Ferrari F12 Berlinetta
Dieses Auto färbt auf den Fahrer ab wie keines zuvor.
 

Vorstellung: Ferrari F12 Berlinetta

Dieses Auto lässt uns nicht nur reicher erscheinen, sondern insgesamt und überhaupt besser.

15.11.2012 Autorevue Magazin

Es gehört wohl zu den nicht sehr dankbaren Aufgaben, ständig Superlative knacken zu müssen. Insofern erscheint es auch nicht leicht, einem Ferrari 599, dem bisherigen Top-Modell, dem Vorgänger des nunmehrigen Ferrari F12, noch was draufzusetzen. Rein technisch wäre ja vieles möglich, aber all das Wettrüsten noch im positiven Sinn erlebbar zu machen, das ist die hohe Kunst, um die es hier geht.

Mythisches und Mystisches mal beiseite: Ferrari ist der einzige Hersteller, der in der Formel 1 keine einzige Saison pausiert hat, immerhin seit 62 Jahren. Niemand bildet also derart konsequent im Hintergrund das Ansinnen ab, nicht nur Sportwagen zu bauen, ­sondern Rennwagen für die Straße. Das ist ein weiter Spagat, und der ist in der Unternehmensgeschichte auch nicht immer gelungen. Die Reiferen unter uns erinnern sich an dieser Stelle unvermeidlich an die legendäre Kulissenschaltung. Sie hakelte zeitlebens, und wer sie kritisierte, geriet in schweren Verdacht der Blasphemie, also so etwas wie Enzo-Lästerung.

Ferrari F12 Berlinetta

Doch jetzt kommt wieder Schwung in die Idee vom endgültigen Automobil, dessen Hauptzweck das Fahren an sich ist. Ferrari verkauft so ­viele Autos wie nie zuvor und macht auch noch echt Kohle damit. Mit rund 7000 gebauten Stück jährlich ist das trotz gefühlt sehr hoher Preise nicht ganz leicht. Daran könnte man die allgemeine Mutmaßung festmachen: Je mehr das Auto bedroht wird, umso heftiger setzt es sich zur Wehr.

Der Punkt ist nämlich, dass Ferrari keinerlei so genannte Synergieeffekte zur Verfügung stehen. Bei der derzeitigen Modellpalette von Fiat kann man sich nicht viel von der ­Serie ausborgen. Insofern unterscheidet man sich grund­legend etwa vom Nachbarn Lamborghini, der in die Audi-Schublade greifen kann und dies auch tut, beileibe nicht nur zur Freude der Enthu­siasten.

Ferrari F12 Berlinetta

Zur Sache. Der Ferrari F12 Berlinatta gehört mit seinen 740 PS zu den stärksten Serienautos der Welt. Dass er vieles kann, was uns gleichermaßen hübsche wie kompetente Testfahrer mit fiebrigem Blick vorführen, wollen wir in Demut zur Kenntnis nehmen. Denn schon ohne halsbrecherische Manöver erschließt sich dieses Automobil weitestgehend und präzise. Der F12 erklärt sich selbst geradezu dienstbeflissen, Stück für Stück.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass wir nach scharfen Runden auf der Ferrari-Teststrecke in Fiorano auch mit 40 km/h entspannt durch das propere Städtchen Maranello schlurfen durften. Dass wir dabei an keinem der zahlreichen schlafenden Polizisten je aufsaßen, bemerken wir durchaus mit sachter Verwunderung. Diese gleichzeitige Eignung für den Boulevard ist natürlich essenziell. Sehnsüchte werden transportiert, Projektionsflächen gebildet. Insofern ist schon jeder Auftritt eines derartigen Auto­mobils eine Performance, selbst wenn man gerade nur 7,4 von 740 PS abruft. Dies ruft uns wiederum die Eindeutigkeit eines Automobils als Kulturgut in Erinnerung, ­hierarchisch weit oberhalb des simplen Konsumguts.

Stichwort selbsterklärend: Es ist völlig wurscht, wie du mit dem Auto fährst, die ­Lenkung arbeitet in jeder ­Lebenslage exzellent. Selbstverständlich ist das Fahrwerk intelligent und mit der Motorsteuerung verknüpft. Die Keramik-Carbonfaser-Bremsen sind überhaupt die ersten, die sich in jedem Zustand, auch kalt, gleich nach dem Losfahren völlig stressfrei ­dosieren lassen. Der Supersportwagen, der dich in Ruhe lässt, der dich nicht nervt, der dir alles bietet, aber nichts ­aufdrängt. Der Wagen ist in seiner Rolle so überzeugend, dass er es nicht notwendig hat, mit irgendwelchen Härten auf ­seine Außergewöhnlichkeit aufmerksam zu machen.

Ferrari F12 Berlinetta

Das geht natürlich nur, weil das ganze Konzept sehr schlüssig ist. Beim Zwölfzylinder stört naturgemäß kein Turbo die Harmonie des Leistungsaufbaus. Das Mittelmotor-vorne-Konzept mit einer leichten Überlast an der Hinterachse (56 Prozent) erlaubt es, dieses Auto trotz des gewaltigen maximalen Drehmoments von 690 Newtonmeter auch ohne Fahrdynamikregler zu fahren, wenngleich dann schon ein zartes Gasfußerl vonnöten ist. Und keine Werkstoffexperimente: Alu ist leicht, technologisch gut beherrschbar und reparabel. Das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe lässt sich über die Paddles genussvoll schalten, sichert das ganze System auch noch gegen Fehlbedienung ab und beseitigt ­damit ein nicht unerhebliches all­gegenwärtiges Risiko. Zwecks Harmonisierung der Bewegung und Erbauung aller ­Beteiligten ertönt beim Anbremsen der Kurven Zwischengas.

Das Wesentliche ist also der weite Spagat zwischen echter Sportlichkeit in absoluten ­Racing-Dimensionen und sanften Alltagsmanieren. Deshalb sei darauf hingewiesen, dass unter der mächtigen Heckklappe sogar ein Golfbag Platz hat, dass das Aus- und Einsteigen auch in fortgeschrittenem Alter, selbst mit Ansätzen leichter Gebrechlichkeit in Würde, ja sogar in ­Elegance erfolgen kann. Weitere Annäherungen an ein breiteres Publikum sind daraus nicht abzuleiten. Ferrari-Boss Luca Cordero di Montezemolo bestätigt es abermals in herzhaftem Roberto-Benigni-­Englisch: „Ferrari would ­neverrr do a SUV, four doors, a small Ferrari orrr an electric car.“

Der Ferrari F12 Berlinetta im Video:

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