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Das Beste, was es derzeit für (ein noch vernünftiges) Geld zu kaufen gibt

Es sei gleich so viel verraten, der neue Porsche 718 Cayman ist ein richtig gutes Fahrzeug, besser war er noch nie. Dennoch geht eine Epoche zu Ende.

26.09.2016 radical mag

Es sei dies klar, deutlich und auch einigermaßen emotionsfrei geschrieben. Wer einen Sportwagen sucht, eine feine Fahrmaschine, und so 60.000 Euro und ein paar Zerquetschte investieren kann, kauft sich einen Porsche 718 Cayman. So nackt wie möglich (macht ihn leichter), unbedingt als Handschalter (dient auch der Werterhaltung), nicht als S (der kann nur mehr (theoretische) Längsdynamik), nicht als Boxster (das ist kein Sportwagen, sondern ein Cabrio). Also, merkt euch: Porsche 718 Cayman. Das Beste, was es derzeit für ein noch vernünftiges Geld zu kaufen gibt.

Der neue Porsche 718 Cayman auf den ersten Blick

Dass der Cayman, eingeführt 2005, schon in der Vergangenheit ein feiner Wagen war, hat er mehrfach bewiesen (siehe auch: GT4). Jetzt haben ihn die Stuttgarter umgetauft (718, in Erinnerung an einen großartiger Sieger in den 50er Jahren), neu positioniert (das Coupé ist erstmals günstiger als der Boxster) und in vielen Details überarbeitet. Neue Laternen, nur noch zwei Lamellen auf der Seite für die Belüftung des Mittelmotors, andere Türgriffe, Türen mit stärkeren Konturen – so erkennt man ihn auch von außen. An der Lenkung wurde nochmals geschraubt (10 Prozent direkter), auch am Fahrwerk, selbstverständlich an all den elektronischen Finessen und Fahrmodi und tralala. Weil man es halt kann, wie die Schwaben so gerne sagen.

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© Bild: Dirk Michael Deckbar

Wunderbarst präzis auch bei hohen Tempi

Entstanden ist dabei der feinste aller Cayman (mit Ausnahme des GT4), den es bisher gab. Dort von Innertkirchen den Susten hoch, eine der schönsten Bergstraßen der Schweiz, teilweise sehr enge Spitzkehren, dann wieder weite, breite, schön geschwungene Landstraßen, dort also ist der 718 Cayman einfach nur die wahre Freude. Er liegt wie das sprichwörtliche Brett, ohne deswegen unkomfortabel zu sein, wunderbarst präzis auch bei hohen Tempi, und dabei immer so freundlich und handzahm, dass man gar nie in Verlegenheit kommt, von Auto und seinen eigenen Fähigkeiten überfordert zu werden. Zum Drift muss er geradezu gezwungen werden, auch im schärfsten Modus Sport plus gibt es eine Ewigkeit Grip, bevor er dann hinten ein bisschen geht; gut, beim Rausbeschleunigen aus den Spitzkehren, im ersten Gang, da kann er schon. Aber halt auch dann vorhersehbar, angenehm. Ansonsten ist man einfach nur schnell. Und fröhlich. Und zufrieden. Mehr braucht auch der ambitionierte Sportfahrer wirklich nicht, zumindest nicht auf öffentlichen Straßen.

Neuer Motor und das Turbo-Loch

Der ganz neue Motor, ein Zweiliter-Turbo mit 300 PS, macht das alles auch bestens mit. Ach ja, ein kleines Loch hat er schon, oder schreiben wir: hätte, denn man bewegt einen Porsche ja gern in Drehzahlbereichen, in denen die Zwangsbeatmung sowieso schon sehr aktiv mittut. Oberhalb von 6.000/min kommt so etwas wie eine zweite Luft, da schiebt er noch einmal massiv nach, auch wenn die Freude eine relativ kurze ist, man muss ja dann die nächste Welle einwerfen. Aber auch da: perfektes Getriebe, sehr kurze Schaltwege, perfekte Übergänge – ein Traum. Dank Turbo ist das Drehmoment wie eine Wand, viel massiver als im freisaugenden Sechszylinder von früher, was viel zu einer entspannten Fahrweise beiträgt. In Zahlen: 380 Nm maximales Drehmoment stehen zwischen 1.950 und 4.500/min zur Verfügung. Mit PDK und Sport-Chrono-Paket rennt der kleine 718 Cayman in 4,7 Sekunden auf 100, unser Handschalter will es in 5,1 Sekunden schaffen. Und gegen oben ist erst beim 275 km/h Schluss. Das ganze Spiel soll sich mit einem theoretischen Durchschnittsverbrauch von 7,4 Liter (PDK: 6,9 Liter) ausgehen.

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© Bild: Dirk Michael Deckbar

Wo ist bloß der Motorsound im neuen Porsche 718 Cayman?

Aber, ja, selbstverständlich kommt da jetzt auch noch das «Aber»: nein, so richtig berauschend ist die Geräuschentwicklung nicht. 4 Zylinder, Boxer, Turbo, die Voraussetzungen sind schwierig, und wahrscheinlich machen die Stuttgarter Klangkünstler ja das Beste draus. Doch unsere Begeisterung hält sich in eher geringen Grenzen; auch bei geöffneter Klappe kommt da nichts, was uns Gänsehaut bescheren könnte. Dies soll auch den ersten Satz dieser Zeilen erklären, jenes «einigermaßen emotionsfrei», denn von einem Sportwagen erwarten wir, hmm: mehr. Oder zumindest: anderes. Aber wahrscheinlich muss man sich daran gewöhnen, wie auch an das automatisierte Zwischengas im Sport-Modus, das wir so ein bisschen als Beleidigung unserer eigenen Fahrkünste betrachten. Das braucht es nicht, werte Ingenieure, die einen können es selber – und alle anderen haben es nicht verdient. Und irgendetwas mit der Kupplung ist da auch noch, aber da müssen wir noch nachfragen. Doch wie erwähnt: es sind andere Zeiten, auch Sportwagen sind nicht mehr, was sie einst waren (siehe auch Fahrbericht Ferrari GT4Lusso, jenen ohne T). Die Epoche der wahren Fahrmaschinen ist still und leise gestorben – und sie wird nicht mehr zurückkehren.

Ja, Alltagsnutzen ist vorhanden

Ansonsten ist auch der günstigste aller Porsche ein echter Porsche, sehr sauber verarbeitet, schöne Materialien (auch bei den Stoffsitzen), es ist nicht nur alles da, was es braucht, sondern halt noch viel mehr. Sehr gute Sitzposition, bequemes Gestühl auch auf längerer Fahrt (und trotzdem herausragender Seitenhalt). Gleich zwei Kofferräume hat der 718 Cayman, vorne 150 Liter, hinten 275 Liter, das macht ihn auch alltagstauglich. Ansonsten herrscht auf den 4,38 Meter Länge und 1,8 Meter Breite eine angenehme Enge, so, wie man sich das von einem echten Zweisitzer auch wünscht. 1.335 Kilo gibt Porsche als Leergewicht an für den Handschalter, das ist ein guter Wert.

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© Bild: Dirk Michael Deckbar

Wir wiederholen unsere Einschätzung gerne

Der 718 Cayman ist ein wirklich gutes Angebot, unbedingt seinen Preis wert, denn er bringt eine vorzügliche Leistung. Wer mehr (akustische) Emotionen verlangt von einem Sportwagen, der muss vielleicht bei Alfa Romeo nachschauen – oder bei den Occasionsangeboten, bei den verstorbenen Sechszylinder-Cayman mit Saugmotoren. Es könnte allerdings gut sein, dass der Markt für solche Fahrzeuge bald schon sehr trocken sein wird.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

  • Franz Karl

    Und wenn der Motor 400 PS hätte – 4 Zylinder, Turboloch, Magersound – ALLES NO GO.
    Wer bei Porsche diese Entscheidungen getroffen hat, ist es meiner Meinung nach nicht wert, weiter bei Porsche arbeiten zu dürfen.

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