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Henry Ford II bei den 24 Stunden von Le Mans 1966
 

Wie alles begann mit dem Ford GT40

Sind es Zufälle oder Momente des Schicksals? Auf jeden Fall sind es Zusammenhänge, die vor 50 Jahren den Ford GT40 zum Gewinner der 24 Stunden von Le Mans machten.

17.06.2016 radical mag

In der Geschichte geht es – immer – um Zusammenhänge. Auch bei den Automobilen entstand kaum je etwas aus dem Nichts, ohne klaren Grund oder ohne weitere Erklärung. Es soll deshalb das Thema «50 Jahre Ford GT40» etwas breiter angelegt werden, es sei versucht zu er- und begründen sowie auch noch zu verstehen, wie es dazu kommen konnte – und warum. Keine Angst, es beginnt hier nicht bei Adam und Eva und auch nicht bei Bertha Benz, aber etwas weiter zurück als bloß in Jahr 1966 sei geschaut – und dafür dann auch noch darüber hinaus.

Ford-GT40
© Bild: Ford Motor Company

Es beginnt mit Henry Ford II

Doch, es sei weit zurückgeblendet, ins Jahr 1917, zum 4. September, denn an jenem Tag erblickte Henry Ford II, Sohn von Eleanor Clay und Edsel Ford sowie Enkel von Henry Ford, das Licht der Welt. Henry der II. wuchs sehr behütet auf, genoss eine vorzügliche Ausbildung, zum Schluss an der Yale University, doch er schaffte dann halt leider keinen Abschluss (was ihn sein ganzes Leben ärgern sollte). 1943 starb sein Vater Edsel, doch weil «HF2», wie er auch genannt wurde, noch kaum Ford-Erfahrung hatte, übernahm sein Großvater wieder die Macht im Unternehmen. Erst am 21. September 1945 durfte Henry Ford II. das Ruder in die Hand nehmen.

Turnaround Dank Whiz Kids

Es waren schwierige Zeiten, Ford ging es nach dem Krieg gar nicht gut. HF2 begann eine aggressive Personalpolitik, heute die so genannten «Whiz Kids» an, bestens ausgebildete junge Männer, die er teilweise aus der Navy kannte, darunter etwa Robert McNamara, den späteren amerikanischen Verteidigungsminister, oder auch Lee Iacocca, von dem hier noch viel die Rede sein wird. Schon 1949 war der Turnaround wieder geschafft, Ford hatte innerhalb 18 Monaten eine komplett neue Fahrzeug-Generation entwickelt, von der am ersten Tag, als sie auf den Markt kam, über 100.000 Fahrzeuge bestellt wurden.

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© Bild: Ford Motor Company

Hank the Deuce

Man darf davon ausgehen, dass «Hank the Deuce» (also: der Zweite, aber auch: der Teufel) ein eher schwieriger Charakter war. Er war ein verwöhntes, dickliches Kind gewesen, hatte wenige Freunde, einen schwächlichen Vater und einen übermächtigen Großvater – und er führte ausgesprochen autoritär. Er umgab sich gerne mit alten Militärfreunden, liebte klare Hierarchien – und übte auf seine Mitarbeiter heftigen Druck aus. Wer in sein Büro im Ford-Glaspalast bestellt wurde, der erhielt kaum je gute Nachrichten, er fällte seine Entscheidungen schnell und brutal. Und HF2 tat alles, um seinem ärgsten Konkurrenten General Motors schaden zu können – gerne warb er auch Manager ab und zahlte ihnen absurde Honorare.

Außergewöhnliches Privatleben und berühmtes Testament

Auch sein Privatleben war etwas außergewöhnlich. HF2 hatte 1940 Anne McDonnell geheiratet, mit ihr drei Kinder, Charlotte, Anne und Edsel II. Doch schon in den 50er Jahren hielt er sich in Italien eine (teure) Geliebte, Maria Cristina Vettore (siehe unten), die er nach der Scheidung von Anne im Jahre 1964 ein Jahr später zur Gattin nahm. Auch diese Beziehung hatte keinen Bestand, 1980 ließ er sich scheiden und heiratete sofort Kathleen DuRoss. Berühmt ist auch sein Testament, auf Video aufgenommen und live ausgestrahlt, in dem er seine leiblichen Kinder enterbte, sein gesamtes Vermögen Kathleen und ihren Kindern vermachte – und damit in der Ford Motor Company ein 20 Jahre dauerndes Machtvakuum bescherte. Henry Ford II starb am 29. September 1987 im Alter von 70 Jahren.

henry Ford II Maria Cristina Vettore
© Bild: Ford Motor Company

„Es war, als ob ich zu Gott gerufen wurde“

Aber damit ist diese Geschichte hier natürlich noch nicht zu Ende, es sei ja etwas erzählt, wie Henry Ford II, der mit Rennsport, überhaupt Sport gar nichts am Hut hatte, dazu kam, die Ford Motor Company in die Schlacht um die 24 Stunden von Le Mans zu schicken. Selbstverständlich gehören da ganz viele Faktoren dazu, etwa der «Federal-Aid Highway Act», mit dem Präsident Eisenhower satte 100 Milliarden Dollar in ein funktionierendes Straßensystem quer durch die USA pumpte, etwa der simple Satz «beat Chevrolet», mit dem Hank the Deuce seine Mitarbeiter seit Anfang der 50er Jahre anzutreiben pflegte. Doch ganz wichtig ist ein junger Mann namens Lido Anthony Iacocca, der direkt nach dem Krieg bei Ford angeheuert hatte. Für ein Gehalt von 185 Dollar im Monat. 1960 war der Mann aus einfacher Abstammung Marketing-Chef der Ford-Trucks-Abteilung, als er am 10. November ins Büro von HF2 gerufen wurde. Als er es einige Stunden später wieder verließ, war er Vice President und General Manager der gesamten Ford Division. «Es war, als ob ich zu Gott gerufen wurde», sagte Iacocca später zum wohl wichtigsten Tag in seiner Karriere.

Lee Iacocca
© Bild: Ford Motor Company

Ein Zahlenmensch

Iacocca war der geborene Verkäufer. Und ein herausragender Stratege. Und vor allem ein fantastischer Analytiker. Er ließ sein Team alle damals vorhandenen Zahlen sammeln, rechnete etwa aus, dass im Jahr 1970 mehr als die Hälfte aller Amerikaner zwischen 20 und 28 Jahren alt sein würden – und dass Ford alles daran setzen musste, die jungen Käufer zu begeistern. Bloß, drüben in Detroit bei General Motors, da schlief die Manager-Kaste ja auch nicht – und sie war schon früher als Iacocca zum gleichen Schluss gekommen, brachte die Autos auf den Markt, die Iacocca eigentlich bei Ford bauen wollte. Es war damals, im Frühjahr 1961, als im Kopf von Iacocca ein Fahrzeug entstand, das als Konzept noch Torino hieß und eine ganz andere Geschichte ist, die wir hier nicht auch noch erzählen wollen.

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© Bild: Ford Motor Company

Das große Rennen beginnt

Ungefähr zeitgleich, im Februar 1961, gewann ein Mann namens Marvin Panch die Daytona 500, das damals neben Indianapolis wichtigste Motorsport-Rennen in den USA. Mister Panch ist nicht weiter von Bedeutung für die Automobil-Geschichte – dass er seinen Sieg auf einem Pontiac erreichte hingegen schon. Zwar gab es seit 1957 die «Safety Resolution» in der sich die amerikanischen Auto-Hersteller verpflichteten, weder aktiv Rennsport zu betreiben noch in der Werbung Begriffe zu verwenden, die irgendwie mit «speed» hätten in Verbindung gebracht werden können. Es war aber ein offenes Geheimnis, dass General Motors heimlich sehr viel Geld investierte, um in sämtlichen Rennklassen Erfolge einzufahren. Und so gewann Chevrolet 1961 von 42 ausgetragenen NASCAR-Rennen deren 41. Und im Mai 1962 war der Marktanteil von GM im Vergleich zum Vorjahr von 49 auf 61,6 Prozent gestiegen. Am 11. Juni 1962 unterschrieb Henry Ford II eine von Lee Iacocca verfasste Presse-Mitteilung, in der er ankündigte, dass sich die Ford Motor Company zukünftig nicht mehr an die «Safety Resolution» halten werde. Das große Rennen konnte beginnen.

Teil 2 der Ford GT40-Geschichte

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

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