport vielleicht bald Unterirdisch?

Parallel dazu schaffen wir jetzt ein System, das alle ­Eigenschaften hat, die man von einem modernen Verkehrssystem erwartet. Die Schweizer sagen immer, ich will eine Autobahn nicht ­sehen, nicht hören und nicht ­riechen. ­Erfüllen wir. Die Post verlangt: Flexibilität, Pünktlichkeit auf die Minute. All das erreichen wir durch CargoCaps, weil die von der Witterung unabhängig sind, von Stau, Regen, Schnee und Eis. Wir haben immer nur eine Richtung als Ringverkehr mit Quer­ver­bindungen, das heißt also, all die Staus, Abhängigkeiten und Negativ­effekte gibt es nicht.

Den Grundgedanken hab ich etwa 1997 geboren, als man im Ruhrgebiet überlegte, die berüchtigte A40, eine der meistverstauten Autobahnen Europas, dann doch nicht zu untertunneln. Wer weiß, was das technisch bedeutet – das wäre ja fast eine Jahrhundertaufgabe geworden.

Unterirdischer Gütertransport

Abgesehen von den ­Kosten. Und dann kam mir der ­Gedanke – ich war damals Professor für Leitungsbau und Leitungsinstandhaltung an der Ruhruniversität in ­Bochum –, Rohrpost in veränderter Form aufleben zu lassen. Die hatte sich ja bewährt gehabt bis ins 20. Jahrhundert hinein. So kam der Gedanke: größere Durchmesser und das Prinzip CargoCap – automatisch rollende Fahrzeuge in Rohrleitungen. Also keine Druckluft- oder Unterdrucksysteme. Unsere Caps haben elektrischen Antrieb und sind mit Intelligenz ausge­rüstet, um sich im System vernünftig zu verhalten. Sie sind konditioniert, untereinander Abstände einzuhalten, um Unfälle zu vermeiden, aber auch automatisch ihr Ziel zu suchen dank einer ­Aktiven Weiche. Aus dem Verband heraus, mit unverminderter Geschwindigkeit, individuell wie ein Auto­fahrer, können sie ausschwenken und sich wieder in Verbände, ins Gesamtsystem einfädeln.

Das heißt, sie kommunizieren untereinander, haben immer ihr Ziel im Speicher.  Und jetzt kommt der Charme von CargoCap: Die Stationen können nun unmittelbar beim Kunden sein, also etwa bei Volkswagen direkt unterhalb des Bandes. Damit verbessern sie auch die innerbetriebliche Logistik der angeschlossenen Kunden.

Wir brauchen im Grunde keine zusätzlichen Bauwerke, wir kommen mit einem Vertikalförderer hoch und übergeben direkt an das dort ­installierte System. Das Schöne der Umsetzung der Idee ist, dass wir ­eigentlich von der Beherrschung des schmutzigen Teils der Sache ausgehen, vom Bohren. Denn da kommen wir her.

Ich habe an der Entwicklung der grablosen Bauverfahren mitgearbeitet. Die Idee des Microtunneling (Vortrieb nicht begehbarer Leitungen) haben wir an der Montanuniversität Bochum deutlich mitgeprägt und weiterentwickelt. Wir sind zwischenzeitlich bei einem Röhrendurchmesser von zwei Metern gelandet, was von der Bohrtätigkeit in Kanalbaudimensionen zu ­bewerkstelligen ist. Wir ­können pro Cap zwei Europaletten in der stimmigen Querauslegung unterbringen, so dass sie über eigene Rollenbänder be- und entladen werden können. Bestehende Logistiksysteme sind unmittelbar adaptierbar.

Mehr Durchmesser, mehr als 1,25 m Beladungshöhe möchten wir eigentlich nicht. Damit erreichen wir eine ­op­timale Auslastung, weil man zwei Paletten übereinander auf den Lkw nehmen kann – das ergibt 2 Meter 50, also eine optimale Lang­strecken-Auslastung des Lkw. Und wir möchten den Vorteil nutzen, im öffentlichen Raum solche Leitungen zu errichten. Wir müssen Kurven fahren und bestehenden Systemen ausweichen, aber grundsätzlich würden wir uns in einem ­Bereich unterhalb von Leitungen und Kanälen bewegen, also in sechs Metern Tiefe.

Das Cap bleibt unten, schiebt selbst die Palette  raus, übergibt an einen Vertikal­förderer, und der schafft die Last nach oben. Die geniale Technik des Rohrvortriebs erlaubt dank neuer Druck­übertragungs­elemente ­zwischen den ­Rohren auch bei Kurven­fahrten bis zu zwei Kilometer Vortrieb.

In den letzten Jahren,  als wir mit CargoCap ­mangels öffentlicher oder ­privater ­Unterstützung  nicht so recht weiter­kamen, haben wir alles daran gesetzt, die ­Kommunikations- und Steuerungs­komponenten weiterzuent­wickeln, und  die Bauingenieure arbeiteten an der Verfahrenstechnik.  Zur Zeit macht uns die Wirtschaftskrise das Leben schwer, aber à la longue  ist die Idee des smarten ­fünf­ten Verkehrsweges nicht aufzuhalten.“ 

Aufzeichnung: David Staretz

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  • G.Hauer

    Find ich super. Und erinnert mich an alte SF Romane, in denen die Helden durch solche oder ähnliche Systeme, irrgeflüchtet sind.

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