Honda S600
1965/66 Honda S600/S800 – Zu fein für diese Welt. Einzelradaufhängung mit Kettenkastenschwinge. 57 PS bei 8500 Touren. Das konnte nicht lang gut gehen. Deshalb ­baute ein Bekannter den 1300er-Motor vom Mazda 323 ein. Über­raschung: Die Honda-Motoren drehten andersherum.
 

Glück beim Schuhebinden

Der Toyota GT 86 bringt längst verschollen geglaubte Gedanken ins Rollen. Etwa: Wie wir den Augenblick genießen und dabei noch eine Kommissarin anlächeln.

24.05.2012 Autorevue Magazin

Vermisst ward das verfeinerte Coupé, zarte Eleganz eines vernunft-unbegabten Fließhecks, geduckte Angriffslust zwischen den Radhäusern, die absurde Schönheit eines im Weltgeschiebe überflüssigen Urwaldvogels.

Wir werden stattdessen mit ausgedachten Emo-Boxen bedient, mit thematischen Erlebniszellen, die Marketingleute, Demoskopen, Analysten und Demagogen des Mainstreams für uns geformt haben. Leute mit großer Speicherkapazität, hoher Bildschirmauflösung und 3D-Vision, aber ohne Autoverständnis. Massige Cross-Coupés, klobige MPVs, viertürige Supersportgranaten. Plötzlich stampfen einst geliebte Kleinwagen als megalomane Golems daher. Das haben wir nicht verdient.

Wir sind fröhliche Menschen geblieben, wir kennen das Glück. Wir bevorzugen es in kleinen, aber täglichen Portionen. Wir finden es beim Schuhebinden, nicht beim Klettband-Zudrücken. Wir lächeln Kommissarinnen an und verzichten auf Tank-Rabattkarten. Wir sind unverbissen, machen aber keine Personality-Show daraus. Wir küssen uns am Bahnsteig goodbye und gehen dann zusammen weg. Ersehnt wird eine marketingfreie Zone, ein Leo der Konsumgruppendynamik. Selbst wenn wir, des Käuferschichtbetriebes überdrüssig, zum Oldtimer flüchten, geraten wir in Interessens­bereiche des Ersatzteilhandels, der Dachverbände, der Lendenstützapparatehersteller.

Damit haben wir mehr oder weniger gelernt umzugehen. Die Welt lässt sich nicht anhalten. Was wir aber suchen, ist ein feiner, nicht zu elitärer Bereich, in dem wir uns relativ frei und unerkannt bewegen können, obzwar uns jeder sieht und wir auch keine Anstalten machen, uns zu verstecken.

Denn als gesichert gilt: In kleinen Sportcoupés ist man dem Markt ein Rätsel. Er hat uns aufgegeben, wer weiß warum, wahrscheinlich aus schierem Unverständnis. Es gab keine Fragebögen dafür.

Zum Beispiel wäre niemand bei Marketing Research Inc. oder TNS Automotive darauf gekommen, schlanke Coupés wie den ­Hyundai Veloster, den Mazda RX-8, den Peugeot RCZ oder besonders jetzt den Toyota GT 86 zu den heimlichen Kings of Hearts zu zählen. Wir behaupten, dass gerade diese Coupés, der Eleganz des Alltäglichen zugeneigt, den mündigen Autofahrer auszeichnen. An Coupés erkennt man Fortgeschrittene. Die haben sich nicht von Familienräson, Klappvariationen und „Have-the-cake-and-eat-it“-Versprechungen leiten lassen, sondern fanden zu einer neuen (wieder erlangten) Unabhängigkeit des Anspruchs an das aktive Autofahren. Dieses kann flott sein, muss aber nicht. Es ist selbst­bestimmt, kurvensensibel, erlebnisorientiert. Es kann zudem unsere Daseinsqualität auf das gewisse Momentum heben, das jetzt und später zählt. Coupés markieren eine Schlüsselstelle des Autofahrens, welches man im Begriff ist, uns freundlich zwinkernd zu entwinden in die Gefilde von Assistenzsystemen, Sicherheits­tuchenten und anderen Wohlfühlparametern. Man enthebt uns des Lebens 1.0. Fuck the safety generation with their earplugs and their bicycle helmets and their not going in the river unless they have their aquasocks on. (Vice Magazine S/S 2011).

Nostalgiealarm? Alles besser früher, hä? Ich weiß es nicht. Unmittelbarer gewiss. Es gab den Joe mit dem Manta, das war seine schwarz/orange Epoche mit dem rätselhaft schweigsamen Mädchen, und wenn ich ihn auch sonst kaum kannte, so war er zweifellos ein Fixpunkt in der Mitte der Zeit und des Erlebens, genau wie Bobby mit dem Capri und Gerstl-Pi mit dem Spitfire und d’Ehre, ihr Knülche, ich hau ab nach Kreta!

Wir bekümmerten uns um die kommende Generation Golf: Vaters Fronttriebler, wie soll man da mit Anstand um die Kurve kommen? In Susanne Hofbauers Interview (Autorevue Extra 2012) beteuert Tetsuya Tada, Chefentwickler des GT 86, wie ernst es ihm von Anfang an war mit der Rückkehr zum Einfachen, zur Grundlage des Autofahrens: „Der Fahrer ist der Star.“ Was für eine Wohltat. Weg mit HiTech, Allrad, HiGrip-Felgenschonern. Her mit einer aufregenden, aber klassischen Karosserieführung, mit einem aberwitzig hochdrehenden Motor (Boxerprinzip, wie bei Porsche) und ­knochentrockener Fünfgangschaltung, mit sportlich definierter Sitzkiste und kleinem Sportlenkrad. Heckantrieb!

So kann auch der GT 86 wieder eine echte, unverbrüchliche Gegenwart mit Zukunftsindex markieren, wie sein Zwilling, der Subaru BRZ, sowie deren Drilling, der Scion FR, wie das Label-Spin-off in den USA heißen wird.

Zukunftsindex? Ja, denn Autos wie der GT 86/BRZ werden noch als Gebrauchtwagen besonders interessant. Was für trostlose Grauwerte des Mittelmaßes sind heute hinter den Zäunen einst verheißungsvoller Vorstadthändler angesiedelt. Klar, die Zeiten, als man auf der Simmeringer Hauptstraße noch einen gelben Miura in zweiter Reihe erkannte, als ich um 20.000 Schilling eine fahrbereite Fulvia im Rallyetrimm erwerben konnte, sind vorbei. Was würde ich heute wählen? Einen 190er-Mercedes, weil er so coole Blechfelgen hat? Einen tiefergelegten Zweiergolf? Einen Alfa Spider der achtziger Jahre? Einen Opel Calibra? Am ehesten noch einen ausgemusterten Feuerwehr-Land-Rover, obwohl die alle verschwenderische Benziner sind wegen der entbehrlichen Vorglühzeit.

GT 86 und Freunde – die Hoffnung unserer Zukunft aus Zweiter Hand. Warum die aus Asien kommen muss, wie einst das angewandt machbare Roadsterglück, der Mazda MX-5? Irgendwas ist ganz schrecklich schiefgelaufen. Wo ist das ­appetitliche deutsche Coupé zum Einstiegspreis? Wer denkt an die ­Jugend und ihre bemühten Omas? Was bekommt man um 20.000 Euro, die auch schon viel Geld sind? Einen A1 Sportback TDI Attraction mit 90 PS. Einen Seat Leon TDI mit 105 PS. Einen Golf Plus TSI mit 105 PS. Schreiende Vernunft! Um halbwegs ­vorstellbare 30.000 Euro sind nur drei Anwärter zu sehen: Hyundai Veloster, Peugeot RCZ (beides Fronttriebler). GT 86 ­(später noch der Subaru BRZ).

Dabei geht es gar nicht um ­Leistungsausbeute, sondern um ein verloren gegangenes Lebensgefühl, ein Zugeständnis an die Liebenden. Es heißt immer, der Markt, der Kunde entscheidet, aber zuletzt kommt raus, dass die Hersteller den Rand nicht voll kriegen und im Baukasten­system immer abstrusere Krokonilgurus kreieren, Nischenmodelle, oben Krokodil, unten Nilpferd und in der Mitte Känguru.

Erstaunlich, was ein Auto auslösen kann. Hätte Opel jüngst etwas Vergleichbares wie den Ur-GT herausgebracht, wir würden die Marke ganz anders sehen. Stattdessen haben sie sich mit einem überteuren GT Roadster wichtig gemacht, den sich keiner leisten will. Nachgeweint wird immer noch dem „Nur-Fliegen-ist-schöner“-GT von 1968. Audi, BMW, von Mercedes gar keine Rede – was ist los? Wir fordern das EINFACHE Auto, denn allmählich dämmert uns, dass hier die wahre Könnerschaft des Autobauens liegt – nach unten zu mutig zu sein, wo der Nachwuchs wartet. Es gibt vor lauter ­Sicherheit und Sauberkeit keine reparierbaren, ­überschaubaren ­Autos mehr, bald wird alles versiegelt und wir dürfen nur mehr unter drei Fahrmodi und dreitausendvierhundertzwölf Ausstattungsvarianten wählen. Da nehmen wir doch lieber einen GT 86.

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