Der Anglia für Handwerker
Der Anglia für Handwerker
 

Ford Thames Van – Es muss nicht immer Ferrari sein

Es gibt Oldtimer, die interessiert zumindest bei uns niemand. Dabei haben Fahrzeuge wie der Ford Thames Van von 1961, auf Basis des Anglia 105E, durchaus Charme.

13.07.2014 radical mag

In Ferrari-, Lamborghini– und Porsche-geschwängerten Ländern wie der Schweiz sind Oldtimer-Nutzfahrzeuge einfach: nicht gefragt. Okay, nur wenn wir den Mini Van ausnehmen. Aber ein Lieferwagen auf Basis der Ford Anglia ist nicht das, was Oldtimerfreunden feuchte Träume beschert. Dabei sind es gerade diese Fahrzeuge, welche als echte Zeitzeugen dienen. Sie zeigen, wie das echte Leben damals war. In welcher Umgebung ein Fahrer seinen Tag verbrauchte, wenn er Backwaren auslieferte oder als Klempner unterwegs war. «Unser» Thames Van stammt aus dem Jahre 1961, wird von einem Vierzylinder-Benziner mit einem Liter Hubraum angetrieben und verfügt über ein manuelles Getriebe mit vier Vorwärtsgängen.

Video: Ford Thames 1958

Der Arbeitsplatz des Fahrers ist – sagen wir mal karg

Genau wie der Platz für den Beifahrer. Dafür gibt’s innen für ein Fahrzeug dieser Größe extrem viel Platz fürs Ladegut, große Türen am Heck und so etwas wie Komfort – nämlich eine Heizung. Der Thames Van basiert auf dem Ford Anglia, einem Pw-Modell welches von Ford ab 1948 unter diesem Namen angeboten wurde. Es gibt auch noch einen «echten» Thames mit der Modellbezeichnung Trader und E400. Dieser war ein Kleinlaster, der ebenfalls von Ford of England entwickelt und produziert wurde. Technisch ist der Thames Van also ein Personenwagen. Die technische Basis «klaute» man beim Anglia (Typ 105E), unser Exemplar verfügte zudem über eine erhöhte Nutzlast (7cwt, also 350 statt 250 kg). Einher mit der größeren Nutzlast gingen Chromzierrat an den Scheinwerfern und an der Windschutzscheibe. Gekostet hat das Teil damals 447 britische Pfund, was damals ein durchaus akzeptabler Preis war._Ford-Thames-Van-innen2

Fahren ist mit dem Thames Van eine einfache Sache

Wenn man den ersten Gang pfleglich behandelt, lässt sich der kompakte Lieferwagen wieselflink bewegen. Jeder Befehl des Fahrers wird spür- und hörbar umgesetzt, die Lenkung ist einigermaßen direkt nur die kleinen Räder sind heute sicher nicht mehr zeitgemäß. Und natürlich die Leistung. Gemäß Ford soll der Nutz-Anglia bis zu 76 Meilen pro Stunde schnell sein. Das getraut man sich aber höchstens nach dem Genuss von ein paar Pints of Lager. Immerhin, wir sind im Verkehr in der Grafschaft Chisester locker im Verkehr mitgeschwommen. Die Übersicht ist trotz fehlenden Seitenscheiben hinten okay, die Bedienung gibt keinerlei Rätsel auf. Kein Wunder, die Funktion der paar Hebelchen kann man sich sehr schnell merken. Das Fahrwerk ist auch in unbeladenem Zustand sehr bequem, die Sitze allerdings dürfte man wegen der Suva wohl heute nicht mal mehr in einer Gartenwirtschaft einsetzen. Die Innenausstattung erinnert zuweilen einen Citroën 2CV._Ford-Thames-Van-schalter

Gebaut wurden die Thames Van bis 1967

Unser Exemplar ist im Besitz der «Ford Heritage Collection». Die mussten das Auto nicht kaufen, sondern bekamen den Van geschenkt. Ihr Ehemann, e. W. Henderson hatte fast sein ganzes Leben im Ford-Werk in Dagenham gearbeitet. Nach seinem Tod sollte durch den Thames Van die Erinnerung an ihn wach gehalten werden, deshalb trägt das Auto auch seinen Namen auf den Seitenteilen. Dieses Auto wird nie als Edel-Oldtimer an irgendwelchen Auktionen Höchstbeträge erzielen. Aber, der Anglia für Handwerker ist ein wunderbarer Zeitzeuge und irgendwie erzählt er seinem Fahrer on the road wunderbare Geschichten von früher. Man muss nur genau hinhören.

Vielen Dank an die Kollegen von radical-mag.com

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