SLS – Geduld im Stern

Zwei Tage Alltag im Flügeltürer.

23.04.2010 Autorevue Magazin

Wenn plötzlich etwas Ausgefallenes im Fuhrpark auftaucht, läuft die ganze Redaktion zusammen – ihr ahnt ja nicht, mit welch perfiden Tricks die Kollegen daherkommen, sich das gute Stück unter den Nagel zu reißen. Außer der Chef räuspert sich kurz, kommt mit irgendeinem saublöden Vorwand, warum gerade ER das Ding JETZT braucht und haut dann schnell ab. Doch diesmal war alles anders. Der Boss meinte, schon mit dem Schlüssel in der Hand: „Haltaus, ich muss ja noch Fliesenkleber kaufen. Was soll ich dem Waidacher (rühriger Pressesprecher von Mercedes Benz) erzählen, wenn’s mir im SLS das Sackl zerreißt? Ich fahr lieber mit was anderem zum Hornbach.“ Und wer stand ihm am nächsten, als er das sagte. ICH. Göttliche Fügung des Schicksals.
Erster Adrenalinstoß in der Garage: Die Flügeltüren! Ein nettes Zitat der Vergangenheit, aber eigentlich völlig unpraktisch. Den Kopf hab’ ich mir nur einmal angehaut, dann hab’ ich’s mir gemerkt. Und dass man zwangsläufig beim Einsteigen mit der Hose den Seitenschweller abwischt, stört ja eh nur bei Regen. Dann Anstarten: Was so böse klingt, geht sicher auch so. Du hörst jeden Milliliter der 6,2 Liter Hubraum (ja – 6,3 steht nur aus historischen Gründen drauf), führst dir die 571 PS Leistung ins Gewissen. Höchste Vorsicht ist geboten. Aber auch hier heißt es aufpassen: Wie nehme ich die enge Auffahrtsspindel der Tiefgarage, ohne eine Felge zu beleidigen? Da kostet das Stück vermutlich mehr, als ich im Jahr verdiene.
Endlich draußen. Trotz dem ganzen Sportbrimborium lässt sich der SLS erstaunlich sachte durch den Verkehr bewegen, sogar eine Art Federung ist mit an Bord. Muss auch so sein, ist ja auch ein Stern. Gottseidank ist der Wagen silber, was ihn wirklich ganz zart tarnt. Dennoch: Nix als Fotoapparate, Handykameras und staunende Passanten. Du musst mehr auf die Anderen als auf dich aufpassen – wie der nette Mann, der mich gerade gottfürchterlich schneidet, beweist. Erkenntnis bei mir: Bei den Bremsen bleibt dir das Hirn stehen. Erkenntis des Feindes: Fotografieren und Fahren gleichzeitig geht sich irgendwie nicht aus.
Autobahn, nächste Erfahrung: Ein Zupfer am Gas und du bist tief im Kriminal. Wie das plärrt beim Ausdrehen – es herrscht absolute Suchtgefahr. Wieder nerven die Schaulustigen, ich flüchte auf der linken Spur. Endlich raus auf die Landstraße, endlich richtig alleine: Unglaublich, wie das in jeder Lebenslage antaucht. Wie perfekt das Doppelkupplungsgetriebe arbeitet, das Zwischengas-Kläffen beim Zurückschalten, wie fantastisch das Auto ausbalanciert ist. Wenn jetzt hinter einem Buschen ein Bulle lauert, gehört mir garantiert das Cover der Kronenzeitung. Ich wünsche mir ganz kurz meinen alten Capri, der dich das Tempo noch spüren lässt. Bei dem fühlst du dich schon bei einem Hunderter im kurvigen Geläuf wie ein Held. Beim SLS brauchst du die doppelte Dosis.
Ein kleines, idyllisches Städtchen im Weinviertel. Zuhause. Ich möchte rasch aussteigen und in der Anonymität eines Kaffeehauses untertauchen. Kann aber nicht, weil mir ein E-Coupé beinahe über die Zehen fährt. Darin: Ein honorig aussehender Herr, am Auto sind französische Kennzeichen, ich ahne schlimmes. Es folgt der Dialog, den ich in den nächsten Tagen noch gefühlte zweihundertsiebenundachtzig mal führen soll: Wieviel PS? Wie schnell? Was kostet er? Anschließend will er mir hartnäckig einen Teppich verkaufen. Ich flüchte wieder. Diesmal zu Fuß.
Am nächsten Tag muss ich fünf Halbwüchsige vom Auto verscheuchen, um überhaupt einsteigen zu können. Klar, wenn dann noch eine Flügeltür aufgeht gibt’s überhaupt ein großes Hallo. Außer, dass mich das Frage-Antwortspiel mittlerweile etwas anödet, fällt mir auf, dass das Auto kaum Animositäten heraufbeschwört, die bei einem roten Italiener beispielsweise zur Tagesordnung gehören. Den Jungen taugt es ohnehin, und die Älteren schwelgen mit verklärtem Blick in der Vergangenheit. Ich beantworte immer noch geduldig alle Fragen.
In der Redaktion lege ich artig den Schlüssel auf Chefs Schreibtisch. Ob ich nicht noch einen Tag fahren möchte, fragt er. Ich lehne dankend ab. Im Gegenzug erbe einen auch nicht faden Dreiliter-Z4, bei dem im Vergleich überhaupt nix weitergeht. Beängstigend, wie schnell man sich an Leistung gewöhnt.

  • SteakIT99

    Grandturismo….ich glaub dein Name zeigt eindeutig, dass du ein BMW fan bist und somit ist deine Meinung zum SLS mehr oder weniger zu ignorieren

  • Alex444

    Darf ich also annehmen, dass der Fliesenkleber in Ebners Auto wurscht gewesen warat? :o)

  • Granturismo

    Wer das Safety Car in der Formel 1 gesehen hat weiß wie unsportlich die Federung abgestimmt wurde, der leider "AMG" genannte Straßenkreuzer knickt vorne beim Anbremsen jeder Kurve regelrecht weg. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ältere Herren mit Hut darauf stehen (nix persönliches gegen den ehrwürdigen Fahrer im Bild).

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