Los geht's! Unser Kadett Caravan am Vorstart der ADAC Opel Classic Hessen Thüringen 2014.
Los geht's! Unser Kadett Caravan am Vorstart der ADAC Opel Classic Hessen Thüringen 2014.
 

Generation Colorglas: Opel Kadett Caravan

Wann haben sie das letzte Mal einen D-Kadett gesehen? Wir können uns auch nicht erinnern. Deshalb haben wir dankbar zugesagt, als man uns ein Rallyefahrt im ersten Frontantrieb-Opel versprach. Zwar war der Bolide vom ADAC, die ÖAMTC-Wagen sind wohl alle verrostet…

25.06.2014 asphaltfrage

Nach dem ersten Tag am Steuer des gelben Opel Kadett Caravan hast Du Sonnenbrand. Weil man als Teil der Generation Colorglas vergessen hat, dass so ein Basis-Kadett von 1981 die böse UV-Strahlung eben noch nicht abschirmt.

Überhaupt ist vieles anders im alten Opel. Schon das erste Mal starten ist spannend. Einmal Gas geben, damit die Beschleunigerpumpe ein bisserl Sprit in den Ansaugkanal quetscht, danach den Zündschlüssel solange gedreht, bis einer der vier Zylinder die Arbeit aufnimmt. Ein Fuchs ist der, der mit dem Choke danach beim ersten Versuch gleich so jongliert, dass er den Kaltlauf unterstützt und den 1300er nicht direkt unwürdig absaufen lässt.

Zweimal Fensterglas. Kadett D Caravan vor DDR-Platte.

Zweimal Fensterglas. Kadett D Caravan vor DDR-Platte.

Eh klar, wir ließen absaufen. Aber nach einer Hand voll Startversuchen konnten wir den Kadetten dann doch zu so etwas wie einem Leerlauf überreden. Auf den ersten Metern zwar noch etwas holprig, mit virtuoser Hacke-Spitze-Technik hält man ihn aber auch beim Zurückschalten in der Anbremszone am Leben. Danach dann, wenn das Kühlwasserthermometer senkrecht steht, ist endlich Zeit den modernen 1.3 Liter OHC-Motor genauer unter die Lupe zu nehmen.

Denn der Kadett D war das wichtigste Modell, das Rüsselsheim Ende der Siebziger auf die Räder stellte. Die wohlüberlegte Antwort auf den Golf sozusagen. Das erste Mal kein Heckantrieb, sondern ein modernes platz- wie kostensparendes Layout mit querbauendem Motor und angetriebener Vorderachse. Dazu noch frische Triebwerke mit obenliegender Nockenwelle, hydraulischem Ventilspielausgleich und Zahnriementrieb, die noch bis kurz vor der Jahrtausendwende im Opel-Programm Verwendung finden sollten.

Zwar reichen 60PS heute nicht einmal mehr für Kleinwagen, so fährt der Caravan damit doch überraschend angenehm. Vor allem liegt das an der herrlich cremigen Gasannahme seines Fallstromvergasers. Die Spontanität mit der die alte Gasfabrik auf Befehle am Pedal reagiert begeistert einfach. Und das obwohl das von uns gefahrene Exemplar mit Sicherheit Zeit seines Lebens nicht geschont wurde, im Gegenteil, die knapp 300.000 gefahrenen Kilometer dürften sehr harte Arbeit gewesen sein.

Das Triebwerk. 44 Kilowatt aus 1300ccm. Mit Zahnriemen, obenliegender Nocke und Hydrostößeln. Ein technischer Leckerbissen. Damals.

Das Triebwerk. 44 Kilowatt aus 1300ccm. Mit Zahnriemen, obenliegender Nocke und Hydrostößeln. Ein technischer Leckerbissen. Damals.

Und doch macht der Kadett Spaß. Er dreht willig hoch, schnattert dabei beruhigend mit den Ventilen, legt sich beim servolos-direkten Einlenken fröhlich auf die Seite und schaukelt überhaupt lustig über Bodenwellen und Schlaglöcher. Das Innenraumklima ist stufenlos in zwei Zonen regulierbar (je eine Fensterkurbel pro Seite!), das Radio krächzt freudiges Mono durch das Armaturenbrett und auch sonst fehlt wenig zur automobilen Glückseligkeit.

Denn es sind die Alltagseisen die Freude bringen. Nicht die millionenteuren Pretiosen, die mit dem Taschentuch zu Tode gepflegt werden, sich die Räder eckig stehen und bloß mehr auf dem Trailer von einer manikürten Rasenfläche zur nächsten transportiert werden. Es sind die Kisten mit Patina, die nach Sprit, Öl und Fett riechen, die mit dem angegriffenen Chrom und dem abgegriffenen Lenkrad. Die, bei denen Du auf der Suche nach der Zweiten erstmal treffsicher alle anderen Gänge in der ausgelutschten Schaltkulisse findest.

Die Kisten, die uns zu besseren Autofahrern machen, weil man noch etwas von Technik und vom Fahren verstehen muss. Die, bei denen nicht alles automatisch geht und Start-Stop an der Ampel bedeutet, dass Du die Haube lupfen und mit dem langen Schraubendreher den Magnetschalter vom Anlasser überbrücken musst.

Zufall. Einen gestrandeten BMW 325i Cabrio noch schnell wiederbelebt.

Zufall. Einen gestrandeten BMW 325i Cabrio noch schnell wiederbelebt.

Natürlich, heute ist alles besser. Vor allem Sicherheit und Verbrauch. Und doch: wagt den Selbstversuch. Fahrt ein Alltagseisen, es wird gefallen! Und wenn nicht, dann seid fröhlich wenn ihr eins seht. Hupt, winkt, gebt Raum. Man muss sie genießen, solange es sie noch gibt!

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