Gestern, heute, Morgan

Wie Phil Waldeck im Morgan Plus 4 seinen gefährlichsten Kriminalfall löste und Österreichs Ansehen rettete.

26.12.2011 Autorevue Magazin

„Das absurde Verbrechen ist wie Religion. Unglaublich, aber faszinierend“
Alfred Hitchcock

Am Montag, den 1. September 2010, erlebte der treueste kontinentale Händler der traditionsreichsten britischen Marke das kaum noch erhoffte reine Glück. Seit langem war Jörg Kössler Leute gewöhnt, die sich eine Morgan-Probefahrt erschleichen wollten und niemals daran dachten, einen zu kaufen. Nun aber kam ich und zerrüttete auf noble Weise sein Weltbild.

Ich wies auf den infernoschwarzen Morgan Plus 4 mit der Cabernet-Merlot-Cuvee-farbenen Stoffmütze und fragte, ob das Leder-Interieur diese Farbe aufgreife. Der Importeur nickte. „Dann soll er’s sein, dann ist er gekauft“, sagte ich. Ich übergab einen Blanko-Scheck des Privatbankhauses Habsbörg. „Sie gelten als untadelig“, sagte ich zu Herrn Kössler, „setzen Sie also die korrekte Summe ein und rechnen Sie einen Jack-Daniels-Flachmann dazu, der ins Handschuhfach passt, und ein Fläschchen Castrol extra vergine. “

Anderntags war die Bürokratie erledigt. Herr K. übergab die Schlüssel. Er wirkte nicht erschüttert, aber doch irritiert. Seine Augen erinnerten an die hübschen Palmers-Verkäuferinnen beim Lugeck. Dort hatte ich einst in zwei Minuten je sieben schwarze Boxer-Shorts, T-Shirts und Stutzen gekauft. Die Palmers-Beautys und einige Kundinnen hatten im Chor geschrillt: „Zwei Minuten! Das kann man doch nicht einkaufen nennen!“ Dieser Satz stand nun auch in den Augen des Mister Morgan Austria.

Morgan Plus4 Phil Waldeck

Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: In zwei Minuten kriegt man sonst keine der handgefertigten Ikonen der ältesten privaten Auto-Manufaktur Britanniens, allenfalls ein hübsches Modell im Zubehör-Shop. Im Normalfall wird man auf den hoch-individuell zusammengestellten Wunschwagen je nach Jahreszeit sechs bis zwölf Monate warten. In meinem Fall war Glück im Spiel. Obgleich ich Präsident der „Österreichischen Gesellschaft zur Verbreitung von Vorfreude“ bin, war ich doch recht froh, meinen perfekten Morgan Plus 4 praktisch ladenneu vorzufinden, mit 5000 Kilometern auf der Uhr, um 55.000 Euronen.

Ich glitt in das Cockpit, ohne das fantastisch-klassische Lenkrad zu verletzen. Herr K.: „Darf ich zwei Fragen stellen?“ Ich nickte, er fragte: „Sie fuhren schon viele Morgans?“ Nein, sagte ich, das Einsteigen hätte ich in den zwei Bugattis meines Freundes Christian Hübner gelernt: „Jeder klassische Leichtbau-Roadster hat mindestens eine ultra-stabile Traverse, die 500 Kilo Trittgewicht aushält. Auf diese hat man das rechte Bein zu stellen. Von diesem Fundament wuchtet man den Körper an die Rücklehne des Sitzes und rutscht dann nach vorn in die Höhle der Pedale. Ob das linke Bein mitkommt oder draußen bleibt, ist eine Frage der Synchronisation. Zweite Frage?“
„Der Scheck wurde aufs Innenministerium gezogen?!“
„Ja und? Was soll daran schlecht sein? Kennen Sie eine höhere Sicherheit als die Beglaubigung einer Behörde, die alle Bullen und jeden Bond, James Bond, unter sich hat? Mein Tipp: Vergessen Sie diesen Punkt. Genießen Sie ein schönes Wochenende in der Morgan-Geburtsstätte Malvern in der Grafschaft Worcestershire mit Ihrer Herzallerliebsten. Unbekannterweise liebe Grüße und küss die Hand – adieu.“

Ich verließ Trumau, das im Süden von Wien liegt. Dort werden Morgan-Interessenten von der Handelsfirma „KOESSLER-HAMMERSCHMID Morgan Austria GmbH“ betreut, seit ich zurückdenken kann; vielleicht sogar schon vor 101 Jahren, als Harry Frederick Stanley Morgan die Marke gründete.

In Laxenburg machte ich Halt. Das Schloss, die Ruderboote, die Insel – alles passte zum englischen Auto. Ich wählte die einzige Cigarillo, deren Schachtel ein kleiner Humidor ist, Danneman Mini con filtro. Mit dem Feuerkegel strich ich sanft übers prall gespannte Armaturenbrettleder. Eine winzige Stelle schmolz zum Leberfleck. Das war ich Herrn Kössler schuldig, von dem mir ein Freund erzählte, jeder Kratzer im schönen Morgan-Leder mache ihn fix und foxi, als „Akt des Vandalismus“. Einige ­Bentley-Blower-Boys in der Ennstal Classic Rallye hatten anders darüber gesprochen: „Ein geschniegelter britischer Sportwagen ist wie die Queen ohne Kleid, irgendwie unvorstellbar.“

Außerdem: Der Morgan Plus 4, Baujahr 2010, gehörte jetzt mir. Wenn ich wollte, dürfte ich damit Rüben ackern. Er würde mir als Netto-Honorar bleiben, unabhängig davon, ob es gelang, den ­Kriminalfall für General Grey zu lösen.

Stimmen können habt-acht stehen. „Wollen Sie wirklich die Nebenstelle 333?“ flüstert die Chef-Telefonistin ehrfurchtsvoll, „genügt nicht Frau Minister Fekter?“ Nein, lache ich, die genügt nicht, und nenne meinen Code. Gleich danach: „Ah, hochverehrter General Grey, ich bin jetzt in Laxenburg. Wie sagten Sie? Mödling? Die Bar vom Babenbergerhof? In zwei Stunden? Bis dann.“

Lebenskunst heißt, jede gewonnene Stunde zu nützen. Endlich wieder Laxenburger Luft. Ich steige aus dem Morgan. Das ist leichter gesagt als getan. Es geht auch dann nicht mit voller Würde, wenn du kleiner und leichter bist als ich. Am besten geht es so: Zuerst das tief ausgeschnittene Türflügerl öffnen. Dann die linke Hand auf den Türrahmen, die rechte auf die Oberkante deines Sitzes. Wegen der heimeligen Enge stechen beide Ellbogen steil in den Himmel. Nun hochstemmen, den rechten Fuß auf der 500-Kilo-Strebe. Der linke Fuß schiebt die geöffnete, aber angelehnte Tür auf (der Morgan kennt keine dekadente Arretierung einer offenen Tür) und gleitet ins Freie. Ich empfehle den möglichst langen Ausfallschritt des linken Fußes, um Platz zu schaffen für den nachzuziehenden Rest des Körpers. Wenn der Schritt zu kurz ausfällt, stolperst du mit dem rechten Fuß übers linke Bein und wälzt dich horizontal auf die Straße ab, was in England okay ist und nicht weiter beachtet wird, in Laxenburg aber für unnötiges Aufsehen sorgen würde. Das ist auch so groß genug. Einschub: Ich habe das leichte Aussteigen aus dem offenen Wagen beschrieben, nicht jenes mit geschlossenem Dach und montierten Steckscheiben.

Sogleich umkreisen zehn Leute das gelandete Ufo. Ich verstehe sie. Es gibt Autos, die anders schön sind, aber schönere nicht. Die Speichenräder, der Kühlergrill, das Koffer-Rack über dem außen montierten Reserverad geben der Silhouette, der Front und dem Heck allerhöchsten Glanz und Halt. Sie sind fühlbar schwer verchromt. Sie sind für die Ewigkeit gemacht, unverletzbar durch saure Niederschläge und Salze, wie es nur Engländer können, die schon im Regen zur Welt kamen. Die reizvollen Chrom-Appliken leuchten wie Sterne aus dem schwarzen Firmament des Lacks. Es gibt kein Sattsehen. Selbst das Kleine und Kleinste entzückt, der niedrige Windschutzscheibenrahmen, die drei kleinen Scheiben­wischer, die Flügelmutter, die das Reserverad hält.
Einer Laxenburger Lady, die sogleich bekennt, den idealen Hut für dieses Auto daheim zu haben, zeige ich mein Lieblingsdetail: die zwei unverlierbaren Rändelschrauben an jeder Tür, die das Steckfenster fixieren. Sie sind aus dem Vollen gefräst, für ein erstes Anziehen per Finger mit glitzernden Rautenpyramiden griffig gemacht, fürs satte Festziehen zusätzlich mit vier radialen Bohrungen versehen, in die ein sieben Zentimeter langer Chrom-Dorn als Hebel eingeführt wird. Dieser baumelt am Schlüsselbund – Erkennungsmerkmal für Fahrer heutiger Morgans.

Mit milder, segnender Gebärde überlasse ich den offenen Briten dem anbetenden Volk. Der Lack wird später mehr Fingerprints tragen als eine Tisch-Tänzerin. Man wird das fantastisch vernähte Leder bewundern, die Engelsschwingen der Kotflügel, die affengeilen Kühlrippen der Motorhaube. Der klassisch-schöne Tacho wird zwiespältig beurteilt werden. Mich entzückt, dass er praktisch außer Sichtweite des Piloten montiert ist. Direkt vor dir sitzt korrekterweise der Drehzahlmesser, gut sichtbar noch Wassertemperatur und Öldruck, also jene Daten, die ein guter Reiter für die Gesundheit seines Pferdes braucht. Pubertierende mag enttäuschen, dass der Tacho nicht bis 300 km/h reicht.

Ich will zu dieser Stunde dem Laxenburger ­Publikum nicht erklären, was es mit V-max und Beschleunigung und Gewicht und Verbrauch und Preis eines Morgan Plus 4 auf sich hat. Ich brauche meine Kräfte für einen krassen Kriminalfall. Lieber ziehe ich mich für eine letzte Erholungspause ­zurück. Die Danneman Mini brennt süß auf der Zunge. Ein Glas vom roten Illmitz-Blend II von Kracher dehnt die Adern und wärmt für kommende Open-Air-Fahrten. Laxenburg liegt vor mir wie Cornwall, die Heimat des Geheimdienst-Romanciers John le Carré.

Darf ich fahren?“, fragt der Mann, den die wenigen Eingeweihten als General Grey kennen, der Name passend für Graue Eminenz. Hinter seinem Rücken sprechen sie zuweilen vom Generalissimo, weil er wie ein lateinamerikanischer Militär in gesetzesfreiem Raum agieren darf, inmitten einer Demokratie.

Morgan Plus4 Phil Waldeck

De facto steht General Grey höher als jeder andere Österreicher. Würden beispielsweise die Präsidentin des Nationalrats oder der Bundespräsident (die zwei theoretisch höchsten Ämter) in privater Autofahrt drei ausländische Mönche überrollen, wäre dies seine Sache. Als Faustformel gilt: Er kümmert sich um alles, was Österreich der Lächerlichkeit preisgeben könnte. Auch eminente Scheichs gehören dazu, die auf dem Teppich ihrer Hotel-Suite den Festtags-Hammel braten und halbe Wiener Bezirke abfackeln, oder große Kunst-Affären. Endgültig untouchable wurde General Grey, als der Cellini-Salzfässchen-Skandal des Kunsthistorischen Museums, wo man ihn nicht zu Hilfe gerufen hatte, zur internationalen Lachnummer geriet.

Mich hat General Grey lieb. Erstens ist er mein Patenonkel. Zweitens bin ich sein bester Detektiv. Drittens wage ich als Einziger, ihm zu widersprechen. Jeder Übermächtige braucht so einen wie mich. „Nein, du darfst nicht fahren“, sage ich barsch und bugsiere ihn auf den Nebensitz. Er hat sich als Kunstsammler unverzüglich in die klassischen ­Linien des Morgan Plus 4 verschossen. Den Babenbergerhof haben wir verlassen. Er war uns als Treffpunkt zwar angenehm – wir feierten dort einst ­meine Maschinenbau & Kfz-Matura und hielten dem Stadttheater-Impresario Felix Dvorak vor Premieren die feuchten Händchen –, aber unser heutiges Gespräch ertrug keine Bar-Zeugen. Nun streckte er behaglich seine Beine in den verblüffend geräumigen Fußraum: „Fahr los.“

Im ersten und zweiten Gang röhrten wir aus Mödling hinaus Richtung Hinterbrühl. Der Sound der 4-Zylinder-145-PS-Maschine aus dem Hause Ford befriedigte ihn: „Alte kammermusikalische Schule“, sagte der General, „erinnert mich an deinen dunkelblauen Triumph TR 4A, dessen Auspuff du illegal entkernt hast. Ein erstklassiger Schallschutz für unser Gespräch.“ Als die Häuser zurückwichen und die Föhren näher traten, erzählte er die unglaubliche Geschichte.

Hier die arg verkürzte Version: Ein Wahnsinniger drohte, einen „Römisch-1-Schatz“ von Österreich in die Luft zu jagen. Der Verlust für das Land wäre tausend Mal höher als im Falle der ­lächerlichen „Saliera“ des italienischen Kunsthandwerkers und Mörders Benvenuto Cellini. Diese sei auf maximal 60 Millionen Euro taxiert worden. Der Wert des von ihm, dem aktuellen Verbrecher, zu sprengenden Kunstschatzes entziehe sich jeder Schätzung. Er könne dessen Vernichtung sofort anordnen, wolle sie aber mit dem Tod des Professors Philipp Waldeck verbinden. Diesen Privatgelehrten hasse er wie nichts auf der Welt. Er gebe ihm aber eine Schlechter-als-Null-Chance, innerhalb von 48 Stunden den Schatz zu finden und diesen und sich selbst zu retten. Onkel hieß mich anzuhalten. „Ein blöder Scherz von blunzenfetten Freunden“, sagte ich. „Leider nein“, sagte er, „lies den zweiten Brief, der gleich danach kam.“

Ich las: „Es wird zwei Hinweise auf Objekt und Lokalität geben. Um sie zu finden, sind Waldeck-Fahrten ­nötig. Diese sind bei geöffnetem Verdeck in einem auffälligen Morgan-Mietwagen durchzuführen. Erstens erfriert Waldeck hoffentlich. Zweitens kann ich so kontrollieren, ob er selbst und nicht eine andere Kröte fährt. Ich werde immer in der Nähe sein – oder auch nicht. Erster Hinweis: Unweit vom Braunsberg, wo Waldeck sein erstes Classic-Bergrennen fuhr, ist ein Feinschmecker-Lokal per Tunnel mit seinem Gastgarten verbunden. Der Hinweis findet sich dort, wo Idioten immer ihre Pistolen verstecken.“

Ich gab dem Onkel, den alle außer mir fürchten, ein Bussi. Er erinnerte mich nun an lilium tigrium, die Tigerlilie. So wie bei ihr zeigten sich auf dem kindlichen Rosarot seiner Haut ein paar ovale, beige Makel wie eine „leise, vorbereitende Musik“ (Ernst Jünger). Er wurde mir alt. Er glaubte jetzt Räubergeschichten. Er schenkte mir sogar einen Morgan!

Onkel General sagte: „Ich hasse Männerküsse. Und kann deine Gedanken lesen. Vergiss, was du sagen wolltest. Wir haben alles überprüft, graphologisch, psychologisch, soziologisch, pathologisch, dazu Papier, Printer, Computer. Echter Hass und Profi-Arbeit. Höchster Ernst. Unsere einzige ­Chance liegt darin, dass du dich an deinen größten Hasser erinnerst – oder die Rätsel löst.“

Er seufzte (leichte Rötung der Kinderhaut): „Deine Tante Clara selig hätte von mir erwartet, dass ich dich auf Saint Lucia in Sicherheit bringe. Sie kannte (schwere Rötung der Kinderhaut) meinen dortigen, kuscheligen Privatbunker.“ Ich zeigte ihm meinen längsten Mittelfinger. Der Beruf war ihm immer wichtiger gewesen als Clara und ich.

Ehe der Hubschrauber, der plötzlich in den Wienerwald gefallen war, mit ihm abhob, warf sein ­Adjutant einen Rucksack auf den Nebensitz, hängte mir ein Outdoor-Handy um und sagte: ­„Unzerstörbar. Unabhörbar. Zwei Knöpfe. Links perfektes Navi. Rechts eine einzige Nummer“ – er wies dabei mit einer Verbeugung zum Sikorsky hin, dessen Sprudler dann im Aufflug die Föhren des Wienerwalds niederdrückten, als wären sie die ­Seelen Beethovens und Schuberts.

Ah, der Flughafen Schwechat. Ein Airbus-320 steigt auf. Da drin ist es sicher warm. Ich darf mich aber nicht beklagen. Tante Clara zeigte Fernwirkung. Im Rucksack lag eine Wolfskin-Gore-Tex-Jacke mit Kapuze und einknöpfbarem Zobel-Futter. Daneben Gänseleber-Gläser, Mineralwässer und ein Kärtchen mit einer alarm-roten Telefonnummer für jeden Uniformierten, der mich vielleicht aufhielte, weil er den Morgan besichtigen wollte. ICH LIEBE PRIVILEGIEN. Weiß gar nicht, was so viele dagegen haben.

Bin teils guter, teils unguter Dinge. Gut ist das Fahrgefühl. Auf der Oststrecke Richtung Slowakei fuhr ich ausschließlich angenehme Fahrzeuge, zuletzt Yamaha-V-max, KTM 990 SMT, Ducati Multistrada 1200 und jenes Käfer-Cabrio aus dem VW-Museum, das unheimlich anriss und 140 km/h schaffte. Nun die Krönung. Der Konus der kühl­gerippten, wie mit Stammesnarben versehenen ­Motorhaube sticht keck in die Luftwand. Die 145 brunftig röhrenden PS hirschen gen Bratislava. Sie spielen sich mit dem dreistelligen Kilogewicht des Zweisitzers. Könnte ich den Tacho besser sehen, sähe ich vielleicht 190 km/h, die im Plus 4 gefühlte 910 km/h sind.

Schon 80 und 100 und 130 km/h fühlen sich toll an. Ich würde sie lieber fahren, bin aber wegen der unguten Dinge im Stress. 48 Stunden zur Lösung des Kriminalfalls sind wenig. Eigentlich sind sie nix. Gottlob schaffe ich die erste Aufgabe schnell. Ich kenne das Wirtshaus mit dem Tunnel. Ich umarme die Chefin des „Goldenen Ankers“, Michaela ­Gansterer, engagierte Politikerin, frohe Erotik-Dichterin, tolle Gastgeberin und Mutter genialer Söhne. Der schönste Gastgarten Österreichs liegt vollflach an der Donau, ohne Zaun, man reist dort mit drei Gespritzten bis ans Schwarze Meer.

Das alles ist jetzt aber unwichtig. „Ich trinke nichts“, rufe ich, „allenfalls einen Blitz-Tee mit ­Havanna Club“, stürze in die Männer-Toilette und ergreife im Wassertank die nylon-verschweißte Botschaft. Ich erniedrige mich zum weibischen Sitzpinkler und lese den Text: „Gratuliere. Lauwarmer Applaus. War ja nicht schwer. Nun weiter in ein Restaurant, das mitten im Spargelland an Gemälde von Giuseppe Arcimboldo erinnert. Dort im gleichen Versteck die nächste Botschaft. Mögen Ihnen die Eier abfrieren. Die schönste Frau der Welt ist Ihretwegen unauffindbar ausgewandert, angeblich in ein Dorf, in dem man dicke Menschen als gottgefällig schätzt.“

Bildung lohnt. Jedes Wissen verzinst sich irgendwann. Arcimboldo malte Porträts aus Gemüsen und Obst. Total überladen, praktisch unerträglich, wenn auch nicht unwitzig – also kann es nur um den „Marchfelder Hof“ in Deutsch-Wagram gehen. Dort die Botschaft: „Der Weise wüsste, woher der Wind weht, und wohin er weht. Er führte ihn an die Pfade eines berühmten Müßiggängers, an uralte Taxis in der Art der Schwäne bei Richard Wagner, an säkulare Säulen, die oft die sakralen an Höhe und Wucht übertreffen und die im Falle einer Explosion die weite und weiteste Umwelt in Schutt und Asche legen. Adieu, mein Feind. Sie werden damit nichts anfangen können. Und wenn doch, wird Österreichs Staats-Schatz sterben, der meiner geliebten Verlorenen gleicht, und Sie mit ihm.“

Ich rufe 999 000 999. So kindisch oder klug klingen die Funknummern im Netz des Generals. „Man gab uns zwei stützende Botschaften“, sagte ich, „ich habe beide gefunden.“ Der General sagte bravo. Ich sagte: „Bravo ist ein Magazin für Kinder. Wir sind zwei Erwachsene, die verloren haben. Die zweite Botschaft überfordert mich in jedem Punkt. Ich sage sie dir und gehe dann schlafen, sorry.“

Schlafen könne ich, sagte die Tigerlilie, wenn ich tot sei. In einer Zipptasche des Rucksacks fände ich militärische Weckamine, eine Art Anti-Viagra: „Das Hirn erwacht, das Zipfel schläft. Du wirst weiterhin offen fahren. Wir gehen kein Risiko ein. Wir haben es mit einem schweren Paranoiker zu tun. Du denkst über ihn und diese Frau nach. Vielleicht fällt dir was ein. Wir analysieren inzwischen die zweite Botschaft. Am besten, du fährst zum Floridsdorfer Spitz und parkst vor dem Lokal S’Amterl. Dort wohnt eine meiner besten Agentinnen, Sheila Natascha Annegret. Sie wird dich beschützen. Du hast alles gut gemacht, halte durch.“

Die Weckamine machten alles um drei Blenden heller. Mit neuer Freude musterte ich mitten in der Nacht das geflügelte Morgan-Emblem des Lenkrads. Und sah, umtost vom erfrischenden Fahrtwind, durch die Alu-Haut des Morgan in ein unverwüstliches Skelett aus Rippen und Spanten, ­geformt aus Cupriol-getauchtem Eschenholz, gleichwertig den im venezianischen Arsenal gebauten Kampfschiffen, die Salzwassern und Pechfackelgeschossen getrotzt hatten. Der Wind scheitelte mein Haar – und Scheitel wurde zum Stichwort, das nun auch den Kriminalfall weiterbrachte.

Aus meiner Erinnerung stieg ein anderes Scheitelbild hoch: ein mit breiter, fahler Furche gescheiteltes wildes Rothaar über einem hasserfüllten Männergesicht, als ich einem fremden Mädchen, das Avancen machte, freundlich absagte. Wohl lebte ich zu jener Zeit nach dem Motto von André Heller („Mir ist keine Einzige zu gut und keine Einzige zu schlecht“), doch glich diejenige zu sehr einem weiblichen Michelin-Männchen, ein Reifen über dem anderen. Ich hätte mit ihr immer an Le Mans denken müssen, und an die Venus von Willendorf. Die Venus? DIE Venus? Das gab doch einen Sinn. Plötzlich fügte sich eins in das andere.

Ehe ich General Grey erreichte, erreichte er mich: „Wir haben den Ort der angekündigten Tat ermittelt. Er liegt, wenn der Wind geradlinig über Hainburg und Deutsch-Wagram streicht, nördlich von Korneuburg. In Richtung Bisamberg zieht die Bemerkung des Müßiggängers. Das könnte Eichendorffs „Taugenichts“ sein, der dort entstand. Die nächste Verfeinerung ist der Schwan, den wir als Rollfähre im Tuttendörfl vermuten. Den mächtigen Silo vis-à-vis vermuten wir als den säkularen Turm, das weltliche Mahnmal des Wohlstands, von dem der Terrorist spricht. Wir kennen jetzt den Ort und können zugreifen.“

„KEINEN ZUGRIFF“, befahl ich dem General. „Ich weiß jetzt, um welches Kunstwerk es sich handelt. Wir müssen es bis zuletzt schützen. Ich kenne auch grob den Täter. Das Kunstwerk dürfen wir als Original der VENUS VON WILLENDORF vermuten, das angeblich im Naturhistorischen Museum ruht, 11 Zentimeter hoch und mehrfach glänzend kopiert, unter anderem für den Originalfundort in der Wachau. Ob man es dem Ex-Chef des Naturhistorischen Museums, Bernd Lötsch, austauschte oder dem neuen, Christian Köberl, ist mir egal. Wir müssen davon ausgehen, dass dieses Stück um jeden Preis gerettet werden muss.“

Mein Onkel, kühl wie Marlene Dietrich: „Und der Täter? Warum schweigst du?“ „Weil ich mich ungern lächerlich mache. Aber eigentlich bin ich mir sicher. Er war Liebhaber einer ländlichen Venus, die er vergötterte und die ich abwies. Er war vor zwanzig Jahren hübsch und hasserfüllt. Seine Besonderheit war ein schräger blasser Scheitel in schönem, rotem Haar. Heute vielleicht ein gebräunter Scheitel in weißem Haar. Er wartet nur darauf, dass wir den Silo entern, und sprengt dann alles in die Luft.“ „Wo wartet er?“ fragte der General.

Er wurde immer ruhiger, je nervöser ich wurde. Das half mir, vernünftig zu analysieren: „Er wartet entweder im ­besten Donau-Gourmet-Tempel Österreichs, im ­Restaurant Tuttendörfl von Günther Gass, oder in der Jausn-Hütte rechts von der Rollfähre oder auf der Rollfähre selbst. Gass scheidet eigentlich aus, weil der Blick zum Silo auch vom besten Garten-Platz nicht ideal ist. Außerdem wird man ständig von lästigen Weltklasse-Kellnern abgelenkt. Die Jausn-Hütte ist nicht ideal, weil ein nervöser Schauender dort auffiele. Wahrscheinlich sitzt er als freundlicher Dauergast auf der Rollfähre. Er gibt dort fette Trinkgelder und hat den idealen Blick auf jeden Silo-Zugriff der Polizei. Er sucht in Ruhe den Zeitpunkt, uns alle in die Luft zu jagen, inklusive der Venus.“

Zwei Wochen danach. Ich fahre mit dem Morgan Plus 4 offen durch die Provence. Es riecht nach Lavendel. Man hört die ersten Grillen des Abends. Ich begreife dieses Auto als Lösung der ­Gegenwartsfragen. Es ist leicht, schnell, witzig, schön, effizient, ist unverwüstlicher als venezianische Kampfgaleeren, die noch kein Alu, keine ­Nirosta-Stähle und kein Cupriol-Bad fürs Eschenholz kannten. Es ist das lustigste Auto mit dem ­besten Preis-Leistungs-Natur-Verhältnis.

Mein General und Patenonkel ruft an: „Du weißt, wie gut alles ging. Die Venus von Willendorf kehrte unverletzt an ihren Platz zurück. Fischer ist glücklich. Faymann und Pröll sind glücklich. Claudia Schmied ist glücklich. Ob Lötsch oder Köberl glücklicher sind, wissen wir noch nicht. Alle loben mich und wollen dich im Restaurant Tuttendörfl feiern. Wann magst du? Und wo, wenn ich fragen darf, ist meine Agentin vom Floridsdorfer Spitz, die Sheila Natascha Annegret?“

Sie nimmt mir das Handy ab: „Lieber General, ich habe mich unterwürfig und befehlsgemäß schützend über Ihr Patenkind geworfen. Dort ­befinde ich mich immer noch, mangels Gegen­befehl.“ So enden im Prinzip alle Geschichten mit dem Morgan Plus 4.

Mehr zum Thema
pixel