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Alles mit Geduld und Zwischengas

Volvo Duett, ein Fahrbericht. Doch eigentlich ist es viel mehr eine Liebeserklärung an das alte Blech.

08.09.2016 radical mag

So ein richtiger fetter Fahrbericht wird das nicht. Dafür habe ich den Volvo 445 Duett aus dem Jahre 1957, den mir das Volvo-Museum in Göteborg zur Verfügung stellte, über zu wenige Kilometer bewegen können. (Aber wir haben seine Entstehungsgeschichte ja sowieso schon beschrieben.) Doch wenn man so hinter dem Steuer eines bald 60-jährigen Veteranen sitzt, die Gänge sortiert und merkt, dass der Tritt auf die Bremse deutlich heftiger ausfallen muss, dann macht man sich so ein paar Gedanken. Nein, nicht über das Leben selbst, keine Angst, mehr so: altes Blech. Den Umgang damit, die Liebe dazu.

Erstmal einsteigen in den Volvo Duett und orientieren

Es ist so. Es beginnt ja schon damit, dass man sich ganz anders in so einen alten Wagen reinsetzt. Zuerst einmal: mit einem Lächeln. Vorsichtiger als sonst lässt man sich auf das Gestühl nieder, denkt dabei weder an Sitzposition noch an Seitenhalt, sondern freut sich am stabilen Stoff dieser Fauteuils. Und dann beginnt der wahre Genuss: ein Bakelit-Lenkrad fühlt sich einfach anders an als diese neue Materialien, schön kühl – man will es streicheln, dieses Lenkrad. Und dann gleiten die Fingerspitzen über die Schalter und Hebel, jeder einzeln will berührt werden, während man sich gleichzeitig überlegt, für was er denn dienen könnte. Ein bisschen damit spielen, ziehen, drehen, drücken, die meisten bleiben ein Rätsel, aha, das Licht, dort der Scheibenwischer, die Hebel für die Lüftung sind aus Metall. Ach, wie schön, als Ergonomie und Haptik noch Fremdworte waren, als all diese Bedienungselemente noch mehr nach einem Zufallsprinzip verteilt wurden. Oder einfach der Schönheit dienen durften.

Volvo-445-Duett (9)
© Bild: Peter Ruch

In der Ruhe liegt die Kraft

Na, dann fummele ich doch mal den Schlüssel ins Zündschloss rein. Also, ich versuche es zumindest: zur Auswahl stehen fünf verschiedene Schlüssel, das Zündschloss ist so angebracht, dass es zwischen Elenbogen und Handgelenk dringend noch ein drittes Gelenk brauchen würde, um es einigermaßen komfortabel zu erreichen. Das Schlüsselchen selber ist ein Witz, winzig, man bedient die Geschichte ganz vorsichtig, mit Respekt, es könnte ja auch abbrechen. Eine halbe Umdrehung, der Volvo zittert ein bisschen, ein klägliches Geräusch kommt vom Anlasser, einen Hauch Gas – und dann erwacht der Vierzylinder zum Leben. Oh, nein, kein schönes Geräusch kommt da vom Motor her, es ist mehr ein asthmatischer Traktor an der Arbeit, und das auch noch unwillig. Und zu Beginn mit unrundem Lauf. Und wohl deshalb höre ich auch genauer hin, versorge die Vergaser mit Treibstoff, der dann auch mit gehöriger Verzögerung dort ankommt. Und ich liebe genau das, man hört genauer hin, während man noch das Lenkrad streichelt sowie die Armaturen lustig zucken sieht – und man kann es auch riechen, dass vorne im Motorraum etwas geschieht. Es ist so ganz anders als in diesen neuen Fahrzeugen, die so steril wie die Chirurgieabteilung in einem Krankenhaus sind. Im Volvo bin ich mit allen Sinnen mit dabei – und nicht so schnell wie nur möglich von A nach B.

Das nächste Rätsel: wo genau könnte denn der erste Gang sein?

Und weil man ja ein bisschen vorausschauend denkt: wo der zweite – und wie geht es allenfalls rückwärts? Erste Erkenntnis: es ist nichts angeschrieben, also muss man es selber rausfinden. Zweite Erkenntnis: der erste Gang ist nicht da, wo er sonst ist. Aber Himmel, wo könnte er denn sein? Irgendwann merke ich: der Duett hat nur drei Gänge, der erste ist vorne links. Und der Rückwärtsgang, wie jetzt, drücken, hochziehen, rumgestoßen, blödes Teil, aha, doch noch, weiter drüben einfach. Außerdem habe ich unterdessen noch gemerkt, dass die Kupplung ihren Druckpunkt etwa einen Millimeter vom Nullpunkt entfernt hat. Was bei den hängenden Pedalen doch ein ganz schönes Stück Weg bedeutet.

Volvo-445-Duett (1)
© Bild: Peter Ruch

Fahren, ja, fahren. Wild ist ja anders

Das Getriebe hat einen unendlich langen Weg, die Lenkung ist sehr streng und mehr so eine ungefähre Richtungsvorgabe, der Motor das pure Gegenteil von Drehfreudigkeit. Dazu kommt, dass sich der ganze Wagen schüttelt, es jede Menge von eigenartigen Geräuschen gibt, deren Herkunft sich so auf die Schnelle nicht erfassen lässt, er knarzt und windet sich, der Volvo. Aber er fährt. Und ich sitze drin und bin voll dabei, hochkonzentriert wie sonst wohl nur auf der Rennstrecke, ich rieche den Wagen, ich höre ihn, ich spüre ihn. Dritter Gang, alles beruhigt sich ein bisschen, über Geschwindigkeitsbegrenzungen muss ich mir keine Sorgen machen, dafür über die nächste Kurve. Denn die Bremsen, also, trete ich jetzt wirklich auf die Bremse, langsamer wird der Wagen nicht. Mehr und mehr, und ich habe schon Angst, dass ich das Pedal jetzt dann gleich unten aus dem Boden trete, und dann tut sich doch noch ein klein bisschen etwas. Wobei ich wohl auch die Hand aus dem Fenster hätte halten könnten, die Verzögerung über den vergrößerten Luftwiderstand wäre wohl ähnlich.

Geduld und Zwischengas

Nach ein paar Kilometern habe ich mich daran gewöhnt, weiß, dass es vom dritten in den zweiten Gang Geduld und Zwischengas braucht, dass ich reichlich Abstand halten soll zum Vordermann und auch zur Kurve, dass die erstaunlichen Verwindungen des Wagens nicht von der schlechten Straße kommen, sondern vom Kombiaufbau. Und ich sitze lächelnd da und genieße das einfach. Und habe auch Zeit für die Vorstellung, wie es früher gewesen sein muss, denn mit genau solchen Fahrzeugen fuhren die schwedischen Familien damals ja nach Italien in die Ferien. Welch ein Abenteuer das gewesen sein muss! Und wie geschafft Vattern abends wohl gewesen sein muss, so nach 500, 600 Kilometern – oder sind wir heute einfach verwöhnte Warmduscher?

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

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