volvo 740 turbo tacho
Kilometerstände, die aus Sicht der Hersteller heutzutage gar nicht mehr erreicht werden sollen. Das ist die einhellige Meinung der Konsumentenschutzorganisationen weltweit.
 

Geplante Obsoleszenz in der Automobilindustrie

Obsoleszenz ist integrierter Bestandteil jenes aggressiven Wirtschaftswachstumsmodells, in dem wir jetzt stecken.

29.11.2013 Autorevue Magazin

Geplante Obsoleszenz bei Autos

Langlebigkeit und Robustheit sind zwar wichtige Verkaufsargumente, deren konsequente Umsetzung hat aber zwei gravierende Nachteile: Hochwertige Produkte herzustellen ist teuer und vor allem absatz- und damit wachstumshemmend, schlicht wegen des weitgehenden Wegfalls von Ersatzbedarf. Zwei Faktoren also, die im Sinne von Gewinnmaximierung schwer kontraproduktiv sind. Wen sollte es dann wundern, dass Hersteller nur wenig Interesse daran haben, dass ihre Produkte viel mehr als die Garantiezeit überleben? Je kleiner und billiger das Ding, umso weniger fällt es auf den Hersteller zurück, wenn er Glumpert auf den Markt wirft. Das ist unzweifelhaft die Ausgangslage. Im Detail ist natürlich alles viel komplizierter.

Glumpert oder Investitionsgut?

Bei echten Investitionsgütern ist das schon heikler. Hier ist Qualität durchaus ein Erfolgskriterium, jedenfalls auf lange Sicht, aber naturgemäß schwer darstellbar in Halbjahresbilanzen. Die hohe Qualität japanischer Autos lag mitunter darin, dass Reparaturen und Nachbesserungen auf Grund der großen Entfernungen zu den Zielmärkten den Herstellern mehr Probleme bereitet hätten, als gleich ordentliche Autos zu bauen.

Paradebeispiel aus der Autoindustrie

Die Versuchung, durch gezieltes Einbauen von Schwachstellen die Produkte einer regelmäßigen Nachbesserung auf Kundenkosten zu unterziehen, war aber immer schon groß. In den 1970er und noch 80er-Jahren wurde spätestens nach 50.000 km die Wasserpumpe kaputt (bei allen Autos, außer beim VW Käfer, der infolge Luftkühlung keine hatte – die überwiegende Ursache übrigens für das einprägsame Pannen-Klischee vom dampfend rauchenden Auto am Straßenrand. Eine Wasserpumpe kann man aber wie alle anderen drehenden Teile am Auto so konstruieren, dass sie ein Autoleben lang hält. Es gibt überhaupt keinen Grund, dass eine Wasserpumpe kaputt wird. Sogar Verschleißteile wie Reibungskupplungen kann man so bauen, dass sie ein Autoleben lang halten, es ist aber schon eine Kosten- und Gewichtsfrage.

wasserpumpe opel diplomat

Paradebeispiel Wasserpumpe. Hier die des Opel Diplomat mir R6-Motor. Sie zählt zu den fehleranfälligsten Bauteilen am gesamten Auto.

Obsoleszenz in der Literatur

In der Management-Literatur wird gerne das Beispiel Ford zitiert, wonach das Einbrechen des Erfolges des ruhmreichen Modells T auf seine zu hohe Qualität zurückzuführen sei. General Motors steigerte währenddessen seine Absätze durch rasche Modellwechsel und Kurzlebigkeit der Produkte. Aber auch seriöse Bücher gibt es seit den 1960er Jahren zu diesem Thema (Vance Packard, „Die große Verschwendung“, 1964).

Viele Fehler passieren eh von selber

Es ist nicht zu verhindern, dass es den einen oder anderen schlauen Autohersteller gibt, der irgendwo irgendwie einen Fehler einbaut, um die Kundschaft nach Ablauf der Garantie immer wieder in der Vertragswerkstätte zu sehen, aber andere Sorgen sind heute größer. Er muss es nämlich erst einmal schaffen, unter hohem Kostendruck in Zusammenarbeit mit zig Zulieferern und Subzulieferern verstreut über die ganze Welt und in riesigen Serien so ein komplexes Produkt aus zigtausend Teilen so fix zusammenzuschrauben, dass es nicht gleich wieder zerfällt. An der steigenden Zahl der Rückrufaktionen ist ja abzulesen, wie schwer sich Autohersteller damit tun.

Außerdem: Im Rahmen der Rationalisierungsmaßnahmen in der Fertigung fühlen sich Autohersteller dazu gezwungen, ganze Module so zusammenzustecken und zu kleben, dass man sie gar nicht mehr reparieren kann. Oft sind sie durchaus froh, wenn eine Klebestelle überhaupt hält. Hier auch noch den Zerfall zu programmieren, wäre eher schon dreist. Dass man wegen eines gebrochenen Schanierls gleich die ganze Hutablage tauschen muss, ist dann die ärgerliche Folge, muss aber nichts mit Obsoleszenz zu tun haben.

Geplante Obsoleszenz als Teil des Wirtschaftsmodells

Bei allen Produkten ist es möglich, gezielt Schwachstellen einzubauen, und bei vielen Produkten wird das auch gemacht. Das ist die einhellige Meinung der Konsumentenschutzorganisationen weltweit. Geplante Obsoleszenz ist integrierter Bestandteil jenes aggressiven Wirtschaftswachstumsmodells, in dem wir jetzt stecken.

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