Im Schatten des Apfelstrudels

In Süditalien, sogar noch unterhalb von Palermo, stand ein Fiat 130 Coupé in einer Garage. Dort konnte es nicht bleiben – ein feingeistiger Fan holte es nach Tirol.

20.02.2013 Online Redaktion

Ist das Glück einem hold, kommt man als Tiroler zur Welt und aalt sich zeit seines auserwählten Lebens im Glanze des provozierend nahe gelegenen Jaufenpasses. Kolsass ist dafür ein passender Ort. Von hier aus braucht der ambitionierte Reiter grölenden Eisens 75 Minuten zum besten Apfelstrudel aller Zeiten und Welten. Den gibt es im Gasthaus Passo die Monte Giovo – nomen est omen oben am Jaufenpass.

Jürgen Schnaller, Triumph-Händler, ehemaliger Motorradrennfahrer und Liebhaber feingeistiger Oldtimer, ist so ein ­Reiter. Regelmäßig sitzt er um sieben Uhr morgens auf seinem Bock, trifft ein paar Freunde, und hoch geht es im Galopp zum süßen Frühstück. Und hier oben, das ­können wir uns nicht anders erklären, wird er nostalgisch.

Fiat 130 Coupe Oldtimer Gebrauchtwagen Testbericht Oberklasse Sportler Klassiker

Damals, in den 1970ern, war er Motorradrennfahrer. 250er und Superbike. Sein Freund und Sponsor fuhr damals ein silbernes Fiat 130 Coupé. Ein Auto, das die Italiener 1971 geradezu für den Tiroler ­erfanden. Tadellose Oberklasse mit einer Grundausstattung an Ästhetik und Lebens­gefühl. Da konnten die Deutschen (noch) nicht mithalten, Bruno Saccos Rolle als stilbildender Held für Mercedes sollte erst 1975 erfunden werden.

Für Motorradrennen wurde Schnaller nicht geboren. Es gab ein paar Achtungserfolge wie den Sieg beim Hondacup 1979 oder die Teilnahme an der Europameisterschaft, aber alles in allem fehlten ihm der Speed und die Risikobereitschaft. „Mich hat es in sieben Jahren zwei Mal hingeworfen. Das ist zu wenig“, fasst er seine Kar­riere zusammen. Eine unglaublich depperte Verletzung beendete dann die stockende Laufbahn: Mit einer Limoflasche in der Hand stolperte er, die Scherben durchtrennten Sehnen und Muskeln der rechten Hand. Das war 1981. Heute ist Schnaller erfolgreicher Triumph-Händler.

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Vielleicht hat er eines Morgens bei ­einem Apfelstrudel an all das gedacht, vielleicht ist das auch nur eine esoterische ­Erklärung. Auf jeden Fall beschloss er, sich ein Fiat 130 Coupé zu kaufen. „Ich will nicht sagen, dass ich mir die Jugend zurückkaufen wollte … aber ein bisserl ist es schon so.“ In ausgezeichnetem Zustand musste das Coupé sein, denn Schnaller ist kein Bastler. Wenige Kilometer musste es haben, denn, seien wir ehrlich, es ist ein Fiat, da sollte man auf Nummer sicher gehen.

Der Fiat 130, ob als Limousine oder Coupé, war aus der Art geschlagen. Zwar verstand sich die Marke immer darauf, seinen sonst eher bodenständigen Modellen ein paar Extravaganzen zur Seite zu stellen, doch alles in allem war es eine Marke klarer Verhältnisse. Der 8V (sprich: Otto Vu) war mehr eine Ehrensache als ein ernstgemeintes Modell. Der 1100er versuchte gar nicht, luxuriöser zu wirken, als er war, konnte aber sportliche Erfolge nachweisen und bekam eine Pininfarina-Hülle übergeworfen, die ihn über alles erhob. Ähnliches galt für den 2300er – kraft seiner Optik etwas Besseres, aber beim Klimmzug zur Oberklasse blieb er auf halbem Weg stecken.

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Das war früher nicht verwerflich. ­Ansehen holten sich die Autohersteller ­damals tatsächlich noch im volksnahen Motorsport: Rallye-Kadette, RS-Escorts, R5-Alpines, Golf GTIs und eben Abarths.

Der 130er aber war für die Reichen und Schönen und nicht für laute Natur­burschen gedacht. Eine Oberklasse-Verwandtschaft in der Familie tat dem Renommee eben noch immer gut. Servolenkung, Klima­anlage und Automatik gab es serienmäßig. Leder im Prinzip auch – denn der grell­orange Stoff, der ohne diese Option drin gewesen wäre, stand außer in Blindenschulen überall unter Strafe. Der Innenraum wurde von echtem Holz durchzogen, das Lenkrad war höhen- und längsverstellbar.

Für das Fiat 130 Coupé, das 1971 erstmals auf den Markt kam, hatte Fiat einen eigenen Motor entwickelt. 3,2 Liter, sechs Zylinder, 165 PS. Erst später sollte das Aggregat auch den Weg in die Limousine finden.

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Um es kurz zu machen: das Auto ­floppte – 4493 Stück wurden gebaut. Es war kein tiefer Griff ins Klo, aber eben doch ein wirtschaftliches Hoppala. Preis und Image passten nicht zusammen. Das 130 Coupé kostete 290.000 Schilling. Um dasselbe Geld gab es einen BMW 3,0 CSI oder ein Ferrari Dino 246 Coupé. Wer damals Fiat hörte, der dachte nur an Rost, Kleinwagen oder Motorsport, aber nicht an die Oberklasse.

Jürgen Schnaller wusste das alles und wusste auch, dass er nur in Italien fündig werden würde. In England wurde jüngst ein 130 Coupé in dem Zustand, der ihm vorschwebte, um 18.000 Euro verkauft. In Deutschland und Österreich sind die Kilometerstände der Autos zu hoch, für Einser-Zustände werden 21.000 Euro aufgerufen.

Hier sein Geheimtipp: Rasterfahndung in Süditalien. Alles unterhalb von Rom lohnt sich als Suchgebiet. Sind die Ortschaften etwas im Landesinneren, gibt es keine Rostprobleme. Autos haben hier ­wenige Kilometer auf dem Tacho (oder ­exorbitant viele), und sie haben wenige Vorbesitzer. In Castelvetrano wurde er fündig. Südlicher geht es nicht. Wer von ­Palermo nach Tunesien möchte, kommt auf halbem Weg daran vorbei.

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Das Auto war ein Schnäppchen. So ­günstig, dass der Preis hier nicht stehen darf. Die Tochter des Erstbesitzers verkaufte es. 12.300 Kilometer standen auf der Uhr. Ein Vorführwagen, sozusagen. Fran­cesco Bianco, dem Erstbesitzer, ging es in den 1970ern sehr gut. Er arbeitete in ­Venezuela in der Metallindustrie. Damals war es praktisch unmöglich, das Auto nach Südamerika zu schaffen, also blieb es in Italien und wurde nur im Urlaub gefahren. Später hat man es in der Garage geparkt, eine Plane drübergeworfen und vergessen.

Bei der Erstbesichtigung steckten die Bremsen fest und Kühlwasser lief aus. ­Familie Bianco ließ alles reparieren, und Schnaller konnte auf eigener Achse heimfahren. Auf die Fähre schaffte er es. Wieder runter nicht. Das Auto sprang nicht an, und bei einem Automatikgetriebe hilft anschieben nichts. Ein Schlag mit dem Raddrehschlüssel auf den Magnetschalter vom Starter, und das Auto lief. Bis nach Kolsass sollte Schnaller den Wagen nicht mehr abstellen. Auch nicht beim Tanken.

Das Coupé entpuppte sich als Traum­wagen. Quasi alles, was den Charme dieses Fahrzeugs ausmachte, ist auch heute noch erhalten. Die hinteren Fenster lassen sich nur einen Spalt öffnen. Dafür zieht man an einem kleinen Hebel. Die Sensa­tion: alles dicht. Vorne gibt es elektrische Fenster­heber. Sind die kaputt, kann man mit ­einem Spezialschlüssel, der ein wenig so aussieht wie ein IKEA-Imbusdreher, die Scheibe manuell herunter- oder herauf­kurbeln. Der originale Plastikgriff liegt noch im Handschuhfach. Neben einem Stapel ­Musikkassetten: Mauro Caputo, Tony ­Astarita, Nino D’Angelo, Angela Luce. Originaler war das Auto nicht einmal neu. Am Rückspiegel baumelt ein roter Glücksbringer. Original aus den 1970ern. Im Handschuhfach liegt der Gleiche noch einmal in Rosa. Originalverpackt.

Reparaturen sind bei diesem Auto nicht einfach. Schnallers Coupé ist Nummer 4422 – von, wie gesagt, nur 4493 Stück. Scheinwerfer beispielsweise gibt es noch. Kosten aber rund 1.000 Euro das Stück. Wie überhaupt Reparaturen an der Karosserie kostspielig sind bei seltenen Autos. Technische Probleme sind dagegen keine Herausforderung. Die meisten Teile finden sich auch in anderen Modellen.

Die Lenkung ist präzise, das Fahrwerk aber sehr weich. Das ist erstens kein Wunder, die hinteren Stoßdämpfer müssen dringend ausgetaucht werden, andererseits aber auch systemimmanent. Der Charakter dieses Autos entspricht nach heutigen Maßstäben dem einer Reiselimousine. Nicht dem eines Sportcoupés. Aber das ist eben auch die italienische Definition der Oberklasse. Dolce Vita findet man nicht driftend auf einem Bergpass. Sondern ganz oben neben einem Apfelstrudel. 

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