Grün ist die Hoffnung

Vor einem Jahr waren wir abseits der Automesse in Detroit. In wenigen Tagen steht die Messe wieder an. Was ist aus der Stadt geworden.

26.12.2011 Autorevue Magazin

Immer diese Ruinen. Auf Fotos, in Filmen, in Büchern, Zeitungen und Magazinen. Wrack-Stadt nennen sie Detroit dann. Sterbende Stadt. Geisterstadt. Sie schreiben von Verfall, Verbrechen und Verlassenheit. Vergleichen die einst schillerndste Industriestadt der Welt mit dem zerbombten Nachkriegs-Berlin. Manchmal gar mit den Armenvierteln der Dritten Welt. Von der Leere in der Stadt ist die Rede, vom Massen-Exodus, von den dauernden Brandlegungen, von Gewalt und Arbeitslosigkeit. Das gehört fast immer zum Ersten, wovon die Leute erzählen, die in der Stadt waren. Oft auch zum Einzigen. Und immer wieder: diese Ruinen.

Feature Detroit Kunst Reportage Motorshow NAIAS

Die Bilder sind faszinierend in ihrer berührenden Melancholie und schockierenden Bloßstellung, aber diese Bilder werden der Stadt nicht gerecht. Detroit ist nicht so. Nicht nur so. Die ruinösen Wahrzeichen wie die gigantische Packard Plant am East Grand Boulevard, die Michigan Central Station oder die berühmte Old Cass Tech High School (Diana Ross und Jack White gingen hier zur Schule) machen auf unvergleichlich dramatische Art den grausamen Niedergang ­einer Ära deutlich. Detroit ist längst nicht mehr die „Motorcity“ von einst, auch wenn Chrysler gerade mit seinem allerorts besprochenen Super-Bowl-Werbespot dem alten Nimbus hart­näckig wieder Leben einhauchen will. Neun Millionen Dollar ließ sich Sergio ­Marchionne, der neue Herr von Chrysler, die Botschaft zur ­teuersten Werbezeit des Jahres kosten.

Die Stadt mag stolz auf diese selbstgerechte Publicity sein, bloß zählt am Ende allein die Kohle, die das Überleben sichert. Und die fehlt. Vorne und hinten. Nach wie vor. Die Autoindustrie kann eine Stadt wie Detroit nicht mehr tragen. Detroit steht mit 150 Millionen Dollar Schulden da, der Bundesfinanzausgleich, den der Staat ­Michigan der Stadt zahlt, wird heuer von 300 auf 200 Millionen Dollar gekürzt. Bürgermeister Dave Bing, der vor etwas mehr als einem Jahr ins Amt gewählt wurde, hat einen beinharten Job geerbt. Noch bleibt er große Pläne für die Restrukturierung der Stadt schuldig, schlicht weil gute Ideen zur miesen Lage ihre Zeit brauchen.

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Vorerst bleibt es also noch hauptsächlich den Bürgern selbst überlassen, ihre Stadt neu zu erfinden. Und sie haben damit längst angefangen. Auf der Woodward Avenue, ein Stück stadtauswärts knapp unter der Warren Avenue, liegt links ein unscheinbarer flacher Bau, der einer der spannendsten Kunst-Plätze der Stadt ist. Das Museum of Contemporary Art Detroit, kurz MOCAD, wurde vor rund vier Jahren von einer Gruppe Gönner und Philanthropen in einem alten Autohaus eingerichtet. Anders als vergleichbare Museen in den USA ist das MOCAD kein schmuckes Renommierkästchen mit eigener Sammlung, seine Aktivitäten und Ausstellungen werden ausschließlich aus privaten Mitteln finanziert. Ein Non-Profit-Unternehmen, wie fast alles, was in Detroit für Fortschritt sorgt.

Louis Croquer sitzt in einem kleinen, niedrigen, weißgetünchten Büro. Hinter seinem Schreibtisch stapeln sich Bücher und Papiere, die er von seiner erst kürzlich zu Ende gegangenen Europareise mitgebracht hat. Keine Zeit noch, das alles zu sortieren. Croquer ist kein Detroiter. Er kommt aus New York. 2008 bewarb er sich für die Leitung des MOCAD und wurde sein erster Direktor.

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„Diese Stadt hat unglaubliche Möglichkeiten“, sagt Louis, „und Zeitgenössische Kunst ist ein mächtiges Treibmittel für Veränderung.“ Unter anderem bringt sie Leute zusammen. Zu den Vernissagen kommen 1000, 1500 Leute in sein Haus, immer öfter auch Besucher aus den Suburbs, was vor nicht allzu langer Zeit noch kaum denkbar war. Downtown war und ist für viele wohlhabende Vorstädter ein No-go-Area. Das Gespenst der Angst und Ignoranz geht immer noch um, aber das Verhältnis entspannt sich.

Kürzlich lief im MOCAD eine Ausstellung über das „Powerhouse Project“, das eine Detroiter Gruppe um die Architektin Gina Reichert und den Künstler Mitch Cope vor einigen Jahren startete, ein Unternehmen, das man grob als Kunst am Bau verstehen kann. ­Alles begann mit einem heruntergekommenen, aber strukturell gesunden Haus in der Nähe der Moran Street, keine drei Minuten Fahrt entfernt vom „Heidelberg Project“, jener inzwischen über die Grenzen der Stadt hinaus berühmten Public-Art-Installation von Tyree Guyton. Die Powerhouse-Idee: Das Haus von Künstlern umbauen und gestalten zu lassen, um aus dem Verfall neue Ideen entstehen zu lassen und ein neues Nachbarschaftsgefühl zu kreieren.

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Das Projekt löste eine Welle der Begeisterung in der amerikanischen Kunstszene aus. Das kalifornische Kunst-Magazin Juxtapoz veranstaltete in Folge einen Charity-Abend, dessen Erlös Reichert und Cope zugesprochen wurde. Was erst eine Hoffnung auf vielleicht 5000 Dollar für das Künstler-Duo war, stellte sich als großer Wurf dar: 180.000 Dollar kamen zusammen, was vier neue Haus­projekte möglich machte, die in der Februar-Ausgabe von Juxtapoz auf 26 Seiten dem kunstinteressierten Amerika vorgestellt wurden.

Erst von Amerika fast vergessen, ist da plötzlich so etwas wie: Ruhm. Und auch ein seltsamer Hype. „It all happens in Detroit!“, meinen manche auf einmal. Was so natürlich nicht stimmt, sagt Louis Croquer: Die Stadt ist kein Platz für Bohemiens. Sie ist unwirtlich, hart und rau. Erst anderntags hörte er einen Detroiter Künstler sich Sorgen machen um die, die jetzt neu in die Stadt kommen und den Freiraum und die geringen Lebenskosten für ihr ­kreatives Tun nutzen möchten. Weil: Es gibt viel zu wenig Restaurants, um sich beispielsweise als Kellner über Wasser zu halten.

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Nicht in Corktown, nicht in Woodbridge, nicht in Near East ­River Front. In diesen Vierteln sind die Einwohnerzahlen seit 2000 teilweise um bis zu 40 Prozent gestiegen, aber das Angebot an Lebenswertem muss noch wachsen. Midtown, der Bezirk, in dem das MOCAD, das renommierte Detroit Institute of Art und die Wayne University liegen, gehört zu den fortschrittlichen Vierteln der Stadt, was vornehmlich einer Frau zu verdanken ist: Sue Mosely. Die reso­lute, geradlinige, energiegeladene Frau mit den langen silbergrauen Haaren leitet seit 1990 das UCCA, ein Non-Profit-Konsortium aus 60 Organisationen, das sich dem Wiederaufbau des Stadtteils verschrieben und Midtown mittlerweile zu einer für Detroiter Verhältnisse belebten und lebenswerten Gegend gemacht hat.

In unmittelbarer Nachbarschaft der Woodward Avenue, auf der nächstes Jahr sogar mit dem Bau einer 9,3 Kilometer langen Straßenbahnstrecke begonnen werden soll, gibt es eine dichte Zahl bewohnter und proper renovierter Häuser. Wer sich hier ansiedeln will, hat bereits zu tun, ein verfügbares Objekt in guter Lage zu finden.

Sue Mosely hat ein rigoroses Abrissverbot intakter Gebäude über ihr Viertel verhängt, um dem in der Stadt gängigen Modell des spekulativen Kahlschlags Einhalt zu gebieten. Sie nennt es: Sue’s Law. Gegen McDonald’s, die einen alten Häuserblock schleifen wollten, um ein Drive-In zu bauen, stritt sie jahrelang vor Gericht. Und siegte. Sie lässt niemanden nach Midtown, der nicht ins Viertel passt. Anders geht das nicht. Sie will keine gierigen Investoren und Spekulanten, sie will Gutes für die Gemeinschaft, sie will geschäftsorientierte, an einem planvollen Aufbau des Stadtteils interessierte Unternehmen, sie will eine gesunde Wirtschaft im Kleinen aufbauen. Vor allem der Einzelhandel soll wachsen, und es gehört zu Moselys Arbeit, täglich 3 bis 4 Leute mit neuen Geschäftsideen zu beraten.

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Um die Ecke des „Inn on Ferry Street“, einem gemütlichen kleinen Hotel, das Moselys Gesellschaft in ein paar historischen Villen eingerichtet hat, versammelt sich tatsächlich schon spürbar Leben. Vor eineinhalb Jahren hat dort Leopold’s Books aufgesperrt, ein Buchladen, der keinerlei Mainstream-Literatur, dafür aber ein spannendes Sortiment an modernen Kunst- und Lifestyle-Büchern führt. Daneben gibt’s einen kleinen Modeladen, an der Ecke wird in ein paar Wochen ein Musik-Club aufsperren, und mit der Straßenbahn soll im Universitäts- und Wissenschafts-Bezirk Midtown dann die bunte Warenwelt so richtig in die Gänge kommen.

Luxuriöse Aussichten nachgerade. Wenn man bedenkt, dass es überall in der Stadt an der Grundversorgung mangelt. Keine einzige nationale Supermarkt-Kette betreibt in der Stadt eine Nieder­lassung. Um an frische Nahrungsmittel zu kommen, müssen die Detroiter zum Einkaufen in die Suburbs oder in einen der spärlichen privaten kleinen Grocery-Stores, die aus schierer Notwendigkeit in manchen Vierteln aufgesperrt haben. Oder man geht samstags auf den Eastern Market. Die Markthallen an der Russel Street, die dem Bezirk nordöstlich von Midtown ihren Namen geben, existieren seit 120 Jahren, sie hatten zwar finstere Zeiten, damals, als sie der Parkverwaltung unterstanden, waren aber immer in Betrieb und stellen heute als Groß- und Einzelhandelsplatz für Obst, Gemüse, Blumen und allerlei andere Marktprodukte einen elementaren Lebensnerv für die Stadt dar. An guten Samstagen im Sommer kommen bis zu 40.000 Detroiter hier einkaufen.

Das Phänomen des Urban Gardening hat Detroit erfasst und entwickelt sich zunehmend zu einem strukturell und wirtschaftlich unentbehrlichen Bestandteil der neuen Stadtstruktur. Freie Flächen sind massenhaft vorhanden, von den 139 Quadratmeilen, die die Stadt umfasst, liegen etwa 40 brach, und so haben die Bewohner, den Vorbildern von New York, Philadelphia, Boston und Chicago folgend, begonnen, Gemeinschaftsgärten anzulegen und dort anzupflanzen, was man an Obst und Gemüse zum täglichen Leben braucht. Sie schufen damit, gleichsam nebenbei, auch mehr Lebensqualität und nachbarschaftlichen Zusammenhalt.

Die Garten-Bewegung, die 2006 mit etwa 80 Anbauflächen begann, ist mittlerweile auf 1225 Privat-, Schul- und Gemeinschaftsgärten angewachsen, umreißt Dan Carmody, Leiter des Eastern Markets und Entwicklungs-Bezirksvorstand der Umgebung, die ­Dimensionen des Erfolgs. Und das System erweist sich als tragfähig, denn über 80 Prozent der bestehenden Gärten werden von Jahr zu Jahr weitergeführt.

In seinem Buch Reimagining Detroit schreibt der Journalist John Gallagher, der seit vielen Jahren für das Wirtschaftsressort der ­„Detroit Free Press“ arbeitet, dass 2009 in den Gärten der Stadt 150 Tonnen Nahrung mit einem theoretischen Marktwert von einer halben Million Dollar erzeugt wurden. Gallagher zitiert in seinem Buch auch eine Untersuchung des Instituts für nachhaltige Landwirtschaft der Michigan State University, die besagt, dass auf Basis der aktuellen Produktionsrate in Detroit auf rund 1500 Hektar 76 Prozent des Gemüse- und 42 Prozent des Obstbedarfs erzeugt werden könnten, der für die ausgewogene Ernährung von einer Million Menschen gebraucht wird. Eine grüne Hoffnung. Übersetzt in eine Größenordnung, die der Eastern Market-Leiter Dan Carmody mit planerischer und legislativer Unterstützung der Stadt für machbar hält, würde alleine eine 20-prozentige Versorgung der Detroiter mit heimischer Ernte 4700 Arbeitsplätze schaffen, 20 Mio. Dollar Kommunalsteuer abwerfen und 125 Mio. Dollar zum städtischen Haushaltsbudget beitragen.

„Das reicht natürlich nicht, um die Stadt zu retten“, sagt Carmody. Aber es ist ein solider Beitrag. Und zusammen mit anderen Wirtschaftsbereichen, deren Entstehen sich in der Stadt zart abzeichnet, eine Überlebenschance. Zu der natürlich auch die Autoindustrie das Ihre tut. GM etwa, die im Werk Detroit-Hamtamck vor zehn Jahren noch 220.000 Autos gebaut hatten und im Krisenjahr 2009 auf 35.000 abgestürzt waren, planen, ihren Bedarf an Arbeitern demnächst von 1100 auf 3500 aufzustocken. Dem Chevrolet Volt sei Dank, der sich nach vorsichtigen Schätzungen in Amerika als Erfolg abzeichnet. In einer gewissen Weise ist auch das: eine grüne Hoffnung.

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