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Vom Leichenwagen zu Ferrari

Eine recht abenteuerliche Geschichte und eine Familienaufstellung später wird aus einer Möbelfabrik ein Ferrari. Der 250 GT Ellena.

17.04.2016 radical mag

Dann also: Ellena. Nein, das ist nicht der Vorname einer besonders hübschen Italienerin, sondern eine ehemalige Möbelfabrik. Wobei, eigentlich war es so: Antonio Ellena baute Holzaufbauten für Automobile. Zum Beispiel: Leichenwagen. Oder Obst-Transporter. Er bastelte auch noch Möbel, selbstverständlich ebenfalls aus Holz, doch Anfang der 50er Jahre liefen die Geschäfte nicht besonders – und weil er sah, dass in Turin und Mailand Meisterschneider wie Pinin Farina oder Bertone oder Touring gutes Geld verdienten mit schicken Aufbauten für Autos, überzeugte er seinen Sohn Ezio, sich doch auf dieses Spezialgebiet zu konzentrieren. Der brave Sohn ging bei der Carrozzeria Viotti in die Lehre. Mitte der 50er Jahre hatte er seiner Meinung nach genug gelernt, kehrte ins Geschäft seines Vaters zurück – und wollte sich vom Holz ab- und dem Stahl zuwenden.

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© Bild: RM Sotheby's

Stammbaum rund um den Ferrari 250 GT Ellena

Doch jetzt wird es kompliziert. Der beste Kunde von Holzbauer Ellena hieß Pollo. Der wiederum hatte einen Sohn, Luciano. Der heiratete die Tochter von Mario Felice Boano. Den wiederum kennen wir aus der Geschichte rund um den Ferrari 250 GT Boano. Boano, wir wissen es bereits, hatte 1954 die Carrozzeria Boano gegründet – und sich dort seinen Sohn Paolo, seinen Schwiegersohn Luciano Pollo und Ezio Ellena mit ins Boot geholt. Ob Ellena mit dabei war, weil er sich auch mit der Holzbearbeitung auskannte, ist nicht bekannt, auch ist nicht ganz klar, ob Ellena für Boano in einer Halle in Brescia, die zur ehemaligen Möbelfabrik gehörte, Arbeiten ausführte. Sicher ist hingegen, dass die neugegründete Carrozzeria Ellena 1957 von der Carrozzeria Boano die Aufbauten für den Ferrari 250 GT übernahm, weil Mario Boano und sein Sohn Paolo in Centro Stile von Fiat berufen worden waren.

Die ersten 8 Fahrzeuge entstehen

Ezio Ellena und Luciano Pollo machten genau dort weiter, wo Boano aufgehört hatte. Die ersten acht Fahrzeuge – 0679GT, 0681GT, 0685GT, 0687GT, 0691GT, 0693GT, 0695GT und 0697GT – waren genau gleich wie die 250 GT aus der Boano-Linie. Und werden deshalb als «Ellena Low-Roof» bezeichnet. Ab Chassisnummer 0699GT hatten die Ellena Coupé dann ein um 5 Zentimeter erhöhtes Dach, ein vielfach ausgesprochener Kundenwunsch schon zu Boano-Zeiten. Später vereinfachte Ellena das ehemalige Pininfarina-Design weiter, die Heckflügelchen fielen weg, die Front wurde angepasst. Insgesamt baute Ellena bis 1958 genau 50 dieser Fahrzeuge (bis Chassisnummer 0887GT).

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© Bild: RM Sotheby's

Carlo Abarth winkt ab

Und das war es dann eigentlich auch schon von der Carrozzeria Ellena. Also, man erhielt von Pininfarina, weiterhin knapp an Kapazität, noch ein paar Lancia Appia Coupé zum Umbau. Und man versuchte es 1960 mit dem als schwierig bekannten Carlo Abarth, der gerade mit Allemano unzufrieden war. Ellena entwarf einen Aufbau für das Fiat Abarth 2200 Coupé, den Abarth nicht so toll fand, Ellena verbesserte, zeigte auch einen weiteren Prototypen (unterdessen Abarth 2400), doch der Österreicher entschied sich dann doch für eine Zusammenarbeit – mit Allemano. Größter Erfolg der Nach-Ferrari-Zeit war ein Transporter auf Basis des Fiat 600 Multipla – mit Holzbeplankung. Womit dann auch dieser Kreis wieder geschlossen wäre. Und 1966 fertig.

Degradiert zum Ersatzteillager

Man darf davon ausgehen, dass wohl höchstens noch «originale» 15 Ellena-250er existieren; Stunden könnte man verblöden damit, sich die Geschichte der einzelnen Fahrzeuge anzuschauen. Denn der Wagen hatte ein Problem: er war quasi baugleich wie der weit begehrtere 250er-«Tour de France», Motor, Getriebe, Hinterachse, Aufhängung, Bremsen, Räder, alles gleich. Auch das Innenleben war identisch (übrigens auch mit dem California Spider), und so erlitt manch eine «billige» Ellena ein trauriges Schicksal als Ersatzteilspender. Dabei waren diese 250 wahre, feine Gran Turismo, mit der entsprechenden Untersetzung über 250 km/h schnell, schon damals. Technisch bleib alles beim Alten, also wie beim 250 GT Boano.

Übrigens wurde dieser 1957 Ferrari 250 GT Ellena von RM Sotheby’s versteigert – um 687.500 US-Dollar.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

  • ChV

    Ich finde den 250 TdF sogar ein bisserl unproportioniert, nicht zu vergleichen mit dem 250 SWB und natürlich den Ellena-Carrosserien, sind doch wunderschön. Ellena gab es auch auf FIAT, Abarth etc.

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