Ferrari 458 Italia Spider Exterieur Dynamisch
Der spider ist muskulöser als das Coupé.
 

Vorstellung: Ferrari 458 Italia Spider

Wir fuhren die neueste Geräuschpeitsche und lernten, dass die wirklich große Automobilbaukunst auch ohne Kaschmir auskommt.

15.12.2011 Autorevue Magazin

Knallroter Schlüssel, echtes Drehschloss, eine der wenigen Erinnerungen an die alten Zeiten, als Autofahren noch schwierig war. Der Startvorgang ist ein ­genervtes Bellen, ausgelöst per Knopfdruck am Lenkrad. Das ist der Achtzylinder hinter den Sitzen, der uns schon im geschlossenen Italia anrotzte. Ein wenig Gas im Leerlauf: Wir hören Kerberos, den fünf­köpfigen, riesigen Hund aus der Unterwelt, wie er vor Wut schreit. Er ist in einer hausgroßen Blechdose eingesperrt.

Ferrari 458 Italia Spider Exterieur Statisch

Ferrari 458 Spider – Wer ihn hört, ist verloren.

Ein Auto, das über die Ohren ins Herz findet. Das ist bei Supersportautos grundsätzlich möglich, im Ferrari ist es in größter Konzentration um­gesetzt. Wer ihn sieht, ist erfreut. Wer ihn hört, ist verloren.

Der geschlossene Italia prägte den Supertest mit seinen Musiken, siehe weiter hinten in diesem Heft. Der Ferrari 458 Spider klingt im Prinzip gleich, wird aber vom Fahrer anders rezipiert, da dieser im Freien sitzt und von hinten durch wenig Filterung hindurch angeröhrt wird. Man gebe mal mit offenem Verdeck in einem Tunnel Gas und kann sich dann lebhaft vorstellen, wie der Urknall geklungen hätte, wäre damals schon Luft dagewesen. In der Tat ist der Beschleunigungsvorgang etwas, das vor allem akustisch als Luftvibration wahrgenommen wird und dann erst als Wirkung von G-Kräften.

Ferrari 458 Italia Spider Exterieur Dynamisch

Die beginnt man zu erahnen, nachdem man sich ein wenig eingehört hat. Schicht für Schicht erschließen sich dem geneigten Piloten dann die Tiefen des Spider. Da ist das Lenkrad, ein drehbares Arbeitsmodul. Rechts unten der Manettino-Drehschalter. Manettino ist ein possierliches Wort, aber damit werden sehr ernsthafte Dinge gemacht, nämlich die Einstellungen für Schaltgeschwindigkeit, Gaspedal-Kennlinien, Stoßdämpferhärte über die Programme Wet, Sport und Race vorgenommen. Sport ist normal. Race ist auf enger Straße nicht zu empfehlen, nur auf der Rennstrecke, Sie haben doch eine, oder?

Vor dem Lenkrad fix montiert sind die beiden großen Schaltwippen. Sie setzen den Fingern einen ganz kleinen Widerstand entgegen, der graphisch mit einer Parabel dargestellt werden kann: Am Scheitelpunkt ist der höchste Widerstand. Es ergibt sich daraus eine Art flutschiges Gefühl, ein Wohlbefinden für den Sekundenbruchteil. Das ist kein Zufall, sondern von den Ferraritechnikern so berechnet und gebaut, ein Beispiel für die überaus hohe Dichte an sehr kleinen Details, die man kaum wahrnimmt, die in Summe aber das große Werk ausmachen.

Ferrari 458 Italia Spider Exterieur Motor

Und dieses große Werk, darin stimmen viele überein, ist noch schöner geworden als das große Werk des Coupés. Denn das läuft Richtung Heck doch eher unspektakulär aus, während der Spider diese beiden Finnen hinter den Sitzen hat, die dem Luftfluss zum Motor und zu den Ölkühlern von Kupplung und Getriebe dienen, mag sein, aber mindestens so sehr dienen sie der Skulptur. Man nimmt das von schräg hinten/oben am besten wahr. Das Heck als solches mit diesen runden Glotzscheinwerfern ist sowieso bei beiden Varianten die schärfste Ansicht.

Wenn einem die 35.000 Euro Mehrpreis egal sind, und das sollten sie wohl sein, ist der Ferrari 458 Spider die bessere Wahl, denn er ist ja zwei Ferraris, ­vollwertiges Coupé und vollwertiges Cabrio. Die 50 Kilo Mehrgewicht sind durch den Verzicht auf Beifahrer schnell wettgemacht.

Ferrari 458 Italia Spider Exterieur Statisch

So ist auch der Ferrari 458 Spider ein leichtes Auto, und das Gewicht ist gut verteilt: hinten 58 Prozent. Von der Karosserie geführte Jetstreams drücken den Wagen bei hohem Tempo zu Boden. Hohes Tempo ist über 300 km/h. So schnell sind wir nicht gefahren, denn sie haben uns den Spider in den Bergen rund um die italienische Burg Canossa in die Hand gegeben, König Heinrich (später Kaiser Heinrich IV.) wurde dort vor über 900 Jahren erniedrigt und wieder erhoben. Wir wurden nur erhoben.

Allerdings sind die Straßen zuweilen etwas eng. Das Doppelquerlenker-Multilenker-Duett kommt kaum richtig zum Arbeiten.

Da tritt Roberto ins Spiel. Roberto ist Techniker bei Ferrari, irgendein Chef, er spielt in der Freizeit Gitarre in einer Band, und da haben wir’s: Der 458 wurde von Musikern gemacht, kein Wunder! ­Roberto jedenfalls sagt, dass der 458, und daher auch der Spider, selbst auf der Fahrt zum Käse­geschäft ein Supersportler sein muss und auch ist. Es ist ganz einfach: Was immer der Fahrer an Befehlen losschickt über die Kabel und die Gestänge, das Auto erledigt es ganz unmittelbar, die damit verbundenen Empfindungen sind nicht vom Tempo abhängig. Daher macht es sogar einen Riesenspaß, bei 40 einem Kanaldeckel auszuweichen. Zwei knappe Rupfer am Lenkrad, pro Hand drei Finger reichen, das Auto reagiert trocken, exakt und prompt, und man selbst wird eins zu eins mitbewegt. Und man wird eins mit dem Auto, das ­genau wünscht sich Roberto, und der Wunsch geht auch in Erfüllung.

Wie schön kann das Leben sein, wenn es sogar von Kanaldeckeln bereichert wird (eine Rennstrecke gehört aber trotzdem dazu, Sie können es im Supertest nachlesen). Ja, und man kann mit diesem ­Ferrari über den Kanaldeckel auch drüberfahren, ohne die Plomben zu verlieren, das nur nebenbei.

Die Geschmeidigkeit, mit welcher der Spider über die Serpentinen schwebt, ist ein relativ neues Asset der Marke. Wir kennen das vom California, auch dieser ein unkompliziertes Auto. Der 458 kann neben lustig aber auch arg, ein verdienstvoller Spagat.

Das Dach ist in 14 Sekunden offen. Trotz hochgefahrenen Windschotts zieht es zwischen zehn und 160 km/h merklich. Das dürfte sich bei höheren Geschwindigkeiten wieder legen, denn Ferrari meint, dass man sich noch bei 200 km/h in normaler Lautstärke unterhalten könne. Auf jeden Fall logisch ist die Hardtoplösung. Zum einen kann man nicht den California damit verkaufen und den teureren 458 mit Fetzendach. Zum anderen ist das Hardtop um 25 Prozent leichter als ein Dach aus verschiedenen Stofflagen. Und es ist besser und schöner. Was will man mehr?

Ferrari versteigt sich zur universellen Prognose: Softtop ist tot. Ist es ja auch, nur hat das bislang keiner so deutlich gesagt. Stellt euch vor, das Rolls-Royce Phantom Coupé hat ein Verdeck aus fünf Lagen, die unterste ist Kaschmir. Aber wie gesagt: Softtop ist tot.

Das Plastikpferdchen, das über der Frontlippe an einem Plastikstangerl klebt, sieht übrigens aus und fühlt sich an wie vom China-Supermarkt, eineurozwanzig. Wenn es sich machen ließe, ohne das Gewichtsverhältnis zwischen vorne und hinten zu versauen, würden wir uns vielleicht doch eine Galionsfigur aus Metall wünschen.

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