VW Golf 1 GTI 1984 heck seitlich hinten
Der Alpinweisse GTI Ist Nur 16.510 Kilometer gelaufen. Ich wiederhole: sechzehntausendfünfhundertzehn Kilometer. In 28 Jahren.
 

Golf GTI MK 1- Weiß wie die Sünde

Fast nicht gebraucht, perfekt konserviert und bereit, uns daran zu erinnern, weshalb der Golf GTI ein solcher Erfolg wurde. Wir führen Thomas Lindblads Wenigfahrer für eine Weile in die Wirklichkeit aus.

24.09.2013 Online Redaktion

Die unmittelbare Reaktion, wenn ich aufs Gaspedal trete, und der dumpfe, pochende Ton vom Motor bringen sofort den Charakter des Autos zum Ausdruck. Das ist es, worum es beim Golf GTI geht: dass er ohne Verzögerung auf die geringste Intention des Fahrers reagiert, ob es nun um Beschleunigung, Kursänderung oder Abbremsen geht. Der Drehzahlmesser klettert schnell, ich habe schon die Hand an der Golfballschaltung und kann schnell den nächsten Gang einlegen. Die gleiche Reaktion, das gleiche Ansteigen zur roten Markierung hin, das gleiche Glücksgefühl, und dann ist es wieder Zeit für den Golfball.

Die weiße Karosserie fügt sich noch immer in das Schweden des Jahres 2011 ein – ein Golf ist ja ein Golf –, aber dass dieses Exemplar draußen an der frischen Luft ist, das ist extrem ungewöhnlich. Es hat schon etwas von einer Sensation.

„Als ich die Anzeige sah, habe ich sofort angerufen“,

sagt Thomas Lindblad, der das Auto gerade gekauft hat. Einen Golf GTI wie diesen sollte es eigentlich gar nicht geben.

Das alpinweiße Fahrzeug ist nur 16.510 Kilometer gelaufen. Ich wiederhole: sechzehntausendfünfhundertzehn Kilometer. Der Ausdruck der pedantischen Pflege erscheint in diesem Zusammenhang armselig und abgegriffen. Das Auto stand in einer Garage auf Matten, war nie draußen im Regen. Es gibt einen einzigen kleinen Steinschlag auf der Motorhaube, aber ansonsten – nichts.

VW Golf 1 GTI 1984 innenraum sitze

Schalensitze mit einer Verkleidung in fünf Orangenuancen – heiß! Wie in allen VW-Produkten zu dieser Zeit: bei jedem Detail das Gefühl, dass Gewicht eingespart werden sollte. Dünn, ein bisschen schlotterig, zerbrechlich – kein Wunder, dass sich dieser GTI wie etwas ganz Besonderes anfühlt!

Der Innenraum mit seinen Schalensitzen, schwarz mit orangen Streifen, ist genau wie alles andere vollkommen unberührt von den 28 Jahren, die vergangen sind, seitdem der erste Halter das Auto im Oktober 1983 beim VW-Händler Bil & Buss abholte.

Sauber montiert sitzt ein Polizeifunkscanner von DLS unter den zusätzlichen Messgeräten in der Mittelkonsole. Und halb versteckt unter dem Lenkrad: der Equalizer. Beides ein Muss zu jener Zeit, genau wie die gelben Scheinwerferlampen. Danach hat jemand den Pausenknopf gedrückt – das Auto wurde eingefroren.

VW Golf 1 GTI 1984 lederlenkrad

Mit zusätzlichen Messgeräten unten in der Mittelkonsole, Polizeifunk von DS und einem unter dem Lenkrad versteckten Equalizer spiegelt der GTI genau wider, wie ein verwegenes Auto Mitte der 1980er-Jahre zu sein hatte.

Dass Volkswagen eine sportlichere Version seines Golfs entwickeln würde, kann im Nachhinein als einigermaßen selbstverständlich betrachtet werden. Das neue Auto, das 1974 vorgestellt wurde, hatte ja sogar in der einfachsten Variante etwas Protziges an sich, und für alle, die das neue Auto fuhren, war offensichtlich, dass die Fahreigenschaften deutlich mehr Power vertragen.

Aber es war damals eine neue Zeit bei Volkswagen. In nur wenigen Jahren war viel passiert, und schließlich hatte man den Gedanken an eine Weltherrschaft dank luftgekühlter Motoren und Pendelachsen aufgegeben und begann allmählich einzusehen, dass nicht nur die Kunden, die Typ 1 gefahren waren, von dem neuen Fahrzeugprogramm angezogen wurden, das schnell wuchs. Diejenigen, die sich mit 50 Pferdestärken und mittelmäßigen Fahreigenschaften zufriedengegeben hatten.

VW Golf 1 GTI 1984 avus felge

14-Zoll-Felgen gehörten zum Spezialpaket. Sonst hatte der GTI 13-Zoll-Bleche.

Große Skepsis zu Beginn des Projekts Sport-Golf

Als der Testingenieur von Volkswagen, Alfons Löwenberg, am 18. März 1973 an ein paar Kollegen in verschiedenen Abteilungen des Autoriesen ein Memo schickte mit dem Vorschlag, man solle eine richtige Sportversion des kommenden Golfs entwickeln – da traf er auf Skepsis. Nur eine Handvoll Männer mit unterschiedlichen Rollen bei Volkswagen begeisterte sich für die Idee, und gemeinsam begann man, informell den „Golf Sport“ zu entwerfen.

Alles war in Reichweite. Während der Entwicklung des Golfs arbeitete man auch am kommenden Scirocco, der auf derselben Plattform beruhte. Es war nur natürlich, dessen Radaufhängungen zu übernehmen. Der 1,6-Liter-Motor, der mit Doppelvergaser 100 PS brachte, war ebenfalls eine selbstverständliche Wahl. Durch die Senkung der Federung und die Montage von breiten Reifen der Dimension 205/60 HR 13 erhielt man ein sehr temperamentvolles Auto mit fantastischen Fahreigenschaften.

VW Golf 1 GTI 1984 tacho

Dass der erste Halter es schaffte, nicht mehr Kilometer mit dem Golf zu fahren, deutet auf einen sehr starken Charakter hin.

Tatsächlich war das Ergebnis etwas zu sportlich, als dass es im Unternehmen eine breite Akzeptanz hätte finden können; das Auto wäre zu schwer zu fahren und vermutlich auch zu teuer geworden. Die Gruppe sah ein, dass das Konzept einen kleinen Feinschliff benötigte, wenn man damit weiterkommen wollte. Eine etwas höhere Federung, etwas schmalere Reifen, ein Abgassystem mit etwas mehr Komfort …

VW Golf 1 GTI 1984 kofferraum

Renovieren Sie einen Golf? Hier ist das Fazit, wie so etwas aussehen muss! Nacktes Blech und sichtbare Blechansätze waren 1984 nichts, wofür man sich schämen musste.

Im Mai 1975, zwei Jahre, nachdem die Idee eines sportlicheren Golfs geboren worden war, wurde entschieden, das Modell in limitierter Auflage zu bauen. Es ging um 5.000 Exemplare.

Auf dem Pariser Autosalon im September stand ein knallroter Golf GTI am Stand von Volkswagen. Der 1,6-Liter-Motor war mit der Treibstoffeinspritzung K-Jetronic von Bosch ausgestattet und brachte 110 PS. Die Federung war 20 mm niedriger als bei einem normalen Golf, die Reifenmaße betrugen 175/70 HR 13 und die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h wurde mit lediglich 9 Sekunden angegeben. Dass der Modellname ein I am Ende anstelle eines E erhielt wie alle anderen deutschen Einspritzfahrzeuge, war vermutlich der Tatsache geschuldet, dass Audi die Bezeichnung GTE bereits verwendete.

In Paris lautete der offizielle Standpunkt, dass der Golf GTI „weniger als 13.000 D-Mark“ kosten sollte, und laut Volkswagens Geschichtsbüchern war es das große öffentliche Interesse auf dem Salon, das dazu führte, dass man sich für eine Produktion des GTI entschied. Aber das ist wahrscheinlich eine Konstruktion, die erst im Nachhinein erfolgt ist. In der damaligen Reportage zum Autosalon heißt es, dass das Auto produktionsbereit war. Und wie ernst gemeint die Beschränkung auf 5.000 Exemplare war, ist ebenfalls nicht sicher. Es wurden bereits im ersten Jahr nach dem Produktionsstart 1976 zehnmal mehr GTIs verkauft.

Nach Schweden kam der Golf GTI als 1977er-Modell.

Mit einem Leergewicht von 930 kg und mit 110 PS war er deutlich schneller, als das Preisschild vermuten ließ. 38.740 Kronen waren freilich 20 Prozent mehr als das, was ein Golf GLS kostete, aber ein Saab 99 Turbo war beispielsweise mehr als 20.000 Kronen teurer.

 

VW Golf 1 GTI 1984 serviceaufkleber dymo

Das Serviceheft wurde mit Dymo ausgedruckt.

Mit Streifen an den Seiten, Radlaufverbreiterungen aus Kunststoff, einer roten Leiste im Grill und schwarzen Klebestreifen rund um die Heckscheibe tat sich der GTI genau richtig aus dem Verkehrsbild der 1970er-Jahre hervor. Der Innenraum mit karierten Schalensitzen, ein angemessen breites Sportlenkrad, ein paar zusätzliche Messinstrumente, ein schwarzes Armaturenbrett und ein Sportlenkrad mit drei Speichen und tief liegendem Zentrum waren ausreichend dafür, sich als Fahrer mehr als besonders zu fühlen.

In den ersten Tests wurden Geschwindigkeitspotenzial, Fahreigenschaften, Geschmeidigkeit und Ausstattungsniveau gelobt, aber die Arbeit am Detail und das Qualitätsgefühl ließen noch viel zu wünschen übrig. Daran war man bei Volkswagen nicht gewöhnt, wo man freilich altmodische, aber sehr haltbare Autos baute. „Hohes Tempo – aber was für eine Stümperei!“ So lautete die Überschrift des Tests in der Zeitschrift Teknikens Värld von Golf und Scirocco GTI im Herbst 1976.

Eigentlich ist es ein Wunder, dass der Golf von Volkswagen zum Inbegriff baulicher Qualität wurde.

Die Modelle der ersten Baujahre rosteten stark und fielen in kurzer Zeit auseinander. Aber mit der Zeit bekam Volkswagen die Probleme in den Griff, und auch wenn vieles in Thomas Lindblads Golf GTI Special 84 aus Plastik und Pappe und sehr einfach in der Ausführung ist, scheint es gut zusammengebaut zu sein. Die Karosserieschnitte sind eben, die Einstellung ist sehr präzise, und nichts klappert.

Der Golf GTI Special war ein Übergangsmodell in Erwartung der GTI-Version des neuen Golf II.

Er wurde im Herbst 1983 auf den Markt gebracht und hatte unter anderem 14-Zoll-Leichtmetallfelgen und Doppelscheinwerfergrill. Und obwohl die Käufer wussten, dass es sich um ein Auslaufmodell handelte, verkaufte es sich ziemlich gut. Man kann sich vorstellen, dass Argumente wie „bewährte Konstruktion“ und „ein Automodell ist immer dann am besten, wenn es eingestellt werden soll“ in den VAG-Hallen eifrig angeführt wurden – aber dieses Mal waren es nicht nur Floskeln. Sicherlich hatte der GTI im Vergleich zu den Modellen der ersten Baujahre fast 50 kg Gewicht zugelegt, aber ein 1,8-Liter-Motor und 112 PS sowie mehr Power bei niedrigen Drehzahlen hatten den 1,6er ersetzt. Seit 1981 hatte der GTI außerdem ein Fünfganggetriebe.

VW Golf 1 GTI 1984 innenraum sitze

Wie in allen VW-Produkten zu dieser Zeit: bei jedem Detail das Gefühl, dass Gewicht eingespart werden sollte. Dünn, ein bisschen schlotterig, zerbrechlich – kein Wunder, dass sich dieser GTI wie etwas ganz Besonderes anfühlt!

Der Käufer des Exemplars, das ich heute fahre, mochte den Doppelscheinwerfergrill offenbar nicht und ersetzte ihn durch einen Standardgrill mit einfachen Lampen. Dadurch wirkt die Schnauze ursprünglicher als die anderer 84er-Modelle. Schick!

Autos, die wenig gefahren wurden, leiden häufig unter dem langen Stillstand, aber dieses Auto hier vermittelt in jeder Hinsicht ein Neuwagengefühl. Trotz seiner geringen Kilometerzahl wurde es gut instand gehalten, selten wurde eine Inspektion verpasst, und man kann erahnen, dass regelmäßiges Warmfahren stattgefunden hat.

Der Motor läuft im Leerlauf gleichmäßig, die Federung fühlt sich wachsam an, und das Fahrgestell vibriert nicht im Geringsten. Auch die Buchsen und Stoßdämpfer scheinen keine Schäden durch den Stillstand davongetragen zu haben – so wie jetzt muss sich das Auto auch 1984 angefühlt haben!

Ich weiß, dass meine Zeit mit dem GTI begrenzt ist, und jeder Kilometer, der auf dem Kilometerzähler hinzukommt, macht das Auto etwas weniger einzigartig. Aber ich muss noch ein kleines, kleines bisschen mehr fahren. Ich verpasse absichtlich die Abzweigung zum Haus von Thomas Lindblad und gebe noch ein bisschen mehr Gas, um die wunderbare Resonanz des kleinen Vierzylinders erleben zu dürfen.

Der Halter Thomas Lindblad hat das Auto selbst nicht öfter gefahren als auf den Autotransporter und herunter, als er es abholte. Er hat sich noch nicht entschieden, ob er den Wagen behalten wird, und ihn nicht zu fahren, ist eine strategische Entscheidung.

„Ich habe Angst, dass ich ihn zu sehr mögen könnte“, sagt Thomas Lindblad.

Aber was macht man mit einem Auto, mit dem man absolut nichts tun kann? Thomas Lindblad will ihn nicht einmal wachsen, da er fürchtet, dass sich Wachsreste in den schwarzen Radlaufverbreiterungen oder in den Gummileisten festsetzen könnten.

„Mit einem solchen Auto sollte man nicht mehr als zehn oder zwanzig Kilometer pro Jahr fahren“, meint Thomas Lindblad. Jedes Jahr eine Inspektion, damit das Serviceheft in Ordnung ist, und ihn dann einfach in Schuss halten.

Später wird Thomas Lindblad mir am Telefon erzählen, dass er sich entschieden hat, den Golf zu behalten, trotz eines unglaublich verlockenden Angebots eines Deutschen, der von dem Auto gehört hatte. Er hat Gefühle für ihn entwickelt, sagt er – obwohl er ihn nicht fährt.

Der Kilometerzähler überschreitet 16.520 Kilometer, und ich merke, dass ich zurückfahren sollte. Als ich schließlich auf Thomas Lindblads Hof fahre und aus dem Auto steige, vermisse ich es sofort. Ich werde wohl niemals mehr einen solchen neuen Golf GTI MK I fahren dürfen. Ich sehe, dass ein bisschen Schmutz auf die Schwellen und in die Radläufe gespritzt ist – möglicherweise zum ersten Mal überhaupt?

Fakten

VOLKSWAGEN GOLF GTI SPECIAL 1984

Neupreis: 69.800 Kr. (ca. 8.100 €)
Aktueller Wert: 25.000–40.000 Kr.* ( ca. 2.900 – 4.640 €)
Motor: Vierzylinder-Reihenmotor; oben liegende Nockenwelle mit Keilriemenantrieb; 2 Ventile pro Zylinder; Einspritzung; Hubraum: 1.781 cm3; max. Leistung: 112 PS DIN (82,5 kW) bei 5.800 Umdrehungen pro Minute; max. Drehmoment: 153 Nm bei 3.500 Umdrehungen pro Minute
Kraftübertragung: quer eingebauter Motor, vorn; Vorderradantrieb; 5-Gang-Getriebe; Bodenschaltung
Maße: Radstand: 240 cm; Länge/Breite/Höhe: 384/163/140 cm; Spurweite, vorn/hinten: 140/137 cm; Leergewicht: 980 kg; Tank: 40 Liter
Federung/Fahrgestell: Schraubenfederung und Querstabilisator; vorn MacPherson-Federbein, hinten Torsionsachse; nach hinten gerichtete Trägerarme
Lenkung: Zahnstange, 3,8 Lenkradumdrehungen, Wendekreis: 9,8 m
Räder: Aluminiumfelgen; Breite: 6 Zoll; Reifen: 185/60-14
Stromversorgung: 12 Volt
Bremsen: vorn belüftete Scheiben, hinten Trommeln; Servo
Geschwindigkeitspotenzial: Spitzengeschwindigkeit: 183 km/h; Beschleunigung von 0 auf 100 km/h: 9,2 s
Verbrauch: 0,82 l/10 Kilometer, kombinierter Verbrauch
Quellen: Automobile-Revue-Katalog, VW Schweden.

* Auto in gutem Gebrauchtzustand, im Originalzustand oder renoviert, aber doch mit gewissen geringfügigen Defekten. Stand 2011 – Schweden

 

Das Fahrzeug ist seit 2 Jahren im Besitz der Firma Küberl Tuning in Kufstein und wird jetzt genau 30 Jahre alt (EZ: 10/83).
Ganz aktuell gibt es ein Wertgutachten von DEKRA (09/2013) mit dem Ergebnis „Note 1 und Wert € 32.000,–“

 

Unser Dank geht an die Kollegen des schwedischen Magazins Klassiker.
Der Bericht wurde in der Ausgabe Dezember 2011 gedruckt.
Text: Carl Legelius /// Fotos: Claes Johansson

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  • Mario Reinthaler

    Liebe Redakteure – ich weiß nicht, warum „Sahnestück“ verwendet werden muss? Könnt Ihr mir eine Begründung dafür geben?

    Warum liest jemand die Auto-Revue? Weil sie eine österreichische Zeitung (im deutschen Konzern) ist – sonst könnte ich ja gleich die Autobild oder AutoMotorSport lesen. Also bitte, bitte, etwas darauf achten, was da so geschrieben wird. Mal ab und an hochchecken was die Schreibe so macht – = sarkastisch gemeint! lg

    • Wolfgang Winiwarter

      Danke!

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